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Rezension von Dieter Gnambs am 17.10.2003

Die Gesetze des Vaters

Problematische Identitätsansprüche


Die Gesetze des Vaters Die Gesetze des Vaters

von Ralf Rother, Gerhard M. Dienes (Hg.)
 
Böhlau, 2003
287 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 3205770706
 
"Hochverehrter Herr Professor,
Endlich, nach sehr langer Zeit komme ich wieder zu einem ruhigen Moment, wo ich mich zu einem Brief sammeln kann. Bis jetzt hat mich die Affäre GROSS in des Wortes vollstem Sinn aufgezehrt. Ich habe ihm Tage und Nächte geopfert. Unter der Analyse hat er freiwillig alle Medikamente aufgegeben. Die letzten drei Wochen haben wir nur mit ganz frühinfantilem Material gearbeitet, wobei ich allmählich zu der traurigen Einsicht kam, dass die infantilen Komplexe zwar alle darstellbar und begreifbar waren, auch vom Patienten eingesehen und vorübergehend realisiert wurden, dass sie aber übermächtig sind, d.h. dauernd fixiert und aus unerschöpflichen Quellen ihre Affekte beziehen ... Es gibt keine Entwicklung, kein psychologisches Gestern für ihn, sondern die Ereignisse der frühen Kindheit bleiben ewig neu und wirksam, so dass er trotz aller ... Analyse die Ereignisse des Heute mit der Reaktion des sechsjährigen Knaben begrüßt, dem die Frau immer nur die Mutter ist, jeder Freund, jeder Wohl- oder Übelwollende der Vater ..."
Und schließlich der diagnostische Eisenhammer: "Sie werden aus meinen Worten schon die Diagnose gelesen haben, die ich immer doch nicht glauben wollte, und die ich jetzt doch mit erschreckender Deutlichkeit vor mir sehe: Dementia praecox."


Der angeschriebene "hochverehrte Herr Professor" - es handelt sich um niemand anderen als um Sigmund FREUD - antwortet umgehend. Noch am Tag des Empfangs des Briefes schreibt er dem Absender, seinem berühmtesten Schüler und später bitter befehdeten Rivalen Carl Gustav JUNG, in einem etwas schulmeisterlichen Ton, der die Meister-Schüler-Hierarchie wieder eindeutig zurecht rückt, zurück: "...Sein (gemeint ist GROSS´) Benehmen vor der Kur (d.h. der Analyse durch JUNG) war ja ganz paranoid; Sie verzeihen mir den altmodischen Ausdruck, da ich in Paranoia einen psychologisch-klinischen Typus anerkenne, unter Dementia praecox mir aber noch immer nichts Präzises vorstellen kann." Und dann schlägt der Wiener Psychoanalyse-Übervater seinem Schweizer Eleven süffisant einen Satz um die Ohren, der diesem seinen intellektuellen Kleinwuchs drastisch vor Augen führen soll: "Ich habe nun keinen Grund, Ihre Diagnose zu bezweifeln, ... Ihrer großen Erfahrung in Dementia praecox wegen nicht, ... dann aber auch, weil Dementia praecox ja oft keine rechte Diagnose ist."

Der Briefverkehr vom 19. und 21. Juni 1908 stellt nicht nur die Beziehung zwischen FREUD und JUNG zu einem Zeitpunkt in ein etwas fahles Licht, als die beiden wissenschaftlich noch ein Herz und eine Seele schienen, sondern diskreditiert gleichzeitig einen damals gerade 31jährigen vielversprechenden Arzt und Psychiater, der als fulminante psychoanalytische Nachwuchshoffnung galt und bereits im Alter von 29 Jahren einen Lehrstuhl für Psychopathologie an der Universität Graz erhalten hatte: Otto Hans Adolf GROSS.

Anno 1908 mit einer Dementia-praecox-Diagnose versehen zu werden, kam einem sozialen Totschlag gleich. Der deutsche Psychiatrie-Papst der Kaiser-Wilhelm-Ära, Emil KRAEPELIN (1856-1926), hatte die Wortschöpfung kreiert, um schizophrene Störungen wissenschaftlich zu etikettieren, und dabei ordentlich in die semantischen Weichteile der deutschen Sprache gegriffen: mit "frühzeitige Verblödung" übersetzt, galt das Symptombild als so gut wie unheilbar, die damit Stigmatisierten blieben gesellschaftlich ausgemustert.

