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Rezension von Timo Gnambs am 31.12.2003

Die gekränkte Supermacht

Amerika auf der Couch


Die gekränkte Supermacht Die gekränkte Supermacht

von Hans-Jürgen Heinrichs
 
Artemis & Winkler, 2003
160 Seiten
Preis: 16,00 €
ISBN: 3538071675
 
Die viel zitierte Achse des Bösen stellt wahrlich eine Meisterstück propagandistischer Formulierkunst dar. Am Höhepunkt der politischen Mobilmachung gegen den Irak ersonnen, verweist sie auf die "Schurkenstaaten" Irak, Iran und Nordkorea. Wenn sich auch keine faktischen Gegebenheiten ausmachen ließen, dass diese drei Nationen in einer realpolitischen Kooperation stünden oder gar eine stabile Achse bilden würden, so erfüllt dieser Begriff dennoch den beabsichtigten Zweck: die Dämonisierung der zum Feind auserkorenen Völker und Mobilisierung der amerikanischen Bevölkerung.

Seit den verheerenden Anschlägen des 11. Septembers 2001 beschäftigen sich unzählige Werke mit der veränderten Situation Amerikas im Weltgefüge und dessen politische Reaktion darauf. Bislang standen zumeist politische bzw. ökonomische Aspekte im Zentrum der Betrachtungen. Hans-Jürgen HEINRICHS widmet sich in vorliegendem Werk hauptsächlich der psychologischen Deutung der Motivationen des politischen Amerikas, die erst ein tieferes Verständnis des gegenwärtigen weltpolitischen Geschehens möglich machen.

In Form loser Essays versucht er die zugrunde liegende psychologische Komponente im Handeln des politischen Amerikas zu offenbaren. Diesem Ziel wird er jedoch nur zum Teil gerecht, da er allzu oft in politische und ökonomische Analysen abschweift und seine psychologischen Deutungen zumeist nur an der Oberfläche kratzen. Zudem scheint HEINRICHS nicht viel Neues zu Tage zu fördern. Vieles wirkt altbekannt und bereits in zahlreichen Analysen durchgekaut: wie das Vorherrschen einer omnipräsenten Angst mit einer verstärkten Aggressionsneigung der amerikanischen Bevölkerung oder der zugrunde liegende fundamentalistische Gotteswahn der politischen Elite, der in einem Kreuzzug gegen das Böse mündet.

So stellen die hervorstechendsten Passagen auch nicht seine eigenen Thesen dar, sondern die Zitate anderer Autoren; wie etwa der Satz des tibetischen Gelehrten Chögyam TRUNGPA: Wir neigen zu der Ansicht, die Bedrohung der Gesellschaft oder unserer selbst kämen von außen. Tatsächlich geht eine Gesellschaft jedoch von innen her zugrunde und nicht durch die Einwirkung von Feinden. Alle Welt ist von dem Wahn verfolgt, von mörderischen Feinden umgeben zu sein. Aber das einzige, was uns wirklich zerstören kann, ist in uns selbst.

Die größte Schwäche ist wohl, dass HEINRICHS zwei diametrale Aspekte bei seinen Betrachtungen nicht klar trennt: die Fragen nach dem warum und nach dem wie. Denn warum sich Amerika (respektive deren politische Machthaber) zum Krieg gegen den Irak a priori entschlossen haben, zieht fundamental andere Überlegungen nach sich, als das wie - wie dieser Krieg politisch und medial vorbereitet und transportiert wird.

Der anfangs erwähnte Terminus "Achse des Bösen" ist augenscheinlich letzterer Frage zuzuordnen. Wie bei jedem Krieg stellt die systematische Deindividualisierung, Dämonisierung und Herabsetzung des Opfers (dem Irak in diesem Fall) einen typischen Mechanismus zur psychologischen Rechtfertigung der eigenen Handlungen dar; vor allem wenn diese Handlungen moralisch Verwerfliches, wie es das Töten bei Kriegshandlungen zweifelsohne ist, darstellen.

Leider nimmt HEINRICHS diese Trennung nicht vor. So wirkt das Buch stellenweise etwas sprunghaft und folglich auch unpräzise. Eine stringentere inhaltliche Struktur hätte dem Buch nicht zum Schaden gereicht...

Für das jüngste Gesellschaftsspiel linksliberaler Kreise liegt man mit diesem Buch dennoch kaum verkehrt: Bush-Bashing. So sammelt es kompakt die gängigsten Argumente gegen die aktuelle amerikanische Außen- (bzw. Irak)-Politik ohne sich ausschließlich auf politische Erklärungsmuster zu beschränken.

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