Action-Links:

Rezension von Dieter Gnambs am 20.08.2003

Das Familienbrett

Ein Verfahren für die Forschung und Praxis mit Familien und anderen sozialen Systemen


Das Familienbrett Das Familienbrett

von Kurt Ludewig, Ulrich Wilken (Hg.)
 
Hogrefe Verlag, 2000
178 Seiten
Preis: 39,00 €
ISBN: 3801713296
 
Ein Buch für die Praxis, verständlich dargestellt, gut systematisiert, anleitend zum selbständigen Weiterdenken - wohl ein Wunsch jedes Therapeuten! Kurt LUDEWIG und Ulrich WILKEN scheint dieser seltene Wurf gelungen zu sein. Ihr Band zur Arbeit mit dem "Familienbrett" stellt ein handfestes Werkzeug für den systemtherapeutischen Arbeitsalltag dar.

Die "Brett-Arbeit" nimmt mittlerweile in der systemischen Praxis einen zentralen Platz ein, ähnlich wie Skulpturarbeiten, die Technik des zirkulären Fragens oder paradoxe Symptomverschreibungen. Nahezu jeder Familientherapeut arbeitet damit, seit einem Viertel Jahrhundert wird darüber geschrieben, diskutiert, zeitweise auch gestritten, die Durchführungstechniken wurden variiert, adaptiert und für die unterschiedlichsten Zielpersonen, Gruppen und Organisationen maßgeschneidert.

Und trotzdem: irgendwie wird das Ganze den Ruch einer "Technik hinter der vorgehaltenen Hand" nicht recht los. Das scheinbar Spielerische, die unbeschwert anmutende Lockerheit, die in der Anwendung der Brett-Technik zum Ausdruck zu gelangen scheinen, lassen Nicht-Systemiker gerne die Nase rümpfen. Gilt doch in der deutschsprachigen Psychotherapie noch immer der eisenharte Grundsatz: nur schweißtreibende, bleischwere Therapiearbeit, mit einer zumindest halbstündig-röchelnden Reanimationsphase nach jeder Sitzung, ist tatsächlich gut getane Arbeit.

Italiener, Hispanos und Amerikaner sehen das etwas anders, sie verwenden sogar Humor und Komik als gezielte Interventionstechniken, die zu Grundlagen spezifischer Therapieschulen avancierten, in Mitteleuropa indessen heftig umstritten blieben. Psychotherapeutische Leichtigkeit und Schwebegefühle emotioneller Zufriedenheit bleiben hierzulande argwöhnisch beäugt und intellektuell entwicklungsbedürftig. Frank FARRELLY etwa und seine "Provocative Therapy" werden, vermute ich mal, erst dann ganz richtig und wahrhaftig die Herzen und Hirne der Deutschen zu rühren vermögen, wenn sie in österreichisch-verschwitzter Kauzigkeit als kabarettistisches Rahmenprogramm á la Bernhard LUDWIG auf den Brettern unserer Kleinkunstbühnen zu kalauern beginnen.

Umso erstaunlicher, dass auch hirnverliebte Zentraleuropäer therapeutische Techniken zu kreieren vermögen, deren Schwere und Komplexität nicht gleich sämtliche Dielen der Praxisräume zum Bersten bringen. Kurt LUDEWIG lebt an der Alster, sein Kollege und Mitarbeiter Ulrich WILKEN ebenso. Beide kommen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Hamburg, in deren wissenschaftlichem Rahmen sie 1978 erstmals mit dem "Familienbrett" zu experimentieren begannen.

Die Grundidee importierten die forschungs- und fabulierfreudigen Wissenschaftler aus Übersee. Ende der 1960er hatten in den USA David KANTOR und das Ehepaar Bunny und Fred DUHL in einer für Familiensysteme konzipierten Weiterentwicklung von Psychodrama-Techniken die "Familienskulptur" entwickelt, ein Therapie-Verfahren, durch das innerfamiliäre Beziehungs- und Verhaltensstrukturen von den Klienten selbst in einer metaphorischen Figur symbolisch dargestellt werden können.

