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Rezension von Katharina Scheidl am 12.12.2003

Unaussprechliches gestalten

Über Psychoanalyse und Kreativität


Unaussprechliches gestalten Unaussprechliches gestalten

von Christa Rohde-Dachser (Hg.)
 
Vandenhoeck & Ruprecht, 2003
174 Seiten
Preis: 21,90 €
ISBN: 352546181X
 
Die Psychoanalyse stellt, neben einer Krankheitslehre und einem wirksamen psychotherapeutischen Verfahren, auch eine Theorie der menschlichen Entwicklung bereit, die unter anderem narzisstische Wünsche offen legt, denen der Mensch unbewusst ein Leben lang nachstrebt. In diesen Wünschen geht es um Allmacht, Ungetrenntheit und Ewigkeit; ihnen gegenüber steht die Gewissheit des unumgänglichen eigenen Todes, der diesen Wünschen eine natürliche Grenze setzt.

Diesem Widerspruch der menschlichen Existenz ist der Mensch laut Christa ROHDE-DACHSER jedoch nicht hilflos ausgeliefert, denn ihm ist von Anfang an eine kreative Begabung in die Wiege gelegt, die es ihm immer wieder aufs Neue erlaubt, diesen Widerspruch zwischen Begehren und Trauer, Sehnsucht und Verzicht in eine künstlerische Form zu kleiden, durch die er erträglich wird.

Die Beiträge dieses Buches zeigen unter unterschiedlichen psychoanalytischen Blickwinkeln, wie dies in den mannigfachen Bereichen der Kunst geschehen kann, und gehen auf Vorträge zurück, die auf dem Symposion "Unaussprechliches gestalten - Über Psychoanalyse und Kreativität" am 13. und 14. April 2002 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main gehalten wurden.

Der erste Beitrag eröffnet mit einem Überblick über die verschiedenen psychoanalytischen Theorien zur menschlichen Kreativität und stützt sich insbesondere auf WINNICOTTs Betrachtungen zu diesem Thema. So bildet er ein schönes Vorwort zu den folgenden Analysen von Kunstwerken aus den unterschiedlichsten kreativen Bereichen.

Das Thema "Zeit" wird mittels der Analyse des Bildes "Abfahrt der Schiffe" von Paul KLEE und Werken von On KAWARA und Alighiero BOETTI aufgegriffen, und zwar in Bezug auf den differierenden Umgang mit Zeit und ihrer doppelten Bedeutung von Vergänglichkeit und Fortbestehen.

Einen wunderbaren Beitrag zur weiblichen Kreativität und dem Umgang mit Trauer und Abschied, ausgehend vom Theaterstück "Trauer muss Elektra tragen", liefert Eva POLUDA-KORTE. Sie betont die Bedeutung von Trauer im Übergang vom Mädchen hin zur selbstbestimmten Frau, die das eigene Begehren bejahen und anerkennen kann.

Darauf folgt ein Beitrag, der sich mit Religiosität als kreative Antwort auf das Wissen um die Unvermeidbarkeit des Todes beschäftigt und damit dem menschlichen Leben Bedeutung und Sinn verleihen kann. Auch die religiöse Furcht und Ehrfurcht kommt zur Sprache. Der Zusammenhang von Kreativität und Tod wird noch ein zweites Mal aufgegriffen, nämlich in Verbindung mit Musik. Hier zeigt Hermann LANG anhand etlicher Beispiele, wie der Wunsch nach Wiedervereinigung (im Tod) mit der Mutter als geliebtem Objekt in musikalischen Werken wieder gefunden werden kann.

In den zwei letzten Beiträgen folgen noch eine Analyse der tragischen Doppelheit des Menschen bei DOSTOJEWSKI und eine Interpretation des Films "Die Geliebte des französischen Leutnants", in der es um die Männerphantasie der femme fatale geht.

Abgerundet werden all diese Beiträge durch eine abschließende Erläuterung von Kreativität aus soziologischer Perspektive.

Im Großen und Ganzen liefert dieses Buch sehr schöne Einblicke in die psychoanalytischen Betrachtungs- und Interpretationsmöglichkeiten von kreativen Arbeiten aus verschiedenen Bereichen der Kunst. Die analytischen Betrachtungen sind jedoch sehr kurz gehalten, und berühren viele kreative Gedankengänge nur am Rande. Will man sich zum eigenständigen Nachgrübeln und größerem Interesse an der Kunst inspirieren lassen, ist dieses Buch sicher das richtig. Ich würde es aber nicht als äußerst psychoanalytisch informativ bezeichnen.

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