Rezension von Dieter Gnambs am 22.02.2004
Herman Melville
Leben und Werk
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Herman Melville von Alexander Pechmann |
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Böhlau,
2003 336 Seiten Preis: 35,00 € ISBN: 3205770919 |
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Die Spezies erreicht eine monumentale Länge von 20 Metern. Der nahezu haarlose Leib, einem hochgeblasenen Torpedo ähnlich, trägt einen riesenhaften Schädel mit quellenden Augen an den Seiten. Lediglich der gewaltige Unterkiefer verfügt über Zähne, gelblich verfärbt, aus Elfenbein. Ohrmuscheln fehlen zur Gänze, dafür lagert in den Knochenhöhlen des Kopfes ein milchig-wächsernes Gelee (Walrat) und verfettete Darmzysten produzieren Schleimstoffe (Ambra) für die life-style-bewussten Damen einer verrückten Hautevolee: Walrat und Ambra, sündteure Begehrlichkeiten, pflegen Kosmetikprofiteure zu höchstpreisigen Salben, Parfums und Duftstoffen zu verquarken, der Rest des ungeschlachten Kolosses - zerteilt, zerlegt, filetiert bis zur letzten Fussel und Flosse - gerät gleichfalls zum topprofitablen Rundumvermarktungsprodukt. Erraten: vom Pottwal ist die Rede, dem mächtigsten Säuger der Meere und des Globus, dem liebsten Kind von Greenpeace, World Wildlife Fund und der internationalen Alternativgemeinde. Ihn einen Ausbund an Schönheit, Charme oder Grazie zu nennen, wäre übertrieben. Und dennoch verfügt dieses seltsame Wesen über eine Lobby und Fangemeinde, die jeden noch so niedlichen, ins Aussterben abdriftenden Kiwi oder Koalabären zu neiderfüllten Depressionen Anlass zu geben vermag. Das Meeresungetüm sorgte schon in biblischen Zeiten für gehöriges Entsetzen. In gottesfürchtig-bangem Raunen erzählt das Alte Testament von JONAS, der von einem Seeungeheuer verschlungen und nach tagelangem Verweilen in dessen Gedärm wieder an Land gespieen wird. Martin LUTHER, ein gewiefter literarischer Legendenweber, machte kurzerhand einen Wal daraus, in weitgehender Unkenntnis der Anatomie dieses Meeressäugers, dessen enger Schlund das Verschlingen eines Menschenleibs zur glatten suizidalen Verzweiflungstat verfremden würde. Was LUTHER so erfinderisch begann, führte gut 300 Jahre später ein amerikanischer Storywriter zu bleibendem literarischen Ruhm. Sein hartnäckiger Marathonseller avancierte zum Meilenstein der internationalen Buchgeschichte. Die gleichsam abenteuerliche wie allegorische Erzählung vom weißen Wal und seinem hasserfüllten Jäger AHAB, dem holzbeinigen, verbissen schweigenden und narzisstisch schwer angeschlagenen Einzelgänger in der Kapitänskajüte, zählt zum Basisrepertoire jeder Literaturgeschichte - allerdings sehr oft schlampig ediert, zur juvenilen Jausenlektüre verkürzt, fast schon als Karl-May-Verschnitt zusammengeschustert. Herman MELVILLE, im angelsächsischen Kulturbetrieb ein Klassiker von beeindruckendem Rang und Klang, gilt den Deutschsprachigen bestenfalls als anspruchsvollerer Jugendbuchautor. Seinen Moby Dick dürfte jeder der Sprache halbwegs Mächtige einmal kennen gelernt haben. Zweitbuchlesern mag auch schon der eine oder andere Titel seines weiten Ouevres zu Ohren gekommen sein: Taipi möglicherweise, die spannende Südsee- und Kannibalengeschichte mit autobiographischen Reminiszenzen, oder Weißjacke, eine amüsante, kritisch-kriegerische Episodensammlung der frühen US-Navy, vielleicht sogar die tragisch-bittere Moritat des naiven Jungmatrosen Billy Budd, der schuldlos in den Totschlag getrieben wird und am Galgen endet. Meines Wissens gibt es bis