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Rezension von Dieter Gnambs am 31.08.2003

Beruflich in Großbritannien

Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte


Beruflich in Großbritannien Beruflich in Großbritannien

von Stefan Schmid, Alexander Thomas
 
Vandenhoeck & Ruprecht, 2003
169 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 3525490518
 
Quizfrage:
Regelmäßig im Frühjahr, mit hoher Wahrscheinlichkeit unter grauem oder regenverhangenem Himmel, startet eine Meute ausgelassen quietschender, nachlässig gekleideter Menschen zu einem wilden Querfeldeinrennen. Die Hände schwingen Bratbleche, aus denen in rhythmisch zuckenden Bewegungen Pfannkuchen in die Luft fliegen, um - mitten im Galopp - wieder eingefangen zu werden. Wem es gelingt, das kostbare Stück Teig in der Pfanne und nicht auf dem Kopf als erster ins Ziel zu bringen, wird exzessiv gefeiert und gilt als Held des Tages.

Handelt es sich hierbei:
- um Initiationsriten eines exotischen Stammes in der Inselwelt Mindanaos?
- um deutsche Führungskräfte in der Kreativphase eines Selbsterfahrungsworkshops?
- oder um einen Leistungswettbewerb der Jungbäckerolympiade?

Allesamt falsch geraten! Das lauthals röhrende Vergnügen stellt die alljährliche Lustbarkeit des britischen pan-cake-racing dar, bei dem am Tag vor Aschermittwoch ansonsten eher steife Engländer und Engländerinnen aus allen Gesellschaftsschichten ihre anerzogene Coolness zu Hause lassen, um unter Entwicklung ausgelassenen Radaus die beginnende Fastenzeit zu feiern. Das Spektakel währt genau einen Tag, dann herrscht wieder Gelassenheit on her majesty´s holy islands.

Regional gibt es natürlich auch andere folkloristische Seltsamkeiten zu entdecken - Tieflandbewohner lassen wagenradgroße Käselaiber die Hügel abwärts rollen, um mit hektischem Geschrei hinterherzujagen. Schotten schmeißen gewaltige Baumstämme um die Wette, die unbedingt senkrecht zur Landung kommen müssen und beim morris dancing hüpfen gestandene Mannsbilder, die sonst nie ein Tanzparkett betreten würden, bis zur Erschöpfung zu Dudelsack- und Trommelrhythmen in schneeweißen Hemden und Hosen mit lärmenden Schellen an den Knien. Die Frauen gucken zu und verteilen Kuchen in der johlenden Menge.

Auch dies sind Formen des British way of life, für verdutzte Kontinentaleuropäer allerdings etwas überraschend und gewöhnungsbedürftig, pflegen sie doch dem stereotypen Briten-Bild zu widersprechen, das vor allem den typischen Mittel- und Oberschicht-Engländer als Ausbund von Gelassenheit und gepflegter Langeweile zu entlarven sucht.

Umgekehrt erweisen sich britische Deutschlandbilder auch nicht gerade als sonderlich ausgewogen und von Detailkenntnissen des teutonischen Nachbarn jenseits des Ärmelkanals getragen.

"Frau U. war mit ein paar deutschen Freunden in London in einer Diskothek. Ein junger Engländer von 16 oder 17 Jahren hörte, dass es sich um eine Gruppe Deutscher handelte. Er wandte sich ihnen zu, machte den Hitlergruß und sagte" (nicht einmal unfreundlich): "`Heil Hitler!´ Da ging Frau U. zu dem Jugendlichen und sagte: `Du, das ist längst vorbei. Da brauchst Du nicht mehr blöd daherreden!´ (`Don't talk such nonsense´). Der Jugendliche, sichtlich geschockt über Frau Us.Reaktion, sagte nichts mehr. Frau U. wendete sich wieder ab und war nun selbst überrascht, wie wirkungsvoll ihre Reaktion war."

