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Rezension von Dieter Gnambs am 01.02.2005

In Männerkleidern

Das verwegene Leben der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Lagrantinus Rosenstengel, hingerichtet 1721.


In Männerkleidern In Männerkleidern

von Angela Steidele
 
Böhlau, 2004
250 Seiten
Preis: 22,90 €
ISBN: 3412167037
 
34 Jahre wurde sie alt, ehe sie anno 1721 durch das Schwert hingerichtet und unterm Galgen unehrenhaft verscharrt wurde. Und dies scheint bereits einem Gnadenakt des von Großmut befallenen preußischen Königs FRIEDRICH WILHELM I. zu danken sein, denn ursprünglich sollte der Leichnam der schandbaren Delinquentin nach der spektakulären Volksbelustigung einer öffentlichen Enthauptung verbrannt und die Asche "in alle Winde zerstreut werden, um jede Erinnerung an sie und ihre Tat auszulöschen" (A. STEIDELE, S. 150).

Catharina Margaretha LINCK hieß die junge Frau, deren lebloser Körper, dank königlicher Huld, zwar nicht in alle Winde zerstob, die mit ihrem kurzen, kärglichen Leben jedoch vollständig aus der Erinnerung des öffentlichen Bewusstseins verschwand. Die Schandtat, um derentwillen die sächsische Bevölkerung, die Stadtregierungen von Halberstadt, Erfurt, Halle an der Saale und die religionstrunkene Region rund um die LUTHER-Stadt Wittenberg in hellen Aufruhr gerieten, veranlasste die königliche Hofkanzlei in Berlin zu einer aufgeregten Anfrage an den "allerdurchläuchtigsten, großmächtigsten und allergnädigsten" Monarchen:

"Es hat sich zu Halberstadt ein so gar extraordinaires Verbrechen zugetragen, daß eine Weibes-Persohn (eine) andere würcklich sich (hat) antrauen lassen, beyde als Mann und Frau durch gebrauch eines darzu gefertigten Ledernen Instruments etlich jahre zusammen gelebet, dabey haben sich mit der als Mann verkleideten Frau noch verschiedene andere rare begebenheiten zugetragen, als sie nemblich ... etliche mahl getauft worden, (gegen Bezahlung) ihre religion verändert, und sich 2 mahl priesterlich copulieren lassen." Die entsetzten Rechtssprecher gerieten sich anscheinend über diesen "seltzsahmen casus" selbst in die Haare und vermochten sich nicht auf eine angemessene Strafe zu einigen. Die Duisburger Universitätsherren forderten den Strang für den Frevel des als Mann verkleideten Weibes, um sie anschließend gründlich und endgültig zu verbrennen. Die Halberstädter Regierung indessen bevorzugte eine kurze Prozedur und plädierte für das Schwert. Ganz liberale Ratsherrn vermeinten sogar nach gründlichem Studium der "Sodomiterey"-Zitate in der Bibel von der Todesstrafe absehen zu können. Es genüge vollends, die Schandperson "mit harten Staupenschlägen zu belegen, (sie) hernach aber auff Zeit Lebens ins Spinnhaus zu bringen", was allerdings in Anbetracht der dortigen Arbeits- und Unterbringungsbedingungen einer Strafverschärfung gleichgekommen wäre.

Dem Nervenarzt Franz Carl MÜLLER kam erstmals das Verdienst zu, das Schicksal der unglücklichen Catharina Margaretha LINCK dem Schleier des Vergessens entrissen zu haben: Ende des 19. Jahrhunderts publizierte er unter dem Titel "Ein weiterer Fall von conträrer Sexualempfindung" einen Auszug aus den Gerichtsakten zum Fall LINCK (in: "Friedreich´s Blätter für gerichtliche Medizin", 1891). Zumindest in Kreisen von Historikern, Sexualwissenschaftlern und Juristen gewann damit die geschundene, lesbisch fühlende und begehrende Frau aus der Epoche der mühevollen Regenerationsjahre nach dem Wüten des Dreißigjährigen Krieges ein Stück ihrer gebrochenen Identität zurück - und sei es auch nur als "vermutlich letzte Frau, die wegen der so genannten Unzucht mit einer anderen Frau in Deutschland hingerichtet wurde" (A. STEIDELE, S. 1).

