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Rezension von Dieter Gnambs am 11.09.2002

Sozialistische Diktatur und psychische Folgen

Psychoanalytisch-psychologische Untersuchungen in Ostdeutschland und Tschechien


Sozialistische Diktatur und psychische Folgen Sozialistische Diktatur und psychische Folgen

von Tomas Plänkers, Ingrid Kerz-Rühling (Hg.)
 
Edition diskord, 2000
218 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 3892956863
 
Im März 1999, ziemlich genau 10 Jahre nach der Vereinigung der beiden Deutschlands, organisierte das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut eine Forschungskonferenz unter dem Arbeitstitel "Sozialistische Diktatur und psychische Folgen". Sieben Referate des Symposiums erschienen ein Jahr später als 4. Band der Reihe "Psychoanalytische Beiträge" im Tübinger Verlag edition diskord.

Das Thema weckt Neugier. Die deutsche Totalitarismusforschung blickt ja auf eine turbulente Tradition zurück, immer wieder war und ist sie für Kontroversen gut, im Gegensatz zu Österreich sind diese Kontroversen aber Bestandteil der öffentlichen Diskussion und unterliegen keiner stillschweigenden Tabuisierung. Die Anfänge reichen zurück bis in die Zeit der Weimarer Republik, als sich linke Wissenschaftler mit dem Phänomen der rasanten Breitengewinnung faschistischer Werthaltungen besonders in der Arbeiterklasse auseinander zu setzen begannen. Max HORKHEIMER veröffentlichte bereits 1936 im Pariser Exil seine aufsehenerregenden "Studien über Autorität und Familie", in denen er auf die Bedeutung der Familie als psychologische Agentur der Gesellschaft hinwies. Autoritär strukturierte Familiensysteme seien, so HORKHEIMERS These, neben gesellschaftspolitischen Beeinflussungsfaktoren die maßgebliche Prägeinstanz autoritärer Wert- und Sozialhaltungen, mögen auch im öffentlichen Diskurs noch so emanzipatorische politische Überzeugungen zum Ausdruck gebracht werden.

Nach dem Intermezzo der nationalsozialistischen Katastrophe wurde in den späten 40er Jahren die Autoritarismusforschung neu belebt. Theodor W. ADORNO, der sich vor den Nazis ins amerikanische Exil retten konnte, sorgte 1950 mit der Veröffentlichung der Studien zum autoritären Charakter für heftige Proteste konservativer Wissenschaftler in der BRD. Das Postulat des Autors von der autoritär-faschistischen Persönlichkeitsstruktur - gekennzeichnet durch die Gleichzeitigkeit von Unterwürfigkeit und Aggression, von stereotypisierten Denkmustern, Mangel an Introspektion, übersteigerten Tendenzen zu Projektionen und Machtphantasien - blieb nicht unwidersprochen und traf die Deutschen an einem ihrer empfindlichsten Punkte. Die österreichische Wissenschaft hingegen reagierte mit gewohnter Gelassenheit und verwies gleichsam aus einem neutralen Beobachterstatus auf die eigene Unbetroffenheit als NS-Opferlamm. Der deutsche Totalitarismusdiskurs dauert bis heute an und wird nach wie vor mit wissenschaftlicher Hartnäckigkeit und teilweise hoher Emotionalität abgewickelt (vgl. die jüngste Auseinandersetzung über die Autoritarismuskonzeption Hanna ARENDTS zwischen dem Grünen-Politiker Daniel COHN-BENDIT und dem Historiker Hans MOMMSEN in der Zeitschrift "Literaturen", Nr.9/2002).

In diese Tradition fügen sich auch die Forschungsergebnisse des Frankfurter Symposiums ein. Der Untertitel des Sammelbandes - Psychoanalytisch-psychologische Untersuchungen in Ostdeutschland und Tschechien - ist irreführend, lediglich ein Beitrag befasst sich auch mit tschechischen Verhältnissen, der Schwerpunkt liegt auf den Auswirkungen der DDR-Parteiendiktatur auf seine Staatsbürger und deren Nachkommen. Die Aussagekraft der Untersuchungsergebnisse, dies muss betont werden, bleibt allerdings hinter den Erwartungen zurück, die der Titel verspricht. Beispielhaft sei das Resümee der Arbeit von Erdmuthe FIKENTSCHER und Tom KONZAG bzgl. der Persönlichkeitsmerkmale und Familientypologie ost- und westdeutscher Psychotherapiepatienten herausgegriffen. In Form einer Vergleichsstudie westdeutscher Patienten aus Düsseldorf und ostdeutscher aus Halle wurden jene Unterschiedlichkeiten bestätigt, die eigentlich von vornherein anzunehmen waren. Die Problemlagen der Wessi-Psychotherapieklienten häuften sich im innerfamiliären, insbesondere ödipal-sexuellen Konfliktbereich, die der Ossis im Bereich von Autonomie-/Abhängigkeitskonflikten. Westdeutsche tendierten zum Setting der Einzel- und Familientherapie, ihre ostdeutschen Schwestern und Brüder bevorzugten Gruppentherapien. Im quantitativen Bereich ließen sich keine relevanten Unterschiede feststellen, obwohl die Hallenser deutlich mehr krisenhafte Lebensereignisse zu bewältigen hatten. Überrascht zeigten sich die Autoren (warum eigentlich?) von der Vorherrschaft der Gemeinsamkeiten gegenüber den Differenzen zwischen den beiden Kontrollgruppen. Ähnlich unspektakulär die Ergebnisse der anderen Forschungsberichte, die zum Teil auch mit zahlenmäßig wenig repräsentativen Analysandengruppen arbeiteten.

Insgesamt: interessante Ansätze, die irgendwie im Unkonkreten versickern. Vielleicht ist auch der Zeitpunkt zu früh, um unvoreingenommen an Untersuchungen psychischer Strukturen des einstigen Klassengegners heranzugehen. Dass die Forschungen über psychische Auswirkungen des Sozialismus von einem multinationalen Großkonzern (der Volkswagen-Stiftung) finanziert wurden, mag nicht unüblich sein. Dass die Herausgeber diese Generosität des Auto-Multis im Vorwort pflichtschuldigst bejubeln, soll auch nicht getadelt werden - schließlich pflegt man futterreichende Hände tunlichst zu küssen und nicht zu schlagen. Ein zarter Hinweis auf die Problematik solch akademisch-ökonomischer Verquickung hätte jedoch gerade gewissenhaften Psychoanalytikern gut angestanden.

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