Rezension von Dieter Gnambs am 17.09.2003
So liegt die Zukunft in Finsternis
Suizidalität in der psychoanalytischen Behandlung
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So liegt die Zukunft in Finsternis von Benigna Gerisch, Ilan Gans (Hg.) |
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Vandenhoeck & Ruprecht,
2003 162 Seiten Preis: 15,90 € ISBN: 3525459025 |
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"Nach kritischen Schätzungen nehmen sich täglich etwa 1.000 Menschen das Leben. Die Zahl der Selbstmorde in der Bundesrepublik Deutschland mit rund 13.000 pro Jahr liegt nur um ein Drittel niedriger als die Zahl der Verkehrstoten (rund 18.000 pro Jahr). Umgerechnet endet in der BRD alle 41 Minuten ein Mensch durch Selbstmord. Die Zahl der Selbstmordversuche liegt noch wesentlich höher; wegen der hohen Dunkelziffer (nur ein Teil der Selbstmordversuche führt zur Aufnahme in klinische oder andere Institutionen, wo eine systematische Registrierung erfolgen kann) sind genaue Zahlen nicht zu erfassen. Die Schätzungen in der einschlägigen Literatur liegen zwischen 1:5 und 1:15, gelegentlich noch höher." In diesen kalten Frost-Formeln akademischer Wissenschaftlichkeit bilanzierte 1974 Heinz HENSELER, einer der prominentesten Suizidologen der deutschen Nachkriegsgeschichte, das wohl brutalste Life-Style-Mysterium der Wirtschaftswunder-Ära (in: "Narzisstische Krisen - Zur Psychodynamik des Selbstmords"). Die Reaktionen von Politik, Kirche und Profangesellschaft kamen schon damals über rituelle Betroffenheitsfloskeln nicht hinaus. Achselzuckend zur Kenntnis genommen, wandte man sich vermeintlich brisanteren Themen zu. Heute, knapp 30 Jahre später, zerbricht sich die deutsche Öffentlichkeit darüber noch weniger den Kopf, zumal die Suizidraten insgesamt geringfügig abgenommen haben. Der deutliche Anstieg der Altersselbstmorde hingegen scheint bereits unter dem Stichwort "natürlicher Abgang" seine statistische Endlagerung zu finden - das Unbehagen über die Selbsttötung von Menschen bemisst sich nur mehr nach der Jugendlichkeit der Suizidenten. In Österreich verläuft die Selbstmordkurve ganz ähnlich, allerdings mit prozentuell deutlich höheren Opferzahlen als im deutschen Nachbarland: die morbide Schlagseite des goldigen Älplerherzens fordert einen deutlich höheren Blutzoll, jedoch gleichfalls mit sanft abflachendem Wellenverlauf in den 1990er Jahren. Soweit die Gesamtzahlen der Selbsttötungen. Dramatisch hingegen entwickelt sich die Zunahme der Alterssuizide. Vor allem die Gruppe der 65- bis 74jährigen Männer weist hierzulande mit 61,1 Selbstmorden pro 100.000 hinter Ungarn den zweithöchsten Wert im Globalmaßstab auf (er steigt bei den über 75jährigen noch drastischer auf 118 Fälle pro 100.000 an). Warum das wirtschaftlich eher magersüchtige Griechenland und das krisen- und gewaltgeschüttelte Nordirland die höchste Selbsttötungsresistenz aufzuweisen haben, gilt als soziologisches Mysterium. Nun sind Suizide keineswegs Kennzeichen moderner Zivilisationen. Ihre historischen Wurzeln reichen zurück bis in antike Kulturen und finden bereits im Alten und Neuen Testament eine durchaus verständnisvolle Erwähnung. Erst im Jahr 453, auf dem Konzil von Arles, wurde die Selbsttötungshandlung von messerscharf kombinierenden Theologen als Ausfluss eines furor diabolicus demaskiert und zum sündhaften Verbrechenstatbestand ernannt. Ein knappes Jahrhundert später verwehrte man den Unglücklichen bereits ein christliches Leichenbegängnis und ab 1184 galten sie als Straftäter nach kanonischem, bald darauf auch nach weltlichem Recht. So blieb es gut 800 Jahre lang und konsequente Juristen scheuten sich auch nicht, gegen die Leichen von Suizidenten den Prozess zu eröffnen, um diese noch post mortem einer gerechten Strafe zuzuführen. Österreich strich diesen Paragraphenplunder erst 1850 aus seinen Gesetzbüchern - die gerechtigkeitsliebenden Briten warteten damit sogar bis 1961! -, nachdem bereits JOSEPH II. in seinem Reformeifer beschlossen hatte, überlebende Suizidenten nicht mehr in den Kerker, sondern - ein sensationeller Fortschritt! - in den "Narrenturm" zu werfen. In liberalisierter Form ist das bis heute so geblieben, der Narrenturm wandelte sich zur psychiatrischen Station, die Schlüsselwärter zu medizinischen Fachkräften und das "Verbrechen" zur "Krankheit". Tabufrei und nach den Kriterien von Vernunft und interessierter Anteilnahme wird das Problem "Selbstmord" in der Öffentlichkeit aber bis heute kaum diskutiert. Zwar hat sich in Österreich einiges getan im Bereich von Suizidprophylaxe und Gefährdetenbetreuung (1948 Gründung des ersten Suizidverhütungszentrums Europas in Wien durch Erwin RINGEL, ab 1977 bundesweiter Aufbau staatlich finanzierter Kriseninterventionsstellen, Gründung einer spezifischen Forschungsabteilung im Wiener Ludwig-Boltzmann-Institut u.a.m.), aber öffentlichkeitswirksame Strategien und Diskussionen zum Thema Selbstmordverhinderung lassen weiterhin auf sich warten. Im deutschsprachigen Raum existieren mittlerweile zahlreiche Therapieeinrichtungen für suizidale Patienten. Als eine der unbestritten professionellsten gilt seit Jahren das "Hamburger Therapiezentrum für Suizidgefährdete (TZS)", eine Abteilung der renommierten Hamburger Universitätsklinik. Seinen exzellenten Ruf verdankt das TZS keineswegs einer herausragenden technischen Ausstattung - darin unterscheidet es sich nur graduell von anderen Suizidenten-Therapiestationen. Worin es sich von den meisten vergleichbaren Einrichtungen abhebt, ist seine an den neuesten Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse angepasste Konzeption mit einer großzügigen Organisationsform und hochqualifizierten Personalressourcen - eine Rarität im von Sparzwängen geschüttelten Sozialwesen unserer Tage. Seit 1999 publiziert die Forschungsabteilung des TZS eine psychoanalytisch orientierte Themenreihe "Hamburger Beiträge zur Psychotherapie der Suizidalität", deren vierter Band nunmehr vorliegt: "So liegt die Zukunft in Finsternis - Suizidalität in der psychoanalytischen Behandlung". Die beiden Herausgeber, Benigna GERISCH und Ilan GANS, sind der Psychoanalyse verpflichtete Psychotherapeuten und langjährige Zentrum-Mitarbeiter. Die insgesamt 7 Beiträge unterschiedlicher Autoren sind aus einer Vortragsreihe des TZS im Jahr 2000 hervorgegangen und beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten der Interaktion zwischen Therapeuten und ihren suizidalen Patienten. Gleich der ersten Beitrag von Paul GÖTZE ("Zur Psychodynamik des stationären und poststationären Suizids unter besonderer Berücksichtigung der Patient-Therapeut-Interaktion") greift ein heikles und gern tabuisiertes Thema auf: Reaktionen des Therapeuten im Anschluss an den Selbstmord eines Patienten. GÖTZE bezieht sich auf ältere Untersuchungen in den USA, die die Belastungsreaktionen der professionellen Helfer und Heiler in ein etwas düsteres Licht rücken. R.E. LITMAN etwa verwies schon 1965 auf die schweren Schuld- und Unzulänglichkeitsgefühle, nicht selten auch typischen Depressionsreaktionen, die Therapeuten nach dem Misslingen ihrer Bemühungen heimzusuchen pflegen. Teilweise registrierte er regelrechte Identifikationsmuster mit dem Suizidenten, auf Grund derer diese Psychotherapeuten mit einer deutlich erhöhten Unfalls- und Verletzungsneigung reagieren. Als Abwehrreaktion der als schwer erträglich empfundenen Belastungssituation vermögen Verleugnungen nur scheinbar Erleichterung zu verschaffen. In gar nicht so seltenen Fällen entwickeln Therapeuten ähnliche Ablehnungs-, ja Feindseligkeitsgefühle ihren suizidalen Patienten gegenüber, wie sie als charakteristische Kennzeichen bei selbstmordgefährdeten Psychotikern oder Borderlinern aufzutreten pflegen - Negativgefühle, die eigene narzisstische Therapeutenverletzungen zu kaschieren suchen ("Gegenübertragungshass"). GÖTZE verweist auf drei typische Interaktionsfallen in der therapeutischen Suizidentenbeziehung. Alle drei Varianten erschweren die Arbeitsbeziehung zwischen Helfer und Hilfesuchendem. Im aggressiven Interaktionsmodus (etwa 56% der untersuchten Fälle) stehen "ambivalente und ablehnende, teils offen aggressive Einstellungen und Haltungen, verbunden mit mehr oder weniger abgewehrten Konflikten auf beiden Seiten im Vordergrund". Beim resignativen Interaktionsmodus (etwa 28% der Fälle) bestimmen "trotz hoher Einfühlung auf beiden Seiten Resignation im Denken, Fühlen und Handeln" die therapeutische Beziehung. Im harmonisierenden Interaktionsmodus schließlich (etwa 16%) sind "Therapeut und Patient in Teilbereichen stärker miteinander identifiziert, dies gilt auch für die verleugnende Abwehr gegenseitiger Enttäuschungen ursprünglich hoher Erwartungen". Da die Entlassungssituation suizidaler Patienten "biographisch häufig unbewusste, verdrängte pathologische Trennungsbeziehungen, verbunden mit Desillusionierung, Enttäuschungserleben, Selbstzweifeln, Hoffnungslosigkeit sowie aggressiver Befindlichkeit" wiederbelebt, steigt die Selbstmordhäufigkeit in den ersten drei Monaten der ambulanten Behandlung signifikant an. Dieses "psychopathologische Entlassungssyndrom kann unter solchen Umständen schwerwiegender sein als das Einweisungssyndrom!" Eine umfassende supervisorische Reflexion und die Aufdeckung allfälliger pathologischer Interaktionsmodi beanspruchen daher einen zentralen Stellenwert in der Suizidententherapie. Von den anderen Beiträgen seien vor allem Ilan GANS´ Abhandlung zur Psychodynamik des erweiterten Selbstmords ("Ausagierte Akte eines mörderischen inneren Dramas beim erweiterten Suizid") sowie die Untersuchung des Londoner Psychoanalytikers Donald CAMPBELL zur "Rolle des Vaters im präsuizidalen Zustand" hervorgehoben, in dem der Autor anhand eines dramatischen Fallbeispiels das Panorama einer Familienverstrickung mit beinahe letalem Ausgang entwickelt. Léon WURMSERs Artikel "Charakterperversion, Sadomasochismus und Selbstzerstörung" zeichnet sich durch eine diesem Autor spezifische Schwerverständlichkeit der Sprache aus und hinterließ, wie gewohnt, in mir eine tiefe WURMSER-Resignation: "Kastration und Nichtkastration sind offenbar beides Phantasien, die die Wirklichkeit der sexuellen Verschiedenheit ersetzen ... die Wirklichkeit, die der Fetischist verleugnet, ist die Realität der sexuellen Verschiedenheit." Undsoweiterundsofortundimmerzu in endlos mäandernden Satzverschlingungen und Ganglienverschlüssen. Insgesamt: Kein Grundlagenwerk zum Thema "Psychiatrie und Suizidalität". Aber eine äußerst interessante, teilweise sogar spannende Sammlung von Einzelaufsätzen zu "blinden Flecken" der gequälten Therapeutenseele in der Arbeit mit Suizidklienten. |
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