Otto GROSS verkörperte im Wissenschaftsbetrieb des komatösen Habsburgerreiches - systemtherapeutisch gesprochen - die personifizierte Gegenregel. In seiner schmächtigen Gestalt drängte die Summe alles dessen an die Oberfläche, was die Patriarchenknute monarchistischer Herrschaftlichkeit und Omnipotenz gewaltsam unter den Deckel zu drücken suchte und für degeneriert, verderblich, eben schlichtweg krank hielt. Der Schulterschluss seiner Familie mit den gnadenlosen Instanzen medizinischer und staatlicher Gewalt brachte den Sohn nolens volens dorthin, wo ungebärdige Kinder, die nicht auf Vater, Kirche und Kaiser hören wollen, zu enden pflegen - serpentinenförmig in die Gosse.

Otto GROSS galt - zunächst - als genialer Sohn eines genialen Vaters. Hans GROSS, der Senior, wurde 1847 in Graz geboren. Bereits frühzeitig, als Kind, geriet er in die pädagogischen Mühlen erzkonservativer Benediktinermönche und erfuhr eine radikalkatholische Erziehung. In der kürzestmöglichen Studienzeit absolvierte er das Fach Jurisprudenz, mit knapp 24 Jahren wurde der strebsame Studiosus an der Karl-Franzens-Universität Graz zum Dr. jur. promoviert.

Hans GROSS muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein: warmherzig und doch soldatisch und kraftvoll zugleich, schildert ihn einer seiner frühen Biografen. Ein neugieriger Mann, aufgeschlossen für alle Innovationen im Bereich der Rechtswissenschaften, kein bloßer Bewahrer von Althergebrachtem, sondern ein Neuerer voll ungezügeltem Forscherdrang.

Als jungem Untersuchungsrichter fiel die Aufklärung von Verbrechen und Delikten aller Art in seinen Zuständigkeitsbereich. Die weitgehend ungeschulte Polizei verstand sich noch nicht als Ermittlungsbehörde, sie fungierte vorwiegend als Hau-drauf-Organ zur "Friedenssicherung" - zuständig für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Der junge Dr. jur. begann mit ungewohnten erkennungsdienstlichen Techniken zu experimentieren, übertrug die als sensationell neuartig geltende Methode der "Bertillonage" - "ein fotografisches Verfahren, das im Zusammenhang mit der Zigeunerbekämpfung (!) eingesetzt wurde" - flächendeckend auf die Identifizierung von Straftätern im Allgemeinen und "versuchte die Aufklärung von Verbrechen auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen" (zitiert nach Gerhard DIENES, "Hans GROSS", 2003).

1883 veröffentlichte GROSS sein "Handbuch für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen usw.", das als einzigartiges Standardwerk der Zeit wissenschaftlichen Weltruhm erlangen sollte. Darin beschreibt der Autor eine Fülle von "Anweisungen für die Untersuchung und Abklärung von Verbrechen", beschäftigt sich erstmals "mit der Auswertung von Fuß- und Blutspuren, ... mit der Aufnahme eines Lokalaugenscheins, berichtet über ... Dechiffrierkunde, zahlreiche Verletzungsarten, über die Gaunersprache" (das Rotwelsch), "gibt Anleitungen über besondere Fähigkeiten, die der Untersuchungsrichter braucht ... Sein besonderes Interesse gilt juristischen Grenzgebieten, vor allem Medizin und Psychologie" (in: Emanuel HURWITZ, "Otto GROSS - Paradiessucher zwischen FREUD und JUNG", 1979).

Hans GROSS wurde später Universitätsprofessor und gilt heute als Begründer der modernen Kriminologie und Kriminalpsychologie. So bahnbrechend, unkonventionell und modern seine Forschungen im Bereich der Rechtswissenschaften noch heute anmuten mögen, so repressiv, autoritär, ja gewalttätig scheinen seine Bilder von funktionaler Erziehung, Familie und Gesellschaft gewesen zu sein. Sein Sohn Otto sollte daran zugrunde gehen.