heute keine Ausgabe von MELVILLEs Gesamtwerk in deutscher Sprache - unverständlich, gilt es doch einen Autor jenseits plakativer Abenteuerromantik zu entdecken, der mittlerweile die Aufmerksamkeit von Politologen, Historikern, Völkerkundlern und Psychoanalytikern ebenbürtig zu beanspruchen weiß. Alexander PECHMANN, Jahrgang 1968, ein Wiener Sozial- und Kulturwissenschaftler mit ausgeprägtem Hang zu kuriosen angelsächsischen Literatentypen des 19. Jahrhunderts (unter anderem übersetzte und edierte er die Reiseerinnerungen der skurrilen frühviktorianischen Frankenstein-Erfinderin Mary SHELLEY: "Flucht aus England"), präsentiert nunmehr eine MELVILLE-Biografie, die den Autor des hollywoodverklärten Moby Dick jenseits von platter Seefahrerromantik und aufgeregtem Menschenfressergräuel als scharfblickenden Zivilisationskritiker, Kirchenketzer und kundigen Anatomen menschlicher Seelennöte enthüllt. Herman MELVILLE (1819-91) entstammte einer New Yorker Kaufmannsfamilie mit schottisch-holländischen Vorfahren. Sein Vater blieb Zeit seines Lebens ein zwar eifriger, aber nur mäßig erfolgreicher Textil- und Pelzhändler. 1830, der junge Herman war gerade 11 Jahre alt, machte der Alte endgültig bankrott, bald darauf starb er. Der älteste Sohn war gezwungen, die Reste des Familienunternehmens über Wasser zu halten und der jüngere Bruder vagabundierte fortan durch verschiedene Heim- und Betriebsstätten seiner zahlreichen Onkeln und Anverwandten. Knapp 18jährig schmiss er die Schule und tat das, weshalb er zum Dropout geworden war - er wurde Hilfslehrer an einer miefeligen Kleinschule im Ostküstenhinterland, mit der Sisyphusplage beauftragt, einer Schar hartnäckig lernresistenter Schüler die Mysterien der Grundrechnungsarten einzutrichtern. Ein demotivierendes Geschäft für einen gerade erst selbst der Pubertät entronnenen, von pädagogischen Kenntnissen weitgehend unberührten Springinsfeld. "Ich habe ungefähr dreißig Schüler, aus allen Altersgruppen, Klassen, in allen Größen, unterschiedlich in Charakter & Bildung; einige, die bereits das Alter von achtzehn Jahren erreicht haben, können keine Beträge zu einer Summe addieren, während andere durchs Reich der Arithmetik gereist sind, aber mit solcher Geschwindigkeit, dass sie sich bei einer zweiten Reise nicht an die Dinge am Straßenrand erinnern können ... Das Haus, in welchem ich zur Miete wohne, liegt eineinhalb Meilen von jeglicher Behausung entfernt - auf dem Gipfel eines der wildesten und einsamsten Berge, die ich je hinaufgestiegen bin" (aus einem Brief an den Onkel Peter GANSEVOORT, 31.12.1837). Natürlich hielt der frischgebackene Lehrmeister nicht lange durch, kehrte vorübergehend selbst wieder auf die Schulbank zurück, versuchte sich in den unterschiedlichsten Tätigkeiten und büchste schließlich (wahrscheinlich aus Liebeskummer) endgültig aus, um zu seiner ersten Seereise aufzubrechen. Auf dem Postschiff St. Lawrence heuerte er als boy an, eine Kombination aus Schiffsjunge, Steward und Prügelknabe, der die raue Welt der christlichen Seefahrt nur allzu hautnah kennen lernen durfte. Zehn Jahre später sollte er in seinem Roman Redburn den beinhart-brutalen Arbeitsalltag auf Kauffahrtschiffen skizzieren - allerdings behutsam koloriert und weichgezeichnet, um die Empfindlichkeiten seines bürgerlichen Lesepublikums nicht allzu sehr zu strapazieren. Rudolf SÜHNEL weist nachdrücklich auf die Auswirkungen dieser neuen Lebenserfahrungen für den jungen MELVILLE hin: "Was sich dem puritanisch erzogenen Patriziersohn in den Jahren höchster knabenhafter