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Rezension von Dieter Gnambs am 03.08.2003

Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert


Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert

von Erhard Chvojka
 
Böhlau, 2003
398 Seiten
Preis: 45,00 €
ISBN: 320598465X
 
Historisch betrachtet sind Senioren und Alte, Großmama und Großpapa recht jung.

Bis in die frühe Neuzeit galt Altwerden als reiner Luxus. Das Vergnügen, mit fortgeschrittenen Jahren die Seele im Müßiggang baumeln zu lassen, blieb einer sehr schmalen Schicht von blaublütigen oder dukatenstarken Faulpelzen vorbehalten, die andere für sich zu arbeiten lassen vermochten. Noch im 17. Jahrhundert starb die Hälfte des profanen Volkes bereits in den ersten beiden Lebensjahrzehnten eines seltsamerweise für "natürlich" gehaltenen Todes - also an Seuchen und Wundfieber, im Kindbett und an Erschöpfung, aber auch ganz schlicht und fromm an Auszehrung und Hunger. Noch um 1900, die "industrielle Revolution" war bereits Geschichte, schafften es erst knapp 5% der Bevölkerung Mitteleuropas die 65er-Lebensgrenze zu überschreiten.

Peter BORSCHEID, Münsteraner Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, veröffentlichte 1987 eine "Geschichte des Alters", in der er den unterschiedlichen sozialen Wahrnehmungen der Alten in Staat und Gesellschaft nachzuspüren sucht. Die "kraftvollen, tapferen und selbstbewussten Greise", wie sie CICERO in seiner Abhandlung "Cato maior de senectute" noch voll Respekt und Sympathie zeichnet und als oberste Autoritäten der Verehrung durch die Jugend anempfiehlt, verlieren in den folgenden Jahrhunderten sukzessive an Glanz und Gloria. Ein gutes Jahrtausend später sind sie endgültig "im Tal der Verachtung" gelandet und mit ihnen das "Alter als Fluch".

"Mit krachenden Beinen und triefender Nase", horrifiziert BORSCHEID, "kahlköpfig, taub und halb blind, schleppt sich der alte Mensch aus dem Mittelalter heraus und kriecht auf Krücken gestützt, unter dem Spott der Jugend, über die Schwelle zur Neuzeit." Oder, wie es ein zeitgenössisches Fastnachtspiel in authentischer Erbärmlichkeit ausdrückt:

"Du aber hast mich gemachet alt,
Geruntzelt, kalt und ungestalt,
Eyßgraw gemachet bart und har,
Das mich veracht die jugent gar."


(Pamphilius GENGENBACH, "Die X Alter dyser Welt", 1515).

Mittlerweile macht die Senioren-Sektion der westlichen Industrieländer ein stattliches Fünftel der Gesamtpopulation aus, ob sie sich indessen durch die "jugent gar" einer höheren Wertschätzung als vor 500 Jahren erfreut, darf als strittig gelten. Gesellschaftliches Interesse erwecken die zählebigen Alten heute auf jeden Fall als potentieller Kaufkraftfaktor und soziale Gratisarbeitskräfte.

Der deutsch-österreichische Böhlau-Verlag (mit Lektoratsstandorten in Wien, Köln und Weimar) bedient seit Jahren ein etwas schräges Nischenpublikum mit ausgefallenen Lesevorlieben. Seit Jahren publiziert er eine Reihe "Kulturstudien", die unter dem wissenschaftlichen Schutzschild des Wiener "Ludwig-BOLTZMANN-Instituts für Historische Anthropologie" steht und rare Schätze der Kulturgeschichte zu heben versucht. Ob damit satte Gewinne einzufahren sind, wage ich zu bezweifeln. Trotzdem ist die exquisite Reihe inzwischen bei Band 33 angelangt und das letale Ende immer noch nicht in Sicht.