"Otto GROSS" (1877-1920) "ist wohl der erste unter den Mitarbeitern FREUDs gewesen, der seine Persönlichkeit und sein von der Psychoanalyse bestimmtes Denken revolutionären Zielen zur Verfügung stellen wollte ... Seiner Auffassung nach sollte die Psychoanalyse auf gesellschaftliche Inhalte" Einfluss nehmen, "umwälzende Veränderungen auf den Sektoren der Kindererziehung, der sexuellen Einstellungen, der gesellschaftlichen Stellung der Frau und der Verteilung der Güter bewirken." Der Wiener Psychiater Alfred SPRINGER versuchte 1997 eine warmherzige und sensible Annäherung an die gebrochene Gestalt des unglückseligen Otto GROSS in seinem Referat "Revolution und Psychoanalyse" auf einem Sommersymposium der Wiener Volkshochschule (enthalten in: Anton SZANYA, Hg., "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! - Mythen und Legenden über das Revolutionäre", 1997).

Hektisch und ekstatisch zugleich versuchte GROSS jun., seine Ideen in den Kreisen der künstlerischen Boheme und des politischen Anarchismus zu Gehör zu bringen, sein Freundeskreis spiegelte ein umfassendes Abbild der damaligen "Außerparlamentarischen Opposition": der später von den Nazis zu Tode geprügelte Anarcho-Literat Erich MÜHSAM zählte dazu, der Wiener Caféhaus-Poet Anton KUH ebenso (dessen Schwester die Mutter von GROSS´ Tochter Sophie werden sollte, die noch heute in Berlin lebt und Vorsitzende der Internationalen-Otto-Gross-Gesellschaft ist). Zeitweise bewegte sich auch die München in Aufruhr bringende, genial-exzentrische "matriarchale Rebellin Schwabylons", Franziska von REVENTLOW, in diesem Kreis, vor allem aber der GROSS wesensverwandte, unberechenbare Linkssozialist Franz JUNG, ein durch seine intellektuellen Bizarrerien schließlich aus allen parteipolitischen Haushalten hinausgeworfener Schriftsteller, der seinem temporären Kampfgenossen GROSS bis zu dessen Ende in unverbrüchlicher Freundschaft verbunden blieb.

Die Vater-Sohn-Beziehung der beiden GROSS entwickelte sich zu einem Drama von SHAKESPEREscher Wucht, sie blieb zeitlebens geprägt von der verzweifelten Rebellion des wütend-hilflosen Sohnes gegen einen kaiserlich-autoritären Vater, der seine kastrierenden Erziehungsmaximen stets unter das Motto der Sorge und des Behütens zu stellen wusste - ein ewiger Gutmeiner also, der die Nichtakzeptanz seiner Unterstützungsangebote nur als Auswuchs einer Krankheit oder schmerzlich erlebten Degeneration seines Sohnes wahrzunehmen vermochte. Otto geriet bald in den Teufelskreis einer schweren Drogenabhängigkeit, die der Vater zum Anlass für zwangsweise stationäre Asylierungen und Teil- und Totalentmündigungsverfahren nahm. Die revolutionär-analytische Gesellschaftskritik vermochten weder Carl Gustav JUNG noch Wilhelm STECKEL - ein weiterer von FREUD abgefallener Psychoanalytiker - dem anarchistisch exzessiven Junior therapeutisch auszutreiben. Otto GROSS blieb unbekehrbar, veröffentlichte aufsehenerregende Beiträge zur "Destruktionssymbolik" und zur "Überwindung der kulturellen Krise", arbeitete als Arzt, Psychiater und Analytiker, wurde gelegentlich steckbrieflich gesucht (unter anderem wegen Sterbehilfe einer suizidalen Patientin) und schon auch mal in Gewahrsam genommen. 1908 brach er sogar in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Carl Gustav JUNGs Psychiatrieanstalt Burghölzli in Zürich aus, um bei seinen anarcho-dadaistischen Freunden Zuflucht zu suchen. Im Februar 1920 wurde er in einem Hauseingang in einer Gasse Berlins aufgefunden, entkräftet, vom Leben erschöpft, kaum ansprechbar. Freunde lasen ihn auf, nachdem er sie im Streit verlassen hatte, weil sie sich weigerten, ihm bei der Beschaffung von Drogen behilflich zu sein. Am 13. Februar ging er in einem Sanatorium in Pankow zugrunde.