Nunmehr griff Angela STEIDELE, eine neugierige Kölner Frauenbewegte, das Thema historischer, gleichgeschlechtlicher Frauenliebe in Deutschland auf, ein Thema, das, trotz phasenweise heftiger feministischer Lesbenforschung, bis heute merkwürdig blass geblieben ist. Während zur Geschichte der Männerliebe im deutschsprachigen Raum seit der Epoche des Mittelalters zahlreiche Untersuchungen und Faktensammlungen vorliegen, scheint das weibliche Pendant, insbesondere die lesbische Kultur der Neuzeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, gegenwartsbezogene Feministinnen weitgehend unberührt gelassen zu haben.

Verweise auf historisch belegte Einzelschicksale lesbischen Martyriums existieren zwar, detailgetreue Untersuchungen standen jedoch bis heute aus. Immer wieder ins Gedächtnis gerufen wird das Schicksal der Lesbierin Katherina HETZELDORFER, die 1477 in Speyer unter öffentlichem Beifall ertränkt wurde. Auch Anna Ilsabe BUNCK ist Frauenforscherinnen ein Begriff. 1702 wurde sie in Hamburg als "Jungfer Heinrich" gemeinsam mit ihrer Lebens- und Liebesgefährtin aufs Rad geflochten. Und auch die herzensguten Österreicher brachten noch 1748 eine der ihren, Maximiliana von LEITHORST, ums Leben, weil diese seit ihren Pubertätsjahren als Mann ihr Glück gesucht hatte.

Angela STEIDELE, Jg. 1968, promovierte Literatur- und Musikwissenschaftlerin, beschäftigt sich bereits seit Jahren aus akademischem Interesse und eigener Betroffenheit mit der Sozial- und Kulturgeschichte der Frauenliebe im deutschsprachigen Raum. Vor einigen Jahren veröffentlichte sie ihre zum Buch erweiterte Dissertation "Als wenn du mein Geliebter wärest" (Metzler-Verlag, Stuttgart/Weimar; 2003), worin sie erstmals eine wissenschaftliche Enttabuisierung der lesbischen Liebe im frühen 19. Jahrhundert versuchte. Einzelstudien zu Bettine von ARNIM, Luise GOTTSCHED und Annette von DROSTE-HÜLSHOFF bilden darin den perspektivischen Rahmen zur Betrachtung bürgerlicher Formen weiblicher Zuwendung unter der erstickenden Käseglocke patriarchaler Moralvorstellungen.

Ihr Interesse am Schicksal Catharina Margaretha LINCKs entfachte jener Nervenarzt MÜLLER, der sich Zeit seines Berufslebens intensiv mit den mannigfaltigen Äußerungen homosexueller Lebensformen beschäftigte. MÜLLER wurde auf dieses Thema nicht zufällig aufmerksam. Als junger, ehrgeiziger Schüler des dazumals als äußerst fortschrittlich und liberal geltenden Psychiaters Bernhard von GUDDEN (1824-1886), einem der Leibärzte des extravaganten Bayernkönigs LUDWIG II., wurde er bereits früh zum Hausarzt ("Irrenarzt") OTTOs, des geisteskranken Bruders des Bayernmonarchen, berufen. Sein ärztlicher Einblick in das krude Sippensystem der bayerischen Königsdynastie brachte ihn in engen Kontakt zu LUDWIG selbst und dessen homoerotische Begehrlichkeiten. Am 9. Juni 1886 war LUDWIG entmündigt und unter Aufsicht von GUDDENs an den Starnberger See abgeschoben worden, wo er einige Monate später zuerst seinen ärztlichen Begleiter und anschließend sich selbst ertränkte. MÜLLER war es, der die Leichen seines Monarchen und seines medizinischen Mentors am Seeufer fand und barg. Seine daraus resultierenden Aufzeichnungen ("Die letzten Tage König Ludwigs II. von Bayern - Nach eigenen Erlebnissen geschildert", 1888) machten ihn mit einem Schlag über die bayerischen Landesgrenzen hinaus berühmt und erweckten sein ärztliches Interesse an sämtlichen Formen homosexueller Lebensäußerungen, wobei er sukzessive immer liberalere Positionen einnahm. Seinen Plan zu einer umfassenden Arbeit über die "Sodomie" in den deutschen Ländern vermochte er nicht in die Tat umzusetzen, als Ergebnis seiner Voruntersuchungen publizierte er jedoch 34 Blätter der Gerichtsakte C.M. LINCKs und entriss diese damit dem vollständigen Vergessen.