Sensibilität an Bord dieses Schiffes an schockierender Lebenswirklichkeit eröffnete, wurde noch übertroffen durch seine Erlebnisse während des mehrwöchigen Landaufenthalts in den Hafen-Slums von Liverpool - Eindrücke, die er später in `Redburn´ mit der erschütternd eindringlichen Bildhaftigkeit eines GOYA gestaltete" (R. SÜHNEL, "Die Entstehung von Melvilles Moby Dick", 1977). Der Realitätsschock völlig neuer, fremdartiger Welten zeitigte harsche Auswirkungen. Der Nachkomme kalvinistischer Einwanderer, die im 17. Jahrhundert "mit bergeversetzender Glaubenskraft den unwirtlichen Küstenstreifen von Massachusetts buchstäblich den Natur- und Teufelskräften abtrotzten, um ihn in die blühenden Provinzen ihres Gottesstaates zu verwandeln" (R. SÜHNEL, a.a.O.), mutierte früh zum Kirchenskeptiker mit einer kaum verhüllten Neigung zur Kritik des blühend-bigotten Missionars- und Bekehrungsgewerbes. Unverblümt verweist MELVILLE schon in seinem Frühwerk auf die Widersprüche zwischen christlichen Idealen und der Realität eifernder Missionierungswut - zu einem guten Teil auf persönlichen Eigenerfahrungen beruhend. Voll Sarkasmus bekleckert er die Figur des bekehrungsobsessiven Predigers in seiner Reiseerzählung Omoo mit Hohn und Spott: Nachdem der protestantische Seelenjäger auf den Inseln des polynesischen Archipels den staunenden Eingeborenen nimmermüde die Vorzüge der britischen Zivilisation und der christlichen Glaubensdogmatik um die Ohren geschlagen hat ("jedermann reich, viele Sachen zu kaufen, viele Sachen zu verkaufen ..."), endet er seine Suada in Christo mit der drakonischen Aufforderung an die schließlich doch noch bekehrten Insulaner: "Liebe Freunde, wenig zu essen in meinem Haus. Schoner von Sydney nicht Sack mit Mehl bringen und Kanaka nicht bringen genug Schwein und Früchte ... Mickoneri" (= Missionare) "tun viel für Kanaka, Kanaka nicht tun viel für Mickoneri. So, liebe Freunde, Ihr flechten viele Körbe, sie füllen und sie bringen morgen." Den "Antagonismus von westlicher Zivilisation und Eingeborenenkultur", von individueller Freiheit und Herrschaft, wird MELVILLE Zeit seines Lebens immer wieder aufgreifen. Kein Wunder daher die vernichtenden Kommentare zeitgenössischer Rezensenten, die Omoo "als gefährliche Lektüre für jene mit unreifem Intellekt und ungefestigten Prinzipien zu verdammen" suchten (Horace GREELEY in "The New York Weekly Tribune", 1847). Trotzdem gilt dieses Frühwerk als "humorvolles und heiteres Buch voller kauziger Charaktere .... Durch die Verherrlichung der Freiheit des Individuums und die respektlose Beschreibung gesellschaftlicher Autoritäten und Institutionen wird Omoo zu einem geradezu anarchischen Buch" (A. PECHMANN) - was auch erklären mag, warum gerade MELVILLE, ein betulicher Klassiker des bürgerlichen Literaturbetriebs, zu einer der zahllosen klammheimlichen Ikonen der revolutionsbewegten Anarchosubkultur der 1960er- und frühen 70er-Jahre avancierte. Seinen dauernden Durchbruch erlebte der Autor allerdings erst mit der schillernden Figur des rachebesessenen Kapitäns AHAB, eines fürwahr Borderline-wertigen Typen voll stiller, infantiler Wut und dem unerschütterlichen Größenwahn, Natur, Raum und Zeit nach eigenen Bedürfnissen und Gesetzen beherrschen zu können - ein Sinn- und Seinsmuster, in dem zahlreiche Kritiker die Selbstbezogenheit eines klassisch US-amerikanischen Lebensgefühls zu entdecken vermeinen. Die menschenverachtende Jagd über tausende von Seemeilen, durch Wind und Wetter, Hunger und Krankheit, auf ein zur physischen Verkörperung des