Ich vermute, am Anfang standen der ausgelassene Spaß eines pickelgesichtigen English boy's im Kreise seiner Altersgenossen und fröhliche Ausgelassenheit bei den deutschen Disco-Hall-Besuchern. Eine kurze Kommunikation genügte, um auf beiden Seiten betretenes Unbehagen und Unverständnis für die als überzogen empfundene Reaktion des jeweils Anderen zu hinterlassen.

Stefan SCHMID, Psychologe einer bayerischen Unternehmensberatungsfirma, und Alexander THOMAS, bereits legendäre Eminenz der Interkulturellen Psychologie an der Regensburger Uni, erwähnen dieses kuriose Beispiel in ihrem kurzweiligen Management-Brevier "Beruflich in Großbritannien - Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte".

Insgesamt 7 deutsch-britische Kulturstandardunterschiede in 34 Übungsmodulen bringen die beiden Autoren zur Darstellung, wobei im zitierten "Hitlergruß"-Beispiel gleich zwei kulturelle Gegensätzlichkeiten aufeinanderprallen - der britische Kulturstandard "Deutschlandstereotypie" versus deutsche "NS-Vergangenheitssensibilität" und britische "Selbstdisziplin" versus deutsche "Konfliktklärung". Was der Britenjunge in durchaus pubertär-flapsiger Attitüde als Kontaktanbahnung zu Neugierde erweckenden Fremden verstanden haben mag (der Hitlergruß bildete, wie sich später herausstellen sollte, nahezu das Gesamtrepertoire seines deutschsprachigen Wortschatzes!), stieß bei den Deutschen auf kulturell hochsensibilisierte Scham- und Kränkungsgefühle. Die daraus resultierende Heftigkeit der deutschen Gegenreaktion traf den jungen Briten unvorbereitet und brachte ihn zum Verstummen. Der verinnerlichter Kulturstandard "Selbstdisziplin" sorgt für die legendäre britische Coolness als Schutz der eigenen Emotionen. Direkte, frontale Konfrontationen - bei Deutschen ein durchaus selbstverständlicher Gesellschaftssport - suchen Engländer zu vermeiden, es sei denn, es bietet sich ihnen die Möglichkeit zur indirekten Gegenwehr in Form der "ritualisierten Regelverletzung" durch Humor, Ironie oder Sarkasmus.

SCHMIDs und THOMAS´ kleines Werk ist in der Reihe "Handlungskompetenzen im Ausland" erschienen, die mittlerweile auf 7 Bände angewachsen ist. Die Reihe, die Handlungsanleitungen für den Umgang mit fremden Kulturstandards zu vermitteln vorgibt, dürfte offenbar Managerbedürfnissen gut entsprechen, denn ein Ende ist nicht abzusehen.

Die Grundidee entwickelte Alexander THOMAS aus US-amerikanischen Konzepten, die bis in die 1960er Jahre zurückreichen. Die Entwicklungsgeschichte des zur Zeit widersprüchlich diskutierten Interkultur-Marktes dokumentierte Andreas BITTNER, Psychologe und Geschäftsführer eines nahe Bonn gelegenen "Instituts für Interkulturelles Management (IFIM)", in der Schriftenreihe "Psychologie für das Personalmanagement" des Göttinger Hogrefe-Verlags.

"Die historisch erste Form interkultureller Trainings stellen sogenannte Culture-Awareness-Trainings dar, die in den USA ... entwickelt und ab den 80er Jahren auch in Deutschland angeboten wurden. Ihr Ziel bestand darin, den Teilnehmern zu verdeutlichen,
- dass ihre eigenen Überzeugungen und Vorgehensweisen kulturell geprägt und nicht nur ´sachlogisch´ begründet oder ´allgemeinmenschlich´ sind;
- wie schwierig es ist, sich auf fremdkulturelle Überzeugungen und Vorgehensweisen einzulassen, weil eigene Prägungen, Vorurteile und Ängste es erschweren."