Otto GROSS gilt heute als vergessen. Seine sozialpolitischen und gesellschaftskritischen Gedanken, die ihn in die Nähe von Anarchismus und Kommunismus brachten, rückten ihn bald nach seinem Tod ins Kuriositätenkabinett der Psychoanalyse. Sein selbstzerstörerischer Lebensstil geriet noch einige Zeit zum Seminargegenstand analytischer Kasuistik, seine Ideen und Intentionen wurden radikal entrümpelt - ähnlich seinem späteren Schicksalsgenossen Wilhelm REICH.

Die morbide Vater-Sohn-Dynamik vernichtete letztendlich beide. Vater Hans GROSS starb - vom langjährigen, in aller Öffentlichkeit ausgetragenen Kampf mit (oder besser: gegen) seinen Sohn zermürbt - bereits 1915 als verbitterter Mann. In Peter ROSEGGERs idyllischer Familienschmonzette Heimgarten hatte er noch versucht, selbstrechtfertigend seine ganz persönlichen Lebenserinnerungen unters Volk zu bringen - weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit.

"Die Gesetze des Vaters" nennt sich eine Ausstellung, die das Stadtmuseum Graz, die europäische Kulturhauptstadt des Jahres 2003, einem völlig unvorbereiteten Publikum offeriert. Radikal gegen die Strömung des Zeitgeistes rudernd, präsentieren die steiermärkischen Kulturdienstleister vergangene und doch schrecklich gegenwärtige "Teile eines monströsen Lebensvorganges". Die aufsehenerregende "Auseinandersetzung mit dem (Vater) Staat, mit dem Patriarchat und insbesondere mit der Figur des" (vereinnahmenden) "Vaters, mit dem Eigenen und Fremden, bildet den Nukleus der Ausstellung" (aus dem Beitrag "Der Mann Moses und die Folter der Maschine" von Gerhard DIENES im Begleitbuch zur Ausstellung).

Die Schau gruppiert sich um zwei mächtige, vielleicht auch nur mächtig brüchige Vatergestalten, Hans GROSS und Sigmund FREUD, in ihren Verstrickungen mit den Figuren ewiger Söhne, Otto GROSS und Franz KAFKA. Denn auch der Prager Poet KAFKA (1883-1924) litt sein kurzes Leben lang unter der stillen Verachtung eines dominanten Erzeugers, der seine literarische Genialität ignorierte, wenn nicht gar vollends ablehnte. In den Augen des Alten ein skrupulöser, wenig talentierter Außenseiter, ertrug der junge KAFKA die stille Zurückweisung des Vaters (eines aufstiegsfixierten Kaufmanns) durch seinen Rückzug ins Reich der Phantasien. Die Kränkungen blieben hinter Selbstzweifeln und streng unterdrückter Wut verborgen: "Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über sie ausgestreckt vor. Und es ist mir dann, als kämen für mein Leben nur die Gegenden in Betracht, die Du entweder nicht bedeckst oder die nicht in Deiner Reichweite liegen. Und das sind entsprechend der Vorstellung, die ich von Deiner Größe habe, nicht viele und nicht sehr trostreiche Gegenden, und besonders die Ehe ist nicht darunter." (F. KAFKA, "Nachgelassene Schriften und Fragmente, II").

1917 waren sich Otto GROSS, der süchtige Arzt und Dogmenzertrümmerer, und KAFKA, der tuberkulöse Dichter im Brotberuf eines Versicherungsjuristen, erstmals begegnet. Ein gemeinsamer Zeitschriftenplan wurde erwogen, die revolutionären Impulse der Psychoanalyse diskutiert. Zeitschrift und Revolution fanden keine Abnehmer, was blieb, waren ein Stück Hoffnung und zentnerschwere Resignation, die der junge Dichter in einer realistisch-grotesken Erzählweise maskierte - "Isolation, Deformation und Destruktion des Individuums, ausgelöst durch soziale respektive persönliche Zwänge und durch anonyme Machtinstanzen, denen das Individuum ohne Hoffnung auf Gegenwehr, Erkenntnis oder Erlösung ausgeliefert ist." (Joachim KAISER, "Harenberg - Das Buch der 1000 Bücher", 2002).

Die Ausstellung im Süden Österreichs (fast dort, wo der Balkan beginnt) bleibt bis Februar 2004 geöffnet, das detailreiche Begleitbuch wird, ich wage die Wette, in kaum einem Buchhändlerlager zu finden sein. Trotzdem: wer auch nur eines versäumt, hat selbst Schuld.

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