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Rezension von Dieter Gnambs am 05.03.2005

Cannabis und Cannabinoide

Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial


Cannabis und Cannabinoide Cannabis und Cannabinoide

von Franjo Grotenhermen (Hg.)
 
H. Huber, Göttingen, 2004
507 Seiten
Preis: 34,95 €
ISBN: 3456841051
 
Vor viertausend Jahren bricht der Sumererkönig GILGAMESCH auf der Suche nach der "Pflanze des Lebens", welche die Fähigkeit besitzen soll, den Menschen zu "verjüngen wie ein Adler", zum gewaltigen Maschu-Gebirge auf, "dessen Gipfel zum Himmelsgewölbe reichen und dessen Brüste die Unterwelt berühren". Der Mythos des GILGAMESCH-Epos verbreitete sich über die gesamte östliche Welt und gilt heute als die älteste Geschichte der Menschheit. Die begehrte Pflanze wird auch mit "Gras des Lebens" übersetzt und stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine der ersten Erwähnungen jenes Gewächses dar, das noch heute mit dem botanischen Namen cannabis sativa für wütende wissenschaftliche, politische und ideologische Auseinandersetzungen sorgt.

William EMBODEN, renommierter Botanik-Professor an der California State University, zog in den 1990er Jahren etwas glorifizierend, aber nicht unberechtigt, den Schluss: "Wir haben Grund zur Annahme, dass Hanf die Milch der Götter an der Wiege der Zivilisation war - Nahrung, Medizin und prophetische Pflanze, eine Pflanze, die sowohl Fasern für Stoffe und Papier liefert, wie auch den Zauberstab für schamanistische Heilungen und Harz zum Verschließen von Wunden abgibt, Kummer dauerhaft vertreibt, Asthmakrämpfe lindert und als Beruhigungsmittel dient" (Vorwort zu C. RÄTSCH, "Hanf als Heilmittel - Ethnomedizin, Anwendungen und Rezepte", 1998).

Geht es um Cannabis, dann, so scheint es, wird der Verstand spornstreichs in die Wüste geschickt und die Emotionen galoppieren. Die Fundis der Legalize-it-Bewegung adorieren, auf einem Auge blind, ihre Wunderpflanze als Schlüssel zu irdischem Glück und Frieden auf Erden, während die Koryphäen der heimischen Stammtische im botanischen Teufelszeug die Rennbahn zu Müßiggang, Lotterleben und, natürlich, zum goldenen Schuss zu erkennen wissen. Dazwischen: lähmendes Schweigen, tönende Stille und kompaktes Nichts.

Die Polarisierung hat auch längst den wissenschaftsmedialen und akademischen Bereich erfasst. Wie etwa das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, jene sich selbst als Inbegriff von Seriosität einstufende Politpostille voll unerschütterlichem Selbstbewusstsein und narzisstischem Eigenlob, die diffizile Cannabis-Berichterstattung ins Blatt zu heben pflegt, zeigen einige Titel der letzten beiden Jahre: "Cannabis verändert Gehirndurchblutung!", "Hasch mich, ich bin der Lehrer", "Brite kiffte sich zu Tode", "Marihuana macht Spermien schlapp!", "War Jesus ein Drogen-Jünger?" Und jedes Mal, wenn die medialen Nordlichter von der Alster zum großen Hanf-Halali blasen, rauscht es synchron im deutschsprachigen Blätterwald bis hinunter zum Oberammergauer Bayernkurier und dem Wiener Hausmeisterbrevier "Kronen-Zeitung".