STEIDELE nahm MÜLLERs karge Notizen zum Ausgangspunkt einer detailreichen Untersuchung des abenteuerlichen und tragischen Lebens dieser Frau aus der Epoche der beginnenden deutschen Aufklärung. Sie entfaltet das Drama eines von Geburt an benachteiligten Frauenlebens im verzweifelten Bemühen um Existenzsicherung, Anerkennung und sozialen Kontakt.

Catharenia Margaretha LINCK besaß keine faire Chance für eine auch nur annähernd zufrieden stellende Lebensgestaltung im noch immer starr und ständisch organisierten preußischen Staatsgefüge des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Als uneheliche Tochter einer verelendeten Wollweberswitwe zwang sie das Schicksal in das soziale Elendskorsett des IV. Standes, aus dem es gewöhnlich kein Entrinnen gab. Die ersten neun Lebensjahre zog sie mit ihrer Mutter ziel- und orientierungslos durch die sächsische Provinz. "Wie (die Mutter) Magdalena LINCK sich und ihre kleine Tochter in (diesen) Jahren durchbrachte, ist nicht bekannt. Vielleicht blieb sie bei den Soldaten als Marketenderin, vielleicht arbeitete sie als Magd, vielleicht musste sie sich prostituieren. Ihr Kind hatte großes Glück, überhaupt zu überleben."

1696 tauchten Mutter und Tochter in Glaucha auf, einem verkommenen 1200-Seelen-Nest, dem Armut und Alkohol aus allen Poren troffen (etwa ein Viertel der 160 Häuser des Ortes bestand aus Branntweinschenken, die Säufer der gesamten Region magisch anzogen). Die beiden Zugewanderten hatten Glück im Unglück. Just zu dieser Zeit eröffnete ein junger pietistischer Pastor, August Hermann FRANCKE (1663-1727), ein Waisenhaus, um die erstarrte Reform des Luthertums unmittelbar am Puls des Volkes aufs Neue zu reformieren. Unzufrieden mit der papieren und leblos wirkenden Glaubenspraxis des orthodoxen Lutherismus, erstrebten die Pietisten (in Anlehnung an ihren Gründervater Philipp Jacob SPENER) mystische Bekehrungserlebnisse als eine Art religiöser Wiedergeburt. Zahllose miteinander wetteifernde Glaubensgemeinschaften schossen wie Pilze aus dem Boden, um im Volk praktische Nächstenliebe zu üben. Der 29jährige FRANCKE erkor sich den sozialen Bodensatz Sachsens und wählte Glaucha als Stätte seines reformatorischen Wirkens. Mutter und Tochter LINCK fanden als eine der Ersten Aufnahme im neu gegründeten Waisen- und Armenhaus.