(in: L.M. HOFMANN, E. REGNET, Hg., "Innovative Weiterbildungskonzepte - Trends, Inhalte und Methoden der Personalentwicklung in Unternehmen", 2003).

Culture-Awareness-Trainings vermitteln daher keinerlei konkrete Handlungsanweisungen für den Umgang mit Denk- und Verhaltensweisen spezieller Fremdkulturen, sie versuchen lediglich, die Angst vor dem "Fremden" grundsätzlich zu reduzieren. Oder, wie die "Carl-Duisberg-Centren" zu erklären versuchen:

"Ein Culture-Awareness-Seminar ist ein kulturgenerelles Seminar, d.h. es bereitet auf die Begegnung mit einem fremden Kulturkreis vor, ohne auf ein bestimmtes Zielland einzugehen ... Es ist eine allgemeine Vorbereitung."

"Für Trainingsanbieter", meint BITTNER in seinem Beitrag, "hat dieser Ansatz den großen Vorteil, dass sie sich nicht im Detail mit den Inhalten fremder Kulturen beschäftigen müssen. Dieselben - oft durchaus eindrucksvollen - Übungen und Beispiele können immer wieder eingesetzt werden, völlig unabhängig davon, in oder mit welcher Kultur die Teilnehmer welche Aufgaben zu lösen haben."

Was BITTNER als sensiblen Trainingsansatz durchaus positiv beschreibt, provoziert bei in knallharten Kosten-Nutzen-Kategorien denkenden Personalentwicklern Unbehagen und Kritik. Sie fordern für ihre Auslandsmitarbeiter nicht bloß die Erkenntnis, dass man im Umgang mit fremden Kulturen anders vorzugehen hat als bei den eigenen Landsleuten, sie verlangen auch entsprechendes Knowhow über das wie! Um diese Unternehmensbedürfnisse zu befriedigen, um Leitungskräfte mit hard facts abfüttern zu können, wurden Contrast-Culture-Trainings konzipiert, durchgeführt von Trainerpaaren, von denen einer ein Angehöriger der zur Diskussion stehenden Fremdkultur sein muss - ein hochspezialisiertes Verfahren, mit hochspezialisierten Trainern, zu Bombenpreisen.

Contrast-Culture-Seminare befassen sich nicht einmal mehr im Ansatz mit den Wertesystemen ihrer Teilnehmer (und deren Relativierung oder Flexibilisierung), sie liefern beinharte "Verhaltenstipps" für sämtliche Lebenslagen in der Fremde - ein sehr technizistischer Ansatzpunkt, der unvorbereitete Trainees zum blinden Auswendiglernen von Standardsituationen verführt und sie bei ihren Auslandseinsätzen zwar kulturell korrekt, aber seltsam hölzern und wenig authentisch agieren lässt. Culture-Awareness- und Contrast-Culture-Trainings en bloc anzubieten, sei, monieren Personalentwickler händeringend, schlichtweg unfinanzierbar.

Mag schon so sein, allerdings sei Misstrauen gestattet - den Anbieter-Profis gegenüber ebenso wie den potentiellen, finanziell ach so schrecklich klammen Unternehmerkunden gegenüber.

Solange Trainingsfirmen völlig unverfroren bis zu 3.000.- Euro (exklusive Spesen, versteht sich) für einen einzigen Seminartag zu verrechnen wagen, bleiben auch die neugierigsten Kunden in katatonischem Schrecken gelähmt - einerseits.

Andererseits dürfte aber auch keine Preisreduktion in Aussicht stehen, solange schwachsinnige Personalverantwortliche ohne Wimpernzucken vorderorientalische Sufis oder lakandonische Schamanen für die saisonalen Selbsterfahrungsbedürfnisse ihrer Bosse zu buchen bereit sind. Ein hochinteressanter Markt, noch dazu mit gesellschaftspolitischer Brisanz, ist auf dem besten Wege, sich selbst zu ruinieren.

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