Als anlässlich der letzten österreichischen Nationalratswahlen die zugkräftigen Themen abhanden zu kommen drohten, griffen die verzweifelten Wahlkampfstrategen der regierenden Österreichischen Volkspartei (ÖVP) wild entschlossen in die unterste Platitüdenschublade und attackierten die auf der Aufholspur keuchenden Grünen mit einem absoluten Totschlag-Slogan: deren ängstliches Bemühen um eine behutsame Liberalisierung der weichen Drogen-Gesetzgebung entlarvten sie kurzerhand als semi-kriminellen Kindes- und Jugendmissbrauch und lebensgefährdendes Spiel mit Sucht und Verelendung (Bundeskanzler Wolfgang SCHÜSSEL, beherzt Logik und Verstand ignorierend: Drogen-Verkauf in Hasch-Trafiken?). Was selbst in Kreisen der koalitionären rechtspopulistischen Schreihalstruppe Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) als allzu simpelhafte Biertischargumentation Verblüffung hervorrief und ob der kreativen Potenz des Regierungsrivalen peinlich aufstieß, wurde jedoch in Österreichs Blätterwald so ernsthaft diskutiert, dass manchem Lederhosenträger die Haare zu Berge standen. Die Grünen reagierten auf ungefähr gleichem, alternativem Niveau: in einem symbolischen Staatsakt eröffneten sie johlend und schenkelklopfend in Wien die erste österreichische Hasch-Trafik. Eine Riesengaudi so ein Drogenwahlkampf in Österreich.

Auch Deutschlands kühle Debattenredner greifen gern ins Volle, wenn sie Heimat, Abendland und Volksgesundheit in Bedrohung wähnen. Unvergessen bleibt Wolfgang KUBICKIs medialer Hysterieschub im Herbst des Jahres 2003. Als im Garten der Generalsekretärin seiner eigenen Partei, Cornelia PIEPER, die zerzausten Überreste eines komatösen Hanfpflänzchens zum Vorschein kamen, schrie der ansonsten eher hölzern formulierende FDP-Genosse medienadäquat nach schleunigster Politexekution seiner Chefin. Doch die wusste sich, ebenso unvergessen, argumentativ präzise zu wehren: "Der hat ja den Arsch nicht mehr in der Hose!" Einen profunderen öffentlichen Cannabis-Diskurs am Beginn des 3. Jahrtausends nach Christi Geburt könnte nicht einmal Dieter HILDEBRANDT auf die Bühne bringen!

Wenigstens Forschung und Wissenschaft sollten in der Lage sein, kühles Kalkül und ausgewogene Argumentation in die Waagschale zu werfen? - Naja.

Die medizinische Wirksamkeit von Cannabis insbesondere bei Übelkeit, Erbrechen, Anorexie und radikalem Gewichtsverlust (Kachexie) ist so gut wie unbestritten. Als Schmerzlinderungs- und Krampflösungsmittel zeigt es gleichfalls relativ gut gesicherte Effekte. Hinweise für positive Forschungsergebnisse gibt es auch bei Infektionen, Epilepsien und Entzugssymptomen. Sogar Autoimmunerkrankungen wie AIDS, Multiple Sklerose, Arthritis, Morbus Crohn und insulinabhängiger Diabetes mellitus (Typ-1-Diabetes) sprechen auf Cannabis-Wirkstoffe an. Grund genug also für eine boomende medizinische und pharmakologische Forschung, sollte man meinen. Weit gefehlt - wirtschaftliche Interessen und damit verbundene massive legislative Restriktionen machen derzeit eine sinnvolle Forschung nahezu unmöglich.

Auch die wissenschaftliche Literatur zum umstrittenen Thema bevorzugte über Jahrzehnte Heiß-Kalt-Duschen, die bisweilen abstruse Ausmaße annahmen. Als daher im Jahr 2000 eine deutschsprachige Sammlung von Texten erschien, die medizinische Untersuchungen über Cannabis-Wirkstoffe in breiter und ausgewogener Form, bar von Parteilichkeit und ideologischen Scheuklappen, zur Diskussion stellte, bedeutete dies ein Novum im öffentlichen Diskurs: "Cannabis und Cannabinoide - Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial" vereinigte mehr als 30 Texte zur Botanik, Chemie, Pharmakologie, Anwendungsindikationen, Risiken und Nebenwirkungen der so kontroversiell eingestuften Hanfpflanze.

Das Buch, herausgegeben von Franjo GROTENHERMEN im Hans-Huber-Verlag, ist nunmehr vollständig überarbeitet und wesentlich erweitert in 2. Auflage erschienen. Die Resonanz dürfte, wie schon anlässlich der Erstedition, kärglich ausfallen - nicht des Inhalts wegen, der liest sich ausgesprochen informativ und innovativ. Es handelt sich wieder einmal um ein Dossier von Insidern für Insider in der Sprache von Insidern. Einige der nunmehr insgesamt 39 Beiträge von fast 50 Autoren werden für Nichtmediziner erst nach mühevoller Übersetzungsarbeit zugänglich, die interessierte Laien-Öffentlichkeit dürfte zum guten Teil außen vor bleiben.