absolut Bösen hochstilisiertes Meereswesen, den weißen Wal, mit dem einzigen, letztlich selbstaufopfernden Ziel der totalen Vernichtung, mag gegenwärtiger amerikanischer Machtpolitik nicht allzu fremd erscheinen. Sie aber als kennzeichnenden Wesenszug eines typisch US-amerikanischen Charakters zu bezeichnen, heißt wieder einmal Äpfel mit Birnen zu verwechseln. Sie ist Kennzeichen jeglicher fundamentalistischer Denk- und Lebensweise und vielmehr klassen- als nationenimmanent. Auch deutschsprachige Literaturliebhaber kennen ihre national verklärten AHABs, die sie ohne mit der Wimper zu zucken, nur wenig reflektiert, dem Fundus ihrer germanistischen Dauergedenkstätten einzuverleiben pflegen: die Unterschiede zwischen MELVILLEs maritim marodierendem AHAB und Heinrich von KLEISTs in deutschen Fluren sengendem Michael Kohlhaas sind lediglich gradueller Natur und mittlerweile auch Gegenstand aufgeweckter Germanistik- und Psychoanalyseseminare. Sogar dem Thema "Sexualität" wagte MELVILLE zu begegnen. Im de-sexualisierten 19. Jahrhundert, unter der keuschen Knute frömmelnden Presbyterianer-, Mormonen- und Quäkeranstands, die vita sexualis auch nur anzudeuten, bedeutete ein Spiel mit dem Feuer. Kunstvoll verborgene Hinweise lassen die sexuellen Nöte und Ängste des jungen REDBURN im gleichnamigen Roman eher erahnen, Homoerotik bleibt hinter umständlichen Anspielungen und Metaphern weitgehend versteckt - kaum verwunderlich, erschien doch erst 1871 der erste amerikanische Roman über eine gleichgeschlechtliche Beziehung (Bayard TAYLOR, "Joseph and his Friend"). Das schon ziemlich unverhohlene Inzest-Motiv, das MELVILLE in der für den Publikumsgeschmack geschriebenen Schauergeschichte Pierre ausbreitet, spricht zwar für den Mut des Autors zu unkonventionellen Themen, der angestrebte ökonomische Befreiungsschlag blieb ihm allerdings trotz früher Rosmarie-PILCHER-Dramaturgie versagt (edler Jüngling begegnet unbekannter Halbschwester, der zuliebe er eigene Familie, Verlobte und Reichtum aufgibt, um nach mörderischen Verstrickungen zielstrebig in Zuchthaus und Selbstmord zu enden). Bemerkenswert an diesem so gut wie unverkäuflich gebliebenem Roman ist neben der hanebüchen anmutenden Herz-Schmerz-Geschichte allerdings eine Konfliktsituation, die der Autor an seiner Hauptfigur PIERRE zu dramatisieren sucht, die tatsächlich jedoch ihm selbst gilt: Wie kann man sich als Individuum in einer durch Konventionen regulierten Welt behaupten? Durch Anpassung oder durch Verweigerung. PIERRE wählt den zweiten Weg, auch auf Kosten des eigenen Ruins. Herman MELVILLE schlug eine ähnliche Richtung ein, er "verstand, dass der Weg der Anpassung ihn immer weiter von seinen eigenen künstlerischen Zielen abbringen würde. Wie sein Romanheld bricht er mit der Konvention - und nimmt den (wirtschaftlichen, gesellschaftlichen) Untergang wissend in Kauf." MELVILLEs interessanteste (wenn auch nicht spannendste) Werke entstanden relativ spät. "The Confidence Man; His Masquerade" (1857) wird als Satire bezeichnet, in der der Autor die unbedarften und engstirnig-konservativen Auffassungen seiner eigenen Verwandtschaft auf komische Weise untergräbt. Ob er damit einen persönlichen Angriff zu starten versuchte oder nicht, bleibt umstritten; letztlich erweist es sich auch als unwichtig. Etwas anderes scheint viel brisanter: im Grunde stellt MELVILLE in diesem Roman alles Wissen in Frage: "Es gibt keine objektiv erschließbare Wahrheit, sondern lediglich ein subjektives Schwanken zwischen Vertrauen und Misstrauen in eine aus Argumenten