Erhard CHVOJKA (Jg. 1964), ein akademischer Gerontomane mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Sozialgeschichte der Alten und des Alterns, präsentiert nunmehr eine Abhandlung über die "Geschichte der Großelternrollen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert", ein Thema, das einem überhaupt erst einmal einfallen muss. Darin setzt er mit hochgekrempelten Ärmeln zu einem Großreinemachen in der Rumpelkammer kulturhistorischer Sterotypien und Vorurteile an.

Die gute alte heile Welt der Großfamilie, mit mehreren Generationen rastlos schaffender und sorgender Sippengenossen unter einem einenden Dach, wenn möglich umschmeichelt von unverdorbener Natur inmitten grünender Wiesen und rauschender Wälder, kostet dem Autor keine einzige Sekunde intellektuellen Verweilens.

Der Familienforscher Wilhelm Heinrich RIEHL (1823-1897), ein waschechter Bayer mit romantisierender Bodenhaftung und einer der ganz großen Mystifikatoren der bürgerlichen deutschen Kulturgeschichte, gilt als der Erfinder der soziologischen Simpeleien vom "gesunden Volkskörper" und der "Familie als sozialer Zelle im prosperierenden Staat", ein echt deutscher Tiefsinn, den bis heute die metaphysisch veranlagten Einfachdenker der konservativen Parteien problemlos wiederzukäuen pflegen. Vorwiegend von ihm und seinen Gesinnungsfreunden stammen die blitzsauberen Falsifizierungen vom friedlichen Zusammenleben jugendlicher, erwachsener und grauköpfiger Blutsverwandter in der sozialen Harmonie eines familialen Honigtopfs - schon allein deshalb eine schiefe Hypothese, da die knappen Lebenserwartungschancen früherer Generationen eine Mehrgernerationensozialisation äußerst unwahrscheinlich machten.

CHVOJKA betont die Dominanz der Kleinfamilie auch in früheren Jahrhunderten, ohne patriarchalen Urahn, ohne mühsam malochenden Greis und ohne siechen Pflegefall im Hausverband. Schon der biologische Mangel an Alten verhinderte die Entwicklung konturierter Großelternrollen mit klaren Positionszuweisungen in der Familie. Die wenigen Grauköpfe, die es schafften, eine Lebensspanne jenseits der 50er zu überschreiten, waren - anders als heute - "überwiegend männliche Angehörige städtischer Mittel- und Oberschichten sowie des Adels", wobei der männliche Überhang nicht zuletzt auf die exorbitante Mortalitätsrate der Frauen bei ihren Fließbandentbindungen zurückzuführen sein dürfte.

Unabhängig von der Anzahl der Alten vermochten spezifische Großelternrollen erst im städtischen Bürgertum des 18. Jahrhunderts allmählich an Gestalt zu gewinnen. "Auch wenn Großmütter oft nicht in allzu großer Entfernung von ihren Enkelkindern lebten, befanden sie sich in der Frühen Neuzeit kaum jemals schon in einer sogenannten 'empty nest phase' (in einem Lebensabschnitt frei von Erziehungspflichten für eigene Kinder). "Diese muss jedoch als eine der Grundvoraussetzungen für ein intensives Engagement gegenüber Enkelkindern und damit für ein ausgeprägtes, spezifisch großmütterliches Verhalten betrachtet werden. Lediglich Frauen, die das Alter von etwa 65 Jahren überschritten hatten, übten in der Regel nicht mehr die Mutterrolle gegenüber unselbständigen Kindern aus", eine Altersgruppe, die im 16. und 17. Jahrhundert nur "von einem äußerst kleinen Bevölkerungssegment" (2% bis 3%) repräsentiert wurde.

Noch unwahrscheinlicher erwies sich für Männer eine "Großvaterschaft im leeren Nest". Zwar überlebten sie bis ins 17. Jahrhundert gewöhnlich ihre Frauen, befanden sich hingegen zum Zeitpunkt des Auszugs der jüngsten Kinder aus dem väterlichen Haushalt bereits in einem geradezu biblischen Alter (70 Jahre und mehr). Lediglich 1,5% aller Männer erreichten das Stadium der "nachelterlichen Gefährtenschaft", in dem sie eine spezifische Großvaterbeziehung zu ihren Enkelkindern hätten gestalten können.