Die Mühe einer gewissenhaften Lektüre lohnt sich indessen. Sämtliche Bereiche der Cannabis-Forschung werden abgedeckt, wenn auch zum Teil unerquicklich flüchtig und schemenhaft.

Manfred FRANKHAUSERs Text zur Stellung des Hanfs in der westlichen Medizin etwa gibt einen historischen Überblick von der Antike bis zur Gegenwart. Die turbulente Epoche des 20. Jahrhunderts handelt er dabei allerdings in knapp zwei Seiten ab, und den wohl wichtigsten Hintergrund für die teilweise exzessiv geführte Debatte zur Cannabis-Restriktion und -Prohibition, den wirtschaftlichen Aspekt, gar nur in fünf Zeilen. Dabei wäre gerade dieses Kapitel als Politkrimi mit höchstem Spannungsgehalt zu lesen.

Einer der ersten, der tatsächlich im deutschsprachigen Raum die traditionelle Schwarz-Weiß-Malerei im Drogendiskurs aufzuweichen versuchte, war der Berliner Sozialwissenschaftler Ulf HOMANN. Ende der 1960er Jahre nahm er an einer breit angelegten empirischen Untersuchung zu Fragen des Drogenkonsums teil. Die Ergebnisse seiner Arbeit publizierte er ziemlich blauäugig als Argumentationshilfe für eine zügige Aufweichung der Strafsanktionen zumindest beim Konsum von weichen Drogen, knüpfte daran jedoch noch Überlegungen zu einer völligen Freigabe, womit er allerdings auch eine breite Debatte zu Gunsten eines weitgehend unkritischen Legalize-it-Kreuzzugs lostrat (U. HOMANN, "Das Haschischverbot - Gesellschaftliche Funktion und Wirkung", 1972).

HOMANN griff die damals gerade irrational aus dem Ruder laufende Hanfphobie der UNO-Drogenkommission an, die bis heute die rigide europäische Cannabis-Gesetzgebung prägt. Unter dem massiven Druck einflussreicher, politisch rechtsaußen stehender Lobbyisten der US-Pharmaindustrie hatte Gabriel NAHAS, "seines Zeichens hyperventilierender Hanfverteufler" (Terminologie des Vereins für interaktive Randgruppenarbeit und Suchtproblematik in Basel) die Funktion eines Sonderberaters der Narkotika Kommission der UNO angetreten. Mit ihm verfestigte sich der Geist der Repression in der UNO radikal, nachdem in den Jahren zuvor aufgrund wissenschaftlicher (vor allem medizinischer) Erkenntnisse die Stimmung gegen Cannabis langsam aufzuweichen begonnen hatte - eine Profitbedrohung für amerikanische Pharmariesen, die Einbußen in ihrem Markt an synthetischen Analgetika- und Krampflösungsprodukten befürchteten.

NAHAS, ein ägyptischer Arzt, der lange Zeit in den USA lebte, erwies sich als typischer Law-and-Order-Mann amerikanischen Zuschnitts. Als beinharter Vertreter der Interessen des Großkapitals brauchte er seine ideologische Nähe zum stockkonservativen, auf Sicherheit bedachten Großbürgertum nicht zu verleugnen. Um seine puritanischen Zielsetzungen nahtlos umsetzen zu können, verstieg er sich zu teilweise abstrusen Behauptungen, wobei er sich auf fundamentalistische Cannabisjäger (vor allem auf den Arzt James MUNCH) berief. Abenteuerliche Legenden geisterten, von MUNCH und NAHAS in die Welt gesetzt, durch die Gazetten - Jointrauchen als landläufige Selbstmordmethode in Europa, mehrköpfige Embryonen als Folge bereits geringen Marihuanakonsums, weibliche Brüste bei Männern und Schnauzerbildung bei Frauen, Impotenz und Unfruchtbarkeit durch Potrauchen. Teilweise standen die Aussagen geradezu im Widerspruch zueinander. Im Prozess gegen Lieutenant CALLEY, dem Schlächter von My Lai, der im Vietnam-Krieg für eines der blutigsten Massaker von US-Soldaten an der Zivilbevölkerung verantwortlich zeichnete, plädierte NAHAS auf Unzurechnungsfähigkeit des Angeklagten, da in jenem Raum, in dem CALLEY seinen Befehl zur Auslöschung My Lais gegeben hatte, drei Tage zuvor ein Joint geraucht worden war. Im Prozess gegen Charles MANSON und dessen durchgedrehte Hippie-Kommune hingegen, die im Drogenrausch die Hollywood-Schauspielerin Sharon TATE und deren Freunde abgeschlachtet hatten, kam er wiederum zum gegenteiligen Ergebnis, wobei er sich auf Aussagen MUNCHs stützte: "Die Annahme, Marihuana würde die Persönlichkeit nachhaltig beeinflussen, ... gehört zu den Annahmen der Vergangenheit ... Die geschehenen Morde haben ihre Ursache nicht im Rauschgift, sondern in der Persönlichkeit des Angeklagten." CALLEY wurde zu einer geringfügigen Freiheitsstrafe verurteilt und kam nach wenigen Jahren unter kommoden Haftbedingungen vorzeitig frei. MANSON sitzt lebenslang.