Ausgangspunkt bildete die Untersuchung menschlicher Erkenntnisprozesse in unterschiedlichen Bahnen. Die beiden Heidelberger Systemtherapeuten Jochen SCHWEITZER und Gunthard WEBER versuchten dies schon vor Jahren in einem Fachzeitschriftenbeitrag aufzudröseln: "Linkshemisphärisch" (unter vorwiegender Aktivierung der linksseitigen Hirnregionen), so meinen sie, präsentiere sich "sprachlich-logisches Denken, das die Wirklichkeit in ihre Bestandteile zerlegt, diese mit sprachlichen Etiketten belegt und dann nach den Regeln der Satzbildung und Grammatik wieder zusammenfügt." Dieses Denken in Ursache-Wirkungsketten (wo eine Wirkung, muss auch eine bestimmte Ursache aufzufinden sein) verfügt über eine jahrhundertealte Tradition im christlich-abendländischen Philosophieren und Theologisieren. Sie bildet auch heute noch das Grundgerüst unseres Lern- und Schulsystems, wird uns sozusagen mit der Muttermilch eingeflößt. Vernachlässigt bleibt bei derlei Logik-Lastigkeit "das rechtshemisphärische Denken" (unter Betonung rechtsseitiger Gehirnaktivitäten), das sich "in ganzheitlichen Bildern, in Metaphern, auf einer eher intuitiven Ebene, ohne dass die Elemente dieser Bilder in Einzelteile und Ursache-Wirkungsketten aufgeteilt werden," vollzieht (in: "Familiendynamik", Heft 2, 1982, "Beziehung als Metapher").

Das "rechte", nichtlineare Denken in Bildern von parallel ablaufenden Prozessen, die sich wechselseitig beeinflussen und bedingen, ist Kennzeichen von kreisförmigen, zirkulären Wahrnehmungsweisen. Es fußt nicht so sehr auf analytischen, sprachlich-logischen ("digitalen") Erkenntnisbausteinen, sondern auf visuellen und kinestäthischen (sinnlich-konkreten) Informationen, die sich zum Bild einer "inneren Landkarte" der Familie fügen und "analog" (in Metaphern) kommuniziert werden. Analoges, zirkuläres Denken bildet die Grundlage zahlreicher östlicher Erkenntnisphilosophien, weshalb spirituell veranlagte Systemiker gerne zirkuläre Lebens- und Welterklärungsmodelle - z.B. buddhistische - zu bevorzugen pflegen.

Der neue Einfall der beiden DUHLs und David KANTORs erscheint rückblickend nahezu simpel und wahrscheinlich gerade deshalb in seinen Auswirkungen genial: Um in der psychotherapeutischen Arbeit die bis dahin übliche analytische Form digitalisierter Erkenntnisprozesse zu erweitern und analoge (Selbst-)Wahrnehmungskanäle nutzbar zu machen, erfanden sie die Metapher der mehrdimensionalen Familienskulptur.

Sie luden ein Familienmitglied, den "Bildhauer" (in der Regel ein waches Kind, einen Jugendlichen oder einen nicht im Konfliktzentrum stehenden Erwachsenen, keinesfalls den Symptomträger!), ein, "alle anwesenden Familienmitglieder im Therapieraum so aufzustellen, dass der räumliche Abstand die zwischen ihnen bestehende emotionale Nähe bzw. Entfernung zueinander abbildet. Die Reihenfolge wählt er" (der Bildhauer) "selbst" (zitiert nach SCHWEITZER und WEBER). "Wir ermutigen ihn dabei, die Abstände auszuprobieren, zu korrigieren und lassen ihn schließlich seinen eigenen Platz aufsuchen. Auf diese Weise muss er die Beziehungen zueinander definieren ...".

"Seine zweite Aufgabe ist es nun, die Familie in der Vertikalen so zu stufen, dass seine Vorstellung von der momentanen hierarchischen Struktur sichtbar wird: Wer sich am stärksten durchsetzt, wird ganz oben" (z.B. auf einem Tisch), "wer sich am schwächsten zeigt, ganz unten" (z.B. auf dem Boden sitzend) "postiert ... Die Familiendynamik entfaltet sich so in einer zweiten Dimension."