Magdalena LINCK verließ als werktätige Magd bis zu ihrem Tod im Jahre 1739 nicht mehr die kalten, aber existenzsichernden Mauern des FRANCKE´schen Seelenkuratoriums. Ihre Tochter hingegen vermochte auf Dauer dem streng religiösen, bildungs- und lebensfeindlichen Ambiente pietistischer Zucht- und Heilsvorstellungen nicht standzuhalten. Knapp 13jährig begab sie sich auf die Wanderschaft, um fortan ihre eigenen Ziele zu suchen. Als Abschiedspräsent und künftige Orientierungshilfe durfte sie einen Katechismus, einen Psalter und ein Neues Testament für ihren weiteren Lebensweg in Empfang nehmen.

1700 traf das junge Mädchen in Halle an der Saale ein. Zwei Jahre lang verdingte sie sich als Hilfskraft bei einem Knopfmacher und einem Kattundrucker - als Mädchen blieb ihr der Weg einer Lehre versperrt -, dann ergriff sie neuerlich die Flucht. 1702 oder 1703 dürfte das Jahr ihrer persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Wende gewesen sein. Als sie im Städtchen Calbe, an der Mündung der Saale in die Elbe, auftaucht, trägt sie zum ersten Mal Männerkleidung. Bei ihrem Prozess 1721 nach den Gründen für ihren Geschlechterwechsel befragt, greift sie zu zwei Rechtfertigungsversuchen: "Zum einen habe sie keusch leben wollen, zum anderen hätten das ja mehr Weibsleute getan" (A. STEIDELE, S. 29).

Den Keuschheitswunsch tat der Untersuchungsrichter kurzerhand als unglaubwürdig ab, hätte sie dies ernst gemeint, wäre sie nicht später eine Ehe mit einer Frau eingegangen. Der Gedanke, ein Geschlechtertausch könnte einer 15jährigen beziehungslosen Pubertierenden eventuell Schutz vor rabiaten männlichen Sexualavancen bieten, kam dem juristischen Präzisionsdenker in keiner Sekunde. Das zweite Argument hingegen hatte einiges für sich. Einschlägige Untersuchungen haben ergeben, "dass als Frauen verkleidete Männer in der frühen Neuzeit keine kuriosen Einzelfälle waren. Sie fuhren zur See wie Anne MILLS oder Maritgen JENS, dienten als Soldaten wie die Niederländerin MARIA von Antwerpen oder die Deutsche Antoinette BERG, oder wurden sogar Piraten wie Anne BONNEY oder Mary READ. Die meisten der bislang bekannten Fälle stammen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, doch ist z.B. auch aus dem Mittelalter ein Fall bekannt: 1188 stellte sich beim Tod des jungen Novizen JOSEPH im Kloster Schönau bei Heidelberg heraus, dass dieser Mann tatsächlich eine Frau gewesen war, die daraufhin als HILDEGUND von Schönau bekannt wurde" (zit. nach: Rudolf DEKKER / Lotte van de POL, "Frauen in Männerkleidern - Weibliche Transvestiten und ihre Geschichte", Wagenbach-Verlag, 1990).

Auch Catharina Margaretha LINCK beschritt den Weg des frau-männlichen Geschlechtertauschs, wohl "aus einem schlichten, handgreiflichen Motiv: Armut ... Denn im Gegensatz zur Verwandlung vom Mann zur Frau bedeutete die Verwandlung von der Frau zum Mann immer sozialer Aufstieg. Als Mann konnte eine Frau aus der Unterschicht nur gewinnen. Dies und die Lust an anderen Frauen dürften die Faktoren gewesen sein, die zu Catharina LINCKs Entscheidung führten" (A. STEIDELE, S. 30).