1981 stellte US-Präsident Ronald REAGAN NAHAS einen kongenialen Partner zur Seite: Der bisherige CIA-Direktor George BUSH sen., ein rechter Haudegen in Worten, Taten und Geisteshaltung, wurde zum neuen Direktor der Drogenverfolgungsbehörde ernannt, eine Funktion, zu der er als ehemaliger Lobbyist der Pharmaindustrie und Großaktionär bei diversen Pharma-Firmen ausreichend prädestiniert schien. Die Folgen der Tätigkeit des konservativen Doppelpacks an der Spitze der UNO- und US-Drogenpolitik wurden sofort spürbar. Während einerseits medizinische Forschungen über die Wirksubstanzen von Cannabis und Cannabinoiden nicht mehr zu verhindern waren, verschärften sich andererseits Gesetzeslage und gesellschaftliche Ächtung, vor allem unter dem massiven Druck der Pharma-Riesen. In den USA griffen Kontrollmaßnahmen und Urintests durch Arbeitgeber, Schulen und Sportvereine für ihre Mitarbeiter und Mitglieder immer weiter um sich. Die REAGAN-Regierung und George BUSH sen. als Chef der US-Drogenfahndung und Interessensvertreter der Pharmaindustrie versuchten in Universitäten und Bibliotheken sämtliche Dokumente und Materialien der wissenschaftlichen Cannabis-Forschung zur geheimen Verschlusssache erklären zu lassen und damit dem Zugriff der Öffentlichkeit zu entziehen. Der Sturm der Empörung, der in akademischen Kreisen losbrach, zwang sie jedoch, von dieser einzigartigen Zensurmaßnahme wieder Abstand zu nehmen (dennoch sind seither große Mengen an Untersuchungsmaterial aus den Universitätsbibliotheken verschwunden und nicht mehr aufzufinden!).

NAHAS trieb es schließlich denn doch zu bunt, seine Statements zur Cannabis-User-Verfolgung und zur Drogengesetzgebung gerieten immer bizarrer, bis er schließlich unter dem Druck der aufgebrachten wissenschaftlichen Öffentlichkeit seinen Sessel räumen musste. Die Folgen blieben allerdings fatal. Vor allem die Jurisdiktion in zahlreichen europäischen Ländern hatte sich radikal verschärft. Noch 1988 erließ die deutsche Regierung ein rigides Cannabis-Verbot, das auch jegliche wissenschaftliche Forschung kriminalisierte. Erst in den späten 1990er Jahren vermochten sich Wissenschaftler freiere Luft zu verschaffen, indem sie immer lauter auf das medizinische Heilungspotenzial der Cannabispflanze aufmerksam machten.

Franjo GROTENHERMEN listet in seinem Beitrag "Übersicht über die therapeutischen Wirkungen" die diversen Einflussfaktoren in einer Hierarchie der therapeutischen Effekte auf, wobei er allerdings nicht zwischen Dronabinol, dem isolierten, synthetisch hergestellten Cannabis-Wirkstoff THC, und natürlichen Cannabisprodukten differenziert. Sehr gut verifiziert scheint demnach die THC-Effizienz bei Übelkeit und Erbrechen (etwa im Zusammenhang mit einer chemotherapeutischen Krebsbehandlung) sowie bei Anorexie und "auszehrendem" Gewichtsverlust im Endstadium einer AIDS-Erkrankung (AIDS-wasting). Die appetitanregende Wirkung des THC und anderer Cannabinoide kann hier eine Steigerung der Nahrungsaufnahme bis zu 40% bewirken. Zwei synthetisch hergestellte Präparate sind in Deutschland in diesem Zusammenhang endlich arzneimittelrechtlich zugelassen: Marinol (unter dem Markennamen Dronabinol) und Cesamet (Markenname Nabilon).

Gleichfalls gut gesichert scheint die THC-Wirksamkeit bei spastischen und Bewegungsstörungen (vor allem bei Multipler Sklerose und Tourette-Syndrom, nicht jedoch beim Morbus Parkinson) sowie bei Schmerzzuständen und Asthma. Zu den historisch am ältesten überlieferten Indikationen zählt der THC-Einsatz bei Epilepsien, intensive Langzeituntersuchungen stehen jedoch noch aus. Die stimmungsaufhellende Wirkung bei Depressionen ist noch nicht gesichert, aber wahrscheinlich. Umstritten bleibt die Beeinflussung psychiatrischer Symptome (Halluzinationen, Wahnvorstellungen) sowohl in verstärkender als auch in sedierender Form.

Wohl am kontroversiellsten zeigt sich - entgegen landläufiger Meinungen zur Suchtproblematik von Cannabis - die Wirksamkeit von THC bei der Bekämpfung von Suchtsymptomen, weshalb es in wissenschaftlichen Insiderkreisen sogar als Ausstiegsdroge bezeichnet wird. Dabei spielt sowohl die Verminderung körperlicher Entzugssymptome als auch die Reduzierung der mit der Aufgabe des Suchtmittelkonsums verbundenen stressenden Gefühle eine Rolle. Vor allem in der Alkohol- und Opiatentwöhnung könnten sich Cannabis-Substitutionsprogramme als zielführend erweisen (analog zum Methadon-Substitutionsprogramm bei der Heroinabhängigkeit).

Kurios präsentiert sich die Situation im Kifferparadies Kalifornien. Dort existieren gleichzeitig ein Landes- und ein Bundesgesetz, die einander teilweise widersprechen. Das kalifornische Gesetz über die medizinische Verwendung von Marihuana, der Proposition 215 aus dem Jahr 1996, führte zur Gründung zahlreicher Cannabis-Buyers-Clubs (CBCs), deren legaler Status sich als problematisch erweist. Ursprünglich wurde die erste dieser Cannabis-Verkaufsstellen in San Francisco gegründet als Initiative zur Legalisierung von Marihuana für medizinische Zwecke, vor allem für AIDS-Patienten. Proposition 215 legalisierte zwar nicht die medizinische Verwendung im Sinne einer Etablierung eines legalen Verschreibungs- und Verteilungssystems - dem widersprechen die amerikanischen Bundesgesetze -, es gestattet jedoch einzelnen Patienten mit einer entsprechenden ärztlichen Empfehlung Cannabis zum persönlichen Konsum zu besitzen und anzubauen. Die CBCs als allgemein zugängliche Verkaufsstellen für medizinische Belange existieren daher streng genommen auf illegalen (bzw. gesetzlich unklaren) Grundlagen, erfreuen sich jedoch einer konstanten Vermehrung, obwohl sie von den Bundesbehörden massiv bekämpft werden. Mittlerweile wurden in 7 weiteren US-Bundesstaaten Landesgesetze für die Gründung von CBCs erlassen, auch Kanada hat sich diesem System der Cannabis-Verteilung für medizinische Belange mit zur Zeit (Juli 2003) etwa einem Dutzend Compassion Clubs angeschlossen.