gestrickte Scheinwahrheit, die man jederzeit auch als Lüge oder Betrug interpretieren könnte. Ein absolutes Wissen ist unerreichbar, nur absolutes Vertrauen oder absolutes Misstrauen in eine Version der Wahrheit scheint möglich - wobei die Folgen jeweils unabsehbar sind" (A. PECHMANN). Damit bezieht der Autor des Moby Dick gegen Ende seines Lebens Positionen, die ihn von den Konventionen der Gesellschaft, des Staates und des Christentums distanzieren. Hundert Jahre später wären diese Positionen als konstruktivistisch bezeichnet worden. Mein ganz persönlicher MELVILLE-Favorit bleibt allerdings eine knappe Erzählung von gut einhundert Seiten: ich halte Benito Cereno für das mit Abstand aufregendste politische Buch der amerikanischen Literaturgeschichte. Der unheimliche Bericht über die Revolte von Schwarzen auf einem Sklavenschiff erschien erstmals 1855 in einer New Yorker Zeitschrift ("Putnam´s Monthly Magazine"), anonym und weitgehend unbeachtet. Ein Jahr später wurde er unter dem Namen des Autors in den "Piazza Tales" neu veröffentlicht - wiederum ohne nennenswerte Resonanz. Die Story schien einfach zu phantastisch, um als hard fact realpolitischer Scheußlichkeiten wahrgenommen zu werden. Daran änderte sich auch nichts, als Harald H. SCUDDER 1928 die inhaltliche Authentizität nachwies - die geschilderten Ereignisse beruhten, poetisch meisterhaft verfremdet, auf historischen Dokumenten. "Der Text .... basiert", interpretiert PECHMANN, "auf Amaso DELANOs Bericht einer Sklavenrevolte auf dem spanischen Schiff `Tryal´ im Jahr 1799. Bei MELVILLE wird daraus ein unheimliches Spiel um Schein und Sein: Die Sklaven, die das Schiff in ihren Besitz gebracht haben, zwingen den Kapitän und die Besatzung, eine normale Situation vorzutäuschen und ihre Rollen als ´Herren´ über die menschliche Fracht weiterzuspielen. Indem MELVILLE dem Leser die prinzipielle Austauschbarkeit der Rollen von ´Herr´ und `Sklave´ eindrucksvoll vor Augen führt, zeigt er nicht nur den Mangel an Stabilität eines auf Sklaverei basierenden Systems, sondern gibt den zur Handelsware degradierten Afrikanern die Würde von selbständig handelnden Individuen zurück. Dies ohne falsche Sentimentalität und ohne den aufständischen Sklaven die Rolle von moralisch Überlegenen zuzuweisen: Die befreiten Sklaven handeln ebenso brutal, kaltblütig und mörderisch wie ihre überwundenen Herren zuvor." Indem MELVILLE in seinen Interpretationen einmal die Seite der revoltierenden Schwarzen, einmal die Seite der schließlich doch noch obsiegenden Weißen einnahm, bewertete er das Geschehen aus der Sicht des jeweiligen Betrachters - ohne Anspruch auf absolute, moralisch unanfechtbare Wahrheiten. Die stattfindende Auseinandersetzung mit der zu seiner Zeit gerade im Abdanken begriffenen amerikanischen Oligarchie fand damit ebenso ihren Stellenwert wie die nachfolgende - bis heute andauernde - Auseinandersetzung zwischen Schwarz und Weiß. Am Ende seines Lebens gelang es MELVILLE nicht mehr, einen positiven äußeren Saldo seines Schaffens zu ziehen: wirtschaftlich verarmt und verschuldet, in den ungeliebten Brotberuf eines Zollinspektors gezwängt, literarisch erfolglos und gesellschaftlich ignoriert, starb er 1891 im Alter von 72 Jahren an Herzversagen. Die letzten Tage verbrachte er mit der Lektüre von SCHOPENHAUERs "Aphorismen zur Lebensweisheit". In der Einleitung unterstrich er ein Zitat VOLTAIREs: "Wir müssen die Welt genauso dumm und schlecht hinterlassen, wie wir sie vorgefunden haben". |
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