Fortan führte die junge Frau das Leben eines Mannes, trat als solcher einer radikalpietistischen Täufersekte bei, die predigend und missionierend durch Sachsen zog und aufgrund ihrer irrationalen ekstatischen Weissagungen aus den meisten Dörfern geprügelt wurde. Getauft auf den abenteuerlichen Namen Anastasius Lagrantinus ROSENSTENGEL geriet sie in die Fänge militärischer Werber und focht als Musketier bei den hannover-lüneburgischen Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg. Desertionen, Haftaufenthalte, Teilnahme an weiteren Feldzügen - LINCK-ROSENSTENGEL mutierte zum soldatesken Haudrauf, der seinen Sold mit den Dirnen der Heerestruppen durchzubringen suchte. 1717 verdingte er/sie sich bei einem französischen Strumpfmacher in Halberstadt und führte im Herbst desselben Jahres seine Geliebte Catharina MÜHLHAHN zum Traualtar. Zwei Jahre lang vagabundierten die beiden ROSENSTENGELs von Kloster zu Kloster, Pfarrei zu Pfarrei, boten ihre Dienste an, ließen sich gegen bare Münze zum Katholizismus und wieder zum Protestantismus zurück bekehren, bis die misstrauisch gewordene Schwiegermutter Anastasius-Catharinas in einem rabiaten Gewaltstreich das wahre Geschlecht ihres Eidams entlarvte.

"... es kam zu einem heftigen Wortgefecht, bei dem (die Schwiegermutter) Catharina EICHSFELDER einmal mehr ihren Schwiegersohn beschuldigte, kein Mann zu sein. Eine Nachbarin ... unterstützte sie dabei. Es kam zu einem Handgemenge, wobei der vermeintliche Mann von den beiden Frauen überwältigt wurde: Sie schnappten sich seinen Degen, fesselten ihn wahrscheinlich auf einen Stuhl und schlitzten ihm die Hose auf. Was sie dabei entdeckten, dürfte sie nicht wenig überrascht haben. Catharina LINCK trug sowohl das Horn, durch das sie stehend pinkeln konnte, als auch den Lederdildo am Körper. Nachdem aber Anastasius ROSENSTENGEL immer noch behauptete, er sei ein Mann, untersuchten die beiden Frauen das Geschlecht des Gefesselten und kamen zu dem unabweisbaren Schluss, der vermeintliche Schwiegersohn sei eine Frau. Sie verabreichten der Betrügerin weitere Schläge, und die Schwiegermutter nahm die zu Tage getretenen Beweisstücke, brachte sie zum Stadtgericht und zeigte Anastasius Lagrantinus ROSENSTENGEL an" (A. STEIDELE, S.90f.).

Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Ilse KOKULA meint, in der europäischen Rechts- und Kulturgeschichte wurzele die Ahndung "widernatürlicher Unzuchtshandlungen", insbesondere die Verfolgung lesbischer Frauen, in zwei grundlegenden Prämissen: erstens darin, "dass die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Handlungen (vor allem bei Männern) auf das engste verknüpft sei mit der Unterdrückung der Frau und sehr wenig mit Homosexualität an sich zu tun habe, und dass zweitens gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Frauen in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen anders beurteilt - und oft auch gar nicht verurteilt - wurden als solche Handlungen zwischen Männern." Im Grunde, meint KOKULA, sei es so bis heute geblieben, weshalb "lesbische Frauen nicht nach den Maßstäben männlicher Homosexualität gemessen werden" könnten (I. KOKULA, ""Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten! - Lesbisch leben in Deutschland", Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln; 1987).

Nach dieser Theorie komme in den von jüdisch-christlichen Traditionen geprägten Kulturen Europas und des Vorderen Orients der unterschiedliche Stellenwert von Mann und Frau auch in den sexualrechtlichen Normen zum Vorschein. Im Alten Testament etwa wurde nur der gleichgeschlechtliche Verkehr zwischen Männern kriminalisiert und hierbei auch nur solche Handlungen zwischen Männern, "die einen Mann zum Weib herabwürdigen." Im Klartext: als verabscheuenswert galt nur jener Mann, der die passive ("feminine") Stellung einnahm, der aktiv penetrierende ("maskuline") Partner blieb ungeschoren. Die Grenze zwischen Mann und Frau, das patriarchalisch-hierarchische Gefüge sollte erhalten bleiben. Die Bestrafung hatte den Charakter eines Kultes. Eine Bestrafung von Frauen war überhaupt nicht vorgesehen, da die Frau in der Nomadengesellschaft der alten israelitischen Stämme dem Mann ganz eindeutig nachgeordnet war. Durch eine rituelle Bestrafung wäre sie in ihrer öffentlichen Bedeutung nur aufgewertet worden.