Eine zusätzliche Erschwernis stellten die ausufernden Marathongeburten dar, die für Frauen olympische Hochleistungsbelastungen zur Folge hatten. Zumindest in den lendenstärksten Lebensabschnitten bedeutete ein Jahr ohne Schwangerschaft einen geradezu unerhörten Freigang von weiblichen Pflichten. Nicht selten verstrichen zwischen erster und letzter Geburt Jahrzehnte. CHVOJKA illustriert dieses wohl weitverbreitete weibliche Lebensgefühl am Beispiel einer steiermärkischen "Radmeisterin": "Maria Elisabeth STAMPFERIN (1638-1700) war bereits mit 40 Jahren erstmals Großmutter geworden. Sechs Jahre später hatte sie schon neun (!) Enkelkinder. Im Alter von 47 Jahren brachte sie jedoch noch ihr 16. und letztes Kind zur Welt. Sie vermerkt dazu in ihrem Hausbuch: `Im 47. Jahr hab ich noch das sechzehnte Kind geboren, hab große Sorge, Müh und Arbeit auf die Auferziehung meiner Kinder angewendet, sodaß ich also wohl recht schwach und müd bin worden und auch gern einmal ein ruhig Leben führen wollt!" (zitiert nach: Heide WUNDER, "Er ist die Sonn´, sie ist der Mond" - Frauen in der Frühen Neuzeit", 1992).

Kurzum: die Entwicklung inniger Großelterngefühle mit jauchzendem Kinderlachen und beglückt wogenden Adrenalinfluten stieß auf schwer zu überwindende gesellschaftliche, physische und mortale Grenzen.

Das Gipfelkreuz der Altenverachtung wurde im Dreißigjährigen Krieg erreicht, jener jahrzehntelangen Massenschlächterei im Namen des Allgütigen, die fast den gesamten europäischen Kontinent in eine blutgetränkte Leichenhalde verwandelte und erst 1648 auf Grund totaler Erschöpfung zum Erliegen kam. Die kaum mehr zu überbietende Verrohung der Sitten, die unglaubliche Fanatisierung der politischen und religiösen Gegensätze, die bis in den letzten Winkel reichende Brutalisierung des Alltagslebens unter dem Einfluss einer aus aller Herren Länder zusammengetriebenen Soldateska, entzogen kranken, schwachen und vor allem betagten Menschen ihre Lebensgrundlagen. Ein unbekannter Autor bringt es lakonisch auf den (Tief-)Punkt: "...wan man dem Alter zu lobe etwas vorbringet, dann ist dies fast eben so viel ..., als wan man vom fieber, dem zipperle, oder der thorheit geschrieben", insbesondere, weil an den Alten "so viel überschreitende mängel, ja so viel viehischer und boshafter händel" zu entdecken seien (in: "Der weise Alte", 1643). Fürwahr, eher bescheidene Chancen zur Entwicklung großelterlicher Güte und Liebestrunkenheit.

Allerdings: die Talsohle staatlich organisierter Gefühllosigkeit und Inhumanität war schließlich trotz unermüdlichen Köpfeeinschlagens nicht mehr zu unterschreiten. Das Pendel begann langsam in die Gegenrichtung zu schwingen.

Ein sächsischer Jurist wagte erstmals das paradox anmutende, akrobatische Kunststück, eine auf dem Naturrecht basierende gesellschaftliche Pflichtenlehre behutsam mit den Hirnrissigkeiten majestätischen Gottesgnadentums und monarchischer Raffgier in Verbindung zu bringen. "De iure naturae et gentium" nannte Samuel von PUFENDORF seinen staatspolitischen Entwurf, in dem er 1672 das Grundgerüst eines Vernunftrechts zimmerte, dem er einen humanitären Pflichtenkatalog für Beherrschte und Herrschende zugrunde zu legen versuchte. Geradezu tollkühn verglich der Autor darin das sakrosankte Kaiserreich der Deutschen mit einem staatspolitischen "Monstrum" - ein starker, ja gesundheitsgefährdender Tobak, den der dreiste Denker wundersam überlebte.