Schließlich wird der Bildhauer ermuntert, "jedem Mitglied eine für seine Person und sein Verhalten in der Familie charakteristische Mimik, Gestik und Körperhaltung zu geben ... Hier empfiehlt es sich, ihn zu ermutigen, die anderen Familienmitglieder anzufassen und direkt zu formen (Wie sitzt der Vater da? Wohin schaut der Sohn? Was macht die Mutter mit den Händen?)."

Zuletzt erfolgt die Aufforderung an alle, ihre Erfahrungen auszutauschen und über die Konsequenzen ihrer Erlebnisse zu verhandeln.

Die Skulpturarbeit hat in der Systemtherapie mittlerweile ihren festen Platz gefunden, und das nicht ohne Grund: da die Mitglieder ihre Skulpturen eigenhändig (unter Anleitung des Therapeuten) aufbauen und die Schlussfolgerungen und allfälligen Neuordnungswünsche selbst formulieren, verkörpert diese Technik ein grundsätzlich demokratisches Instrumentarium psychotherapeutischer Intervention (Veränderungsvorschläge einzelner Familienmitglieder werden sofort neu modelliert und ad hoc auf ihre Auswirkungen überprüft). Der Therapeut sorgt lediglich für den Rahmen, die Handlungsanleitung und fungiert als Schutzschild und Auffangnetz bei Gefühlseruptionen (die vor allem bei "Verstrickungsfamilien" mit schwachen Innenabgrenzungen, aber rigiden Grenzen nach außen, nicht unterschätzt werden dürfen).

Genau diese Gefahr von Emotionsexplosionen oder -implosionen, denen besonders in "psychotisch organisierten" Familienstrukturen mit verstärkter Behutsamkeit zu begegnen ist, bewogen LUDEWIG und WILKEN im geschützten Bereich einer jugendpsychiatrischen Station mit gefühlssanfteren Techniken zu experimentieren. Sie wählten dazu den Zugang über eine neutrale Modellierbasis und griffen dabei auf formale Vorerfahrungen des Sceno-Tests zurück.

Der Sceno-Test, 1939 von der deutschen Kinderpsychotherapeutin Gerhild von STAABS aus dem therapeutischen Puppenspiel kreiert, zählt zu den ältesten, in Ehren ergrauten, projektiven Testverfahren zur Demaskierung unbewusster kindlicher Wünsche und Ängste. Sein Aussagewert gilt, wie bei allen Projektivtests, bis heute als Glaubensfrage, er erfreut sich jedoch, vor allem im Kinderschutzbereich, ungebrochener Psychologengunst. Anhand vielfältig ausgestalteter, nach psychoanalytischen Konzepten erdachter (Familien-)Figuren, Tier- und Symbolgestalten sollen unbewusste Triebimpulse und Persönlichkeitsmerkmale, Ängste und Traumata dingfest und verborgene Wirklichkeiten ans Tageslicht befördert werden - ein Denk- und Handlungsansatz, den konstruktivistische Systemiker mit ihrem eingefleischten Misstrauen absoluten Wahrheiten gegenüber nur sehr bedingt zu goutieren vermögen.

LUDEWIG und WILKEN besannen sich auf die formalen Strukturelemente des Sceno-Tests, wiesen jedoch dessen inhaltliche Prämissen zurück. Sie entwickelten ein einfach handhabbares Instrumentarium zur Erkennung und Veränderung von Beziehungskonstellationen für die Klienten selbst, ohne einen Anspruch auf objektivierbare therapeutische Wahrheiten zu stellen.