Die Risiken und Nebenwirkungen von Cannabis bzw. synthetischem THC sind eigentlich gut untersucht, unterliegen jedoch starken ideologischen und von wirtschaftlichen Interessen bestimmten Verzerrungen (die synthetische THC-Produktion verursacht um ein Vielfaches höhere Kosten als der landwirtschaftliche Marihuana-Anbau!). Heute weit akzeptiert gilt die Einschätzung des Berichts des Medizininstituts der USA von 1999 zur medizinischen Verwendung von Marihuana:

"Marihuana ist keine vollständig gutartige Substanz. Es ist eine starke Droge mit einer Vielzahl von Effekten. Allerdings bewegen sich die unerwünschten Effekte einer Marihuanaverwendung mit Ausnahme der Schäden, die mit dem Rauchen (gemeint ist, ähnlich wie bei Tabak, der eigentliche Rauchvorgang mit der Gefahr von Gaumen-, Kehlkopf- und Lungenschädigung) verbunden sind, innerhalb der Effekte, die bei anderen Medikamenten toleriert werden."

Markus LEWEKE beschreibt in seinem Beitrag "Akute Effekte" die Auswirkungen von Cannabinoiden auf das Zentralnervensystem, wobei er die Bedeutung der individuellen Disposition des jeweiligen Users hervorhebt. Übereinstimmend betont werden jedoch die "subjektiv wahrgenommenen Akutwirkungen von Cannabis bereits in niedriger und mittlerer Dosierung hinsichtlich einer Veränderung sowohl der Sinnesqualitäten mit einer Verstärkung der äußeren und inneren Wahrnehmung als auch der Zeitwahrnehmung" (z.B. objektive Verminderung der Verkehrssicherheit bei subjektivem Sicherheitsgefühl!).

Bei mittlerer Dosierung und entsprechender Disposition "können emotionelle Reaktionen intensiviert werden und vorübergehendes halluzinatorisches Erleben auftreten." (z.B. wurden paranoide Verhaltensweisen beobachtet). Abhängig von kulturellen Einflüssen und persönlicher Anfälligkeit können nach einmaliger Einnahme von Delta-9-THC "kurzfristige Intoxikationspsychosen" (vom Zustandsbild einer schizophrenieähnlichen Störung) auftreten, "die jedoch nach Abklingen der akuten THC-Wirkung rasch oder längstens nach wenigen Tagen vollständig remittieren, von den Betroffenen aber retrospektiv vollständig erinnert werden können." Nicht nur der natürliche Konsum, sondern auch die medizinische Applikation von Cannabinoiden sollten daher bei Menschen vermieden werden, die individuell- oder familienanamnestisch Belastungen durch Symptome schizophreniformer, bipolar affektiver (manisch depressiver) oder unipolar manischer Psychosen aufweisen.

Im kognitiven Bereich treten Konzentrationsstörungen und Kurzzeitgedächtnisstörungen hervor, aber auch feinmotorische Beeinträchtigungen und verlängerte Reaktionszeiten (weshalb die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen und die aktive Teilnahme am Straßenverkehr deutlich eingeschränkt ist!). Nicht zuletzt können THC und andere Cannabinoide aufgrund ihrer deutlich appetitanregenden Wirkung bei chronischem Konsum zu unerwünschten Gewichtszunahmen führen (insbesondere im Zusammenhang mit einer Nikotinentwöhnung).

Das viel zitierte Demotivationssyndrom bei chronisch-intensivem Cannabiskonsum (mit zunehmender Emotionsverflachung, Antriebs- und Interesselosigkeit) wird zwar registriert, weist jedoch eine deutliche Abhängigkeit zur individuellen Prädisposition auf.

Die Verharmlosungsstrategie der Legalize-it-Glaubensgemeinschaft erweist sich mithin ebenso blauäugig und eindimensional wie die ständigen Relativierungsversuche gegenüber den - realen - Gefahren des Suffs und das schlichtweg schwachsinnige Plädoyer für ein Freiheitsrecht auf individuellen Rausch. Die Freigabe von Cannabis ist nur zu fordern mit dem offenen Blick auf beide Seiten der Medaille und sollte abgekoppelt bleiben vom grundlegenden Recht auf freie Forschung und Wissenschaft.

Die Neupublikation von GROTHERMENs Sammelwerk könnte einen zaghaften Schritt zu einem ausgewogeneren Umgang mit weichen Drogen darstellen. Hanf-Hasser und Hanf-Mythomanen sollten gleichermaßen die Finger davon lassen, ihre Vorurteile könnten beschädigt werden. An Hanf unvoreingenommen Interessierte müssten es eigentlich zweimal lesen.

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