Rezension von Timo Gnambs am 29.08.2003
Psychologie der Vernehmung
Die Befragung von Tatverdächtigen, Zeugen und Opfern
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Psychologie der Vernehmung von Ray Bull, Rebecca Milne |
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H. Huber, Göttingen,
2003 237 Seiten Preis: 29,95 € ISBN: 3456839650 |
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Die Polizei, dein Freund und Helfer schrieb einst Österreichs Hollywood-Export Billy WILDER sein Hohelied auf unsere staatlichen Ordnungsorgane in Grün. Die meisten von uns werden dank jahrelanger Fernseh-Indoktrination jedoch auch ein anderes Bild als jenes sympathische Bonmot mit unseren Sicherheitskräften assoziieren: Ein verstörter Zeuge sitzt sprachlos in seinem Stuhl; geblendet von einer grellen Lampe kann er die Konturen des erregten Polizisten, der ihn vernehmen, ihm den alles entscheidenden Hinweis zur Klärung des furchtbaren Verbrechens entlocken soll, nur erahnen. Immer forscher drängt, droht und wütet der grenzpsychotische Ermittler gegen sein verstocktes Opfer... Führwahr ein abgedroschenes Klischee, das direkt einem schlechten B-Movie entsprungen zu sein scheint. (Wie fern dieses Motiv der Wirklichkeit tatsächlich liegt, mag jeder selbst beurteilen - ich erinnere nur an die unlängst erhobenen Foltervorwürfe im Fall von Jürgen von METZLER.) Das vordergründige Ziel polizeilicher Ermittlungstätigkeit ist es selbstverständlich nicht, Zeugen oder Tatverdächtige zu verängstigen, um wahrheitsgemäße Aussagen zu erhalten. Vielmehr sucht man, möglichst vollständige und exakte Informationen aus möglichst vielen Quellen zu gewinnen. Das wichtigste Element von Ermittlungs- und Strafverfahren stellt somit die sachgerechte Vernehmung von Zeugen dar. Bislang wurde dieses grundlegende Handwerkszeug kriminalistischen Handelns jedoch nur selten Objekt systematischer wissenschaftlicher Betrachtungen. Rebecca MILNE und Ray BULL versuchen nun mit vorliegendem Werk dieses Manko auszugleichen und sammeln zahlreiche psychologische Theorien und Forschungsergebnisse als Basis für die Vernehmungspraxis. Mit seiner einfach verständlichen Aufarbeitung und starkem Praxisbezug richtet sich das Werk nicht nur an Theoretiker sondern explizit auch an Praktiker zur Vertiefung des Verständnisses der Psychologie der Vernehmung. Grundlage für erfolgreiche Vernehmungstätigkeit stellt ein basales Verständnis menschlicher Gedächtnisfunktionen dar; speziell der Prozess des Erinnerns nimmt dabei naturgemäß eine wichtige Rolle ein. Die Autoren gehen nicht nur auf allgemeine Ursachen des Vergessens ein, sie berücksichtigen Einflussfaktoren auf Enkodierungen (wie Alkohol oder Stress) und auf Reproduktionen (wie Scripte oder Kontexteffekte, stellen aber auch allzu oft vernachlässigte Fehler des Ermittlers (des Vernehmenden) ins Zentrum ihrer Überlegungen, die ungewollt die Erinnerungsleistung dramatisch einschränken können. Ausgehend von diesen Erkenntnissen entwickelten die Kognitivisten GEISELMAN und FISHER in den 80er Jahren eine spezielle Vernehmungstechnik, die nicht nur die Quantität der von Zeugen hervorgebrachten Informationen, sondern vor allem auch deren Qualität steigern sollten: das kognitive Interview. Anhand der sieben Phasen eines Interviews (Begrüßen, Zielvereinbarung, Freies Erinnern, Befragen, Variation, Zusammenfassung, Abschluss) werden die einzelnen Techniken vorgestellt und im Detail erläutert. Besondere Bedeutung im Vernehmungsprozess kommt zudem dem Gesprächsmanagement zu, einem Rüstzeug für Ermittler zur optimalen Gestaltung von Vernehmungsgesprächen. Erst das Verständnis dafür, wie verbales und nonverbales Verhalten Auswirkungen auf das Gegenüber zeigen kann, ermöglicht eine bewusste Gestaltung des eigenen Verhaltens vor (Gesprächsplanung), während (psychische und soziale Aspekte der Kommunikation) und nach (Informationsaufarbeitung) der Vernehmung. Ein großes Problem kriminalistischer Verhörtätigkeit stellen Falschaussagen dar. Drei Aspekte, die hierbei eine zentrale Rolle spielen, werden anhand aktueller Forschungsergebnisse eingehend diskutiert: Suggestion, wieder entdeckte verdrängte Erinnerungen und falsche Geständnisse. Verschlimmert wird diese Problematik zudem dadurch, dass viele falsche Erinnerungen erst durch mangelhafte Befragungen evoziert werden. So reagieren leicht beeinflussbare Personengruppen, wie z.B. geistig behinderte Menschen oder Kinder, auf manche Befragungsfehler besonders sensibel - zur Gewinnung valider Informationen ist demnach eine spezialisierte Vernehmungstechnik unverzichtbar. Neben einem Abriss bereits existierender Richtlinien, wie dem "Memorandum of good practice" (BULL, 1993, 1996), stehen schließlich neue, bislang noch kontrovers diskutierte Vernehmungstechniken (z.B. nonverbale Hilfen wie Zeichnungen und Requisiten) im Zentrum der Betrachtungen. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Werk nicht nur in verstaubten Regalen einzelner Bibliotheken zu finden sein wird, sondern Einzug in die Aus- und Weiterbildungsprogramme für Polizisten (oder andere Ermittler) hält. Denn selten wurden Teilgebiete psychologischer Forschung derart umfassend und verständlich für Laien aufgearbeitet. |
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