Im Neuen Testament transferiert der eifernde Apostel PAULUS gleichgeschlechtliche Handlungen als typisch heidnische Sünden auf die Ebene eines Kulturkampfes. Nicht mehr die Subjekte Mann und Frau stehen im Vordergrund, sondern der Überbau einer jüdisch-christlichen und einer heidnischen Kultur gewinnen an Bedeutung. Konsequenterweise verdammt PAULUS alles, was "heidnisch" geprägt sein konnte, erstmalig wurden auch lesbische Frauen einer eigenen Betrachtung für würdig befunden: "Darum hat Gott sie auch dahingegeben in schändliche Lüste: denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen" (Römerbrief I, Vers 26, Text der Lutherbibel). Dieses Schwanken zwischen Überbau- und Unterbaupositionen, zwischen Kultur- und Geschlechterkampf, zieht sich durch die gesamte Geschichte der Sexualrechtspflege in Europa. Epochen blindwütiger Verfolgung von Frauenliebe (und "femininer" Männerliebe) wechselten mit Perioden weitgehender Ignoranz.

Catharina Margaretha LINCK und ihre Lebensgefährtin MÜHLHAHN hatten Pech. Sie lebten in einer Zeit, in der rigide Geschlechterdifferenzierung und blutgetränkte Strafrechtsnormen in exzessiver Ausprägung aufeinander trafen. Die Protokolle der Vernehmungsakte vermitteln das Bild von verzweifelt um ihr Leben kämpfenden, physisch geschundenen und bis an die Grenzen der Erbärmlichkeit gepeinigten Frauen. Catharina Margaretha LINCK blieben schließlich nur mehr Resignation und Hoffnungslosigkeit. Ihre einstige Liebes- und Lebensgefährtin, "die Mühlhahnin", wie sie in den Gerichtspapieren entpersönlicht genannt wird, hatte etwas mehr Glück (?). In einer dramatischen Konfrontation vor den Richtern, vermochte diese in ihrer Verzweiflung die "Schuld" weitgehend auf ihre einstige Ehefrau abzuwälzen und mit einem blauen Auge davonzukommen. Nach einer mehrjährigen Schinderei in Spinnhäusern, wurde sie freigelassen. Nach einer gescheiterten Ehe und der Geburt unehelicher Kinder verliert sich ihre Spur irgendwo im Graubereich zwischen Prostitution, Nichtsesshaftigkeit und Verelendung.

Catharina Margaretha LINCK ergab sich zuletzt ohne Gegenwehr in ihr Schicksal. Als letztes sinnstiftendes Element ihres desaströsen Lebens nahm sie, ein Kind ihrer Zeit, Zuflucht zur Welt der Dämonen und Geister. Sie blieb schließlich bei ihrer Aussage, ihr Tun, ja ihr ganzes Leben sei vom Teufel beeinflusst und gesteuert gewesen. "Sich ohne Not , ohne Folter als vom Satan besessen zu beschreiben zu einer Zeit als in Preußen die letzten Hexenprozesse noch nicht allzu lange vorbei und in anderen deutschen Ländern noch im Gange waren, war so unklug, dass ihre Aussage nur als wahres Bekenntnis gewertet werden kann ... Die Geschichte, der Teufel habe sie bei ihrer Geburt für sich beansprucht, ihre religiösen Ekstasen, ihre Halluzinationen (als pietistische Prophetin) im Sauerland, als sie vor dem Teufel auf der Flucht war, all das bezeugt die Dominanz von guten wie bösen Geistern in ihrem Leben" (A. STEIDELE, S. 148).

Am 7. November 1721 wurde Catherina Margaretha LINCK öffentlich enthauptet und ihr Körper, als Zeichen besonderer Schande, unterm Galgen verscharrt.

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