PUFENDORFs verwegener Pflichtbegriff drängte auf eine Fortentwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse. "Er geht weit über die Religion hinaus", schreibt BORSCHEID in seiner Alten-Abhandlung, er forderte "die Menschen auf, am Aufbau einer humanen Gesellschaft mit aller Kraft mitzuarbeiten ... Die Tugend, die bisher ein Gnadengeschenk Gottes gewesen war, das nur wenigen zuteil wurde und an deren Mängel die ältere Generation schmerzlich zu leiden hatte, wird fortan kraft eigener Vernunft und Willenskraft erworben".

Während der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts scheinen betagte Menschen ihre sozialen, innerfamiliären Rollen verändert wahrzunehmen: aus alten Müttern und Vätern entwickeln sich allmählich grand-maman und grand-papa mit speziellen Beziehungen zur Schar ihrer Enkelkinder. CHVOJKA zieht zum Quellenstudium die französischen, englischen und deutschen Werke der darstellenden Kunst heran, in deren Bildmotiven er den Wertewandel zu erkennen meint. Als ersten Schritt zur Repräsentation sozialer Großelternrollen zitiert er Jean-Baptiste GREUZEs rührendes Oma-Gemälde, auf dem als einziges Thema die Beziehung zwischen einem Enkelkind und seiner Großmutter zur Darstellung gelangt (1770). GREUZEs Werk, noch heute im Louvre in Paris zu bestaunen, zog zahlreiche Nachfolgemotive nach sich, die immer stärker das Bild der gütigen Familienahnen im Kreise ihrer ihnen liebevoll zugewandten Enkelkinder zu zeichnen versuchten.

Was damals begann, entwickelte sich im bürgerseligen 19. Jahrhundert zum wahren Boom. Da es zum guten Ton der städtischen und aristokratischen Oberschichten zu gehören begann, die eigenen Sippenangehörigen großflächig und pompös konterfeien zu lassen, um damit Salons und Gästezimmer zu drapieren, verwandelten sich so manche Wohlstandsbürgerhäuser in museale Ahnengalerien. Unbarmherzig galt es für Besucher, Großmama und Großpapa in Öl und Farben zu bewundern und längst verstaubten Ahnenlegenden zu lauschen. Die familiären Rollen, die dabei zum Vorschein kommen, lassen einen interessanten Rückschluss auf die neuen Funktionsverteilungen im bürgerlichen Hausverband vermuten. Während Vaterbilder immer dominanter, beeindruckender, autoritativer und selbstbewusster von den Wänden blickten, schienen die Väter der Väter allmählich einer latenten Geschlechtsumwandlung anheim zu fallen. Sie gewannen immer weiblichere Züge, oder zumindest Züge, die gott- und kirchengewollt als weiblich zu gelten hatten. In den Bildmotiven scheinen die Großväter immer weisere Attribute anzunehmen, um schließlich zu sanften und gütigen Lehrmeistern ihrer Enkelkinder zu mutieren, nicht selten mit märchenonkelhaften Neigungen zum Geschichtenerzählen.

Im bäuerlichen Milieu hingegen verfielen sie eher einer Entwicklungsregression: als immer hilflosere, naivere und tollpatschigere Käuze schienen sie sich den infantilen Verhaltensweisen ihres eigenen Nachwuchses anzunähern und zur Zielscheibe von Respektlosigkeit, Hohn und Spott zu werden. Das unverhohlene Amüsement, aber auch die Irritation, die sie in den Augen der Erwachsenen zu bewirken vermochten, brachte Franz von DEFREGGER treffend in seinem Gemälde "Großvaters Tanzunterricht" (ca. 1870) zum Ausdruck, in dem ein alter Mann in einer Bauernstube hingebungsvoll zu tanzen versucht, während die Blicke der Zuschauer gleichermaßen Belustