Rezension von Timo Gnambs am 07.09.2003
Sozialpsychologie der Partnerschaft
|
|
Sozialpsychologie der Partnerschaft von Ina Grau, Hans-Werner Bierhoff (Hg.) |
|
Springer Verlag,
2003 571 Seiten Preis: 49,95 € ISBN: 354042928X |
|
|
Schenkt man diversen Fernsehserien oder einschlägigen Zeitschriften Glauben, ist es des Österreichers liebstes Hobby, über Beziehungen zu diskutieren und zu philosophieren. Abseits derartig publizierter Alltagsweisheiten leistet die Psychologie einen entscheidenden Beitrag zur Erforschung von Partnerschaft und Ehe. Eine unüberschaubare Anzahl von manchmal widersprüchlichen Paartheorien ringt um wissenschaftliche Anerkennung: von Theorien zu Partnerwahl über das Prozessgeschehen bestehender Beziehungen bis zu Determinanten der Beziehungsqualität und -stabilität findet sich so manches. Vom evolutionspsychologischen Standpunkt aus betrachtet stellt sich Partnerschaft als "evolutionäre Anpassung auf bestimmte Probleme der Reproduktion" dar. Da sich Männer und Frauen hinsichtlich dieser Probleme jedoch deutlich unterscheiden (so investieren Frauen entschieden mehr in den Nachwuchs als Männer), bieten sich für die beiden Geschlechter unterschiedliche Problemlösungsstrategien. Diverse Studien konnten belegen, dass Frauen eher eine statusbezogene Partnerwahl treffen, während sich Männer eher von äußeren Kriterien wie der physischen Attraktivität der potentiellen Partnerin leiten lassen. Folglich wird Eifersucht bei den beiden Geschlechtern von unterschiedlichen Merkmalen evoziert. Männer reagieren vor allem auf die soziale Dominanz ihrer Rivalen aggressiv, während Frauen physische Attraktivität ihrer Rivalinnen ein Dorn im Auge ist. Gegenüber den biologischen Grundannahmen der Evolutionspsychologie betont die Sozialpsychologie hingegen die kulturell-historischen Gesellschaftsbedingungen, die einen imminenten Einfluss auf die Paarbeziehung ausüben können. Während noch in den 50er und 60er Jahren das Bild der Normalfamilie mit Mutter, Vater und Kind hoch gehalten wurde, treten heutzutage mannigfaltige Variationen derselben zutage: die Zunahme von Singlehaushalten, kinderlosen bzw. Adoptivfamilien, Scheidungen und Wiederverheiratungen, Fernbeziehungen, um nur einige zu nennen. Anstelle der "lebenslangen Ehe sind vielfach Patchwork-Biographien getreten, die sich durch komplexe Verläufe und eine größere Reversibilität der Entscheidungen auszeichnet". Diese beiden Ansätze schließen sich jedoch keineswegs gegenseitig aus, sondern bilden in fruchtbarer Koexistenz das theoretische Fundament der modernen Partnerschaftsforschung; denn die Evolution setzt nur die Schranken, "innerhalb derer sich kulturelle Variationen durchsetzen können". Für vorliegenden Sammelband konnten die Herausgeber Ina GRAU und Hans-Werner BIERHOFF eine Reihe namhafter Autoren gewinnen, die in zahlreichen Einzelbeiträgen den aktuellen Forschungsstand der Paarbeziehung von verschiedenen Seiten beleuchten. Thematisch gliedert sich das Buch in fünf große Abschnitte: Dem Drang der modernen Psychologie zum Testen, Messen und Klassifizieren folgend widmet sich BANSE zunächst der Partnerschaftsdiagnostik (Fragebögen, Interviewtechniken, Verhaltenbeobachtung). LÖSEL und BENDER liefern das theoretische Rüstzeug für empirische Partnerschaftsforschung mit einem detaillierten Überblick über die wichtigsten Theorien der Paarbeziehung (soziobiologisch, bindungstheoretisch, lerntheoretisch etc.). Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit Faktoren, die Partnerschaften beeinflussen. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt der Betrachtungen, inwieweit sich Personen, die in einer Partnerschaft leben, von Singles unterscheiden. NYER widmet sich sodann einem bislang eher stiefmütterlich behandelten Aspekt der sozialpsychologischen Partnerschaftsforschung: den überdauernden Persönlichkeitseigenschaften der Partner als Determinanten des Beziehungsverlaufs. Im dritten Abschnitt werden Inhalte und Prozesse beschrieben, die in bestehenden Partnerschaften ablaufen und positive oder negative Entwicklung von Partnerschaften determinieren. Ähnlich den Big 5 in der Persönlichkeitspsychologie betont BIERHOFF zudem die Bedeutung der Grunddimensionen enger Beziehungen: Konflikt, Liebe, Altruismus, Investition und Sicherheit. Der vierte Abschnitt beleuchtet Konflikte von Paaren und darin mündende Trennungen. Im Zentrum der Überlegungen stehen dabei Determinanten erfolgreicher Beziehungen sowie verschiedene Studien zu Trennungsvorhersagen. Besonderer Bedeutung kommt in diesem Zusammenhag Stress zu. Wie BODEMANN zeigt, stellt Stress nicht nur eine Konfliktursache dar, sondern zudem einen Faktor, unter dem vorhandene Konfliktlösungsfertigkeiten versagen. Schließlich wagt DÖRING noch einen Ausblick auf den Wandel von Partnerschaften im Lichte moderner Kommunikationstechniken. Durch den Gebrauch von Email, Chat und SMS sind nicht nur bestehende Beziehungen einem stetigen Wandel unterworfen (z.B. Cyberuntreue), sondern sie führen auch zur Bildung neuer medialer Beziehungsformen, die sich rein im Virtuellen bewegen und kein Äquivalent in der physischen Realität mehr aufweisen. Es ist schwer, nach Lektüre derartig informationslastiger Bücher ein Fazit zu ziehen. Durch seinen Umfang und die Detailtreue ist es zum einfach Nebenherlesen weniger geeignet (und wohl auch nicht gedacht). Aufgrund der umfassenden Darstellung der Thematik kann es vielmehr als häppchenweise Zusatzlektüre bzw. Nachschlagewerk für Lehre und vor allem auch Praxis uneingeschränkt empfohlen werden. |
|
