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Rezension von Dieter Gnambs am 09.11.2002

Unverlierbare Zeit

Psychosoziale Spätfolgen des Nationalsozialismus bei Nachkommen von Opfern und Tätern


Unverlierbare Zeit Unverlierbare Zeit

von Kurt Grünberg, Jürgen Straub (Hg.)
 
Edition diskord, 2001
349 Seiten
Preis: 22,00 €
ISBN: 389295710
 
Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauslöschlich ist die Folter in ihm eingebrannt, auch dann wenn keine klinisch objektiven Spuren nachzuweisen sind. Eine deprimierende Erkenntnis, doch als Jean AMÉRY diese Sätze niederschrieb (1966 in Jenseits von Schuld und Sühne) waren gerade 21 Jahre seit seiner eigenen Befreiung aus dem Konzentrationslager verstrichen. Er spürte seine Traumata recht unmittelbar, erlebte die Vergangenheit als Gegenwart und nahm sich selbst wahr als singuläres Wesen in einer Masse der Schweigenden, Nichtswissenden und Nichtswissenwollenden. Seine unverlierbare Zeit ist mittlerweile zu einem zentralen Erkenntnisfaktor wissenschaftlichen Forschens geworden.

Der kleine, aber äußerst rege Verlag edition diskord in Tübingen leistet sich den Luxus der Herausgabe von Psychoanalytischen Beiträgen aus dem Sigmund-Freud-Institut, die mittlerweile, entgegen jeglichem merkantilen Kalkül, 8 Bände umfassen und weitere in Aussicht stellen. Vor 2 Jahren gab der Frankfurter Psychoanalytiker Kurt GRÜNBERG als 5. Band der Reihe eine Untersuchung heraus, in der er sich anhand zweier umfassender Einzelfallanalysen eindringlich mit den Überlieferungen elterlicher KZ-Traumata an die Kindergeneration beschäftigte. Extrem hohen Bindungsdruck der Nachkommen an ihre Herkunftsfamilien (mit signifikanten Schwierigkeiten im Loslösungsprozess) konstatierte GRÜNBERG gleichermaßen wie Krisen und Konfusionen im Aufbau selbständiger Identitäten (Liebe nach Auschwitz - Die Zweite Generation).

Konzentrierte sich GRÜNBERG bei diesen früheren Untersuchungen vorwiegend auf die Traumata jüdischer KZ-Opfer und deren psychosoziale Auswirkungen auf die Kinder, geht er im Folgeband einen Schritt weiter.

Gemeinsam mit seinem Herausgeberkollegen Jürgen STRAUB (beide Jahrgang 1958) werden den Nachkommen der Opfer nunmehr die Nachkommen der Täter an die Seite gestellt und ebenfalls als Leid-tragende identifiziert. Diese Vergleichsstudien erweckten ursprünglich lebhaften Protest, legen sie doch den Argwohn nahe, hier könnte das Leid in ihrer physischen und psychischen Existenz unmittelbar und dauerhaft bedrohter KZ-Opfer aufgerechnet oder gleichgesetzt werden mit psychosozialen Folgewirkungen, die Kinder von NS-Tätern zu tragen hätten. Diese Gefahr ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Die Herausgeber nehmen darauf jedoch behutsam Bedacht und vermeiden die Banalisierung von Leidensfaktoren, die die Opfer des Holocaust mit ihren NS-Peinigern in einen Topf werfen könnte.

Insgesamt 9 wissenschaftliche Untersuchungen vereinigt der Band, mit Schwerpunktthemen von Vergewaltigung und Flucht und die Wiederkehr des Verdrängten in der 3. Generation, über die Banalisierung des Traumas in Deutschland bis zu Erbschaften des NS-Judäozids in Überlebenden-Familien und die Nachkommen deutscher Täter, in dem insbesondere auf die verschiedenen Formen des Schweigens in Opfer- und Täterfamilien eingegangen und deren unterschiedliche Funktion untersucht wird.

Um Nachtkästchenlektüre handelt es sich gewiss nicht, was GRÜNBERG und STRAUB hier vorlegen. Knappe 3 Wochen benötigte ich, um mit den Inhalten und Konsequenzen dieses Buches zu Rande zu kommen. Die Arbeit lohnt jedoch, da sie, ungewollt, auch einen Beitrag leistet zum Verständnis gegenwärtiger österreichischer Schauerlichkeiten. Das Amalgam von Anständigkeit, Tüchtigkeit, Bravheit, Fleiß und heimattreuer Bierzeltpenetranz, das sich hierzulande wieder ungenierter Akklamation erfreut, verweist auf zeitgemäße Ausdrucksformen jener unsichtbaren Bindungen und Loyalitäten, die Täter-, Mitläuferfamilien und deren Nachkommen generationenübergreifend in alten Verstrickungen verharren lässt, die sie selbst längst überwunden glaubten.

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