Auf einem 50 mal 50 cm messenden Holzbrett, in 5-cm-Abständen von den Kanten mit einer schwarzen Randzeichnung eingegrenzt, sollen Holzfiguren in 2 verschiedenen Formen (rund, eckig) und unterschiedlichen Größen die Familienangehörigen symbolisieren. Die Figuren weisen einen auffällig schwachen Strukturierungsgrad auf, Gesichtszüge beispielsweise sind nur schwach angedeutet - ganz im Gegensatz zu den Sceno-Test-Gestalten, die sich durch üppige Ausformung, Differenzierung und Dekoration auszeichnen und einem Barbie-Puppen-Kosmos zur Ehre gereichen würden. Die Ausstattungsaskese der Familienbrettfiguren ist Absicht: es sollen keine Assoziationen zu Persönlichkeitseigenschaften provoziert werden (ein Abscheu für relativierende Systemiker). Die Konzentration richtet sich auf Beziehungsstrukturen und deren Auswirkungen auf die beteiligten Personen.

Analog zur Skulpturtechnik errichtet entweder ein einzelnes Familienmitglied oder die Familie als Ganzes unter Zuhilfenahme der Holzfiguren ein Abbild des eigenen familiären Beziehungsgefüges und versucht, belastende Beziehungskonstellationen durch Umgruppierungen zu verändern. Die Brett-Technik ist daher kein Testverfahren zum Aufspüren unbewusster Triebregungen oder Persönlichkeitseigenschaften, sondern ein Kommunikationsmittel für Klienten, mit dessen Hilfe sie sich über familiäre Beziehungsfallen auszutauschen beginnen - die Familie als Eigentherapiesystem sozusagen.

Mittlerweile hat die Brett-Arbeit den engen Anwendungsraum der Familien verlassen und findet in den verschiedensten Biosystemen ihr Terrain - Arbeitsteams, Schulklassen, Firmenabteilungen, ja ganze Organisationen werden erfasst. Die Vorzüge dieser Technik treten rasch zu Tage: einfaches Design, relativ problemlose Durchführung, gute Dokumentierbarkeit (mittlerweile wurde auch schon spezielle Brett-Software zur korrekten Wiedergabe von Figurenaufstellungen in PC-Protokollen entwickelt), vor allem aber eine bei weitem geringere Gefahr von eruptiven Emotionalisierungen als in der herkömmlichen Skulpturarbeit. Ganz besonders bewährt sie sich in der Arbeit mit verbal ausdrucksgehemmten Personen - Kindern, Behinderten, sprachlich untrainierten Unterschichtangehörigen, aber auch Ausländern mit Sprachproblemen.

Der von LUDEWIG und WILKEN herausgegebene Band versammelt insgesamt 15 Beiträge unterschiedlicher Autoren zu diversen Anwendungsbereichen - im Strafvollzug, bei Alkoholikerfamilien, in der Psychosomatik ebenso wie im nichttherapeutischen Kontext von Supervision und Organisationsberatung. Er versteht sich als Einladung zum selbständigen Weiterdenken und Experimentieren und ist im Klartext geschrieben, gleichermaßen ein unkonventionelles Handwerkszeug für Lernende wie Lehrende, für neugierige Newcomer wie für rostgefährdete Uraltprofis.

Der Hogrefe-Verlag führt auch gleich einen kompletten Testkasten in gepflegtem Design im Programm, kein hingeschludertes Dünnschnittbrett mit Armeschluckerfiguren, sondern etwas Nobles für Therapeutenkollegen auf Wolke sieben. So ein Arbeitsmaterial gibt schon was her und lässt bescheidenere Therapielichter neiderfüllt staunen - auch wenn der Preis nicht mehr kalkuliert, sondern satt überhöht in der Lotterie gezogen erscheint. Aber was soll`s - immer noch billiger als die Ausgabe de luxe der norddeutschen MACHWÜRTH-Unternehmensberatungsakademie mit Konflikt- und Hierarchiepodesten, bunten Beziehungsfädchen und popigen Symboletiketten, verstaut im Aluköfferchen mit Zahlenverschluss, und das alles zu einem nicht unschlappen Prestigepreis, der jedem Profan-Psycho die Haare zu Berge stehen lässt - ein brandneues Segment des freien Marktes, wie es scheint, das mich neugierig macht auf die längst fällige Untersuchung zu den "Profilierungsneurosen in der Therapeutenzunft".

Zum Seitenanfang

Weiterführende Links:

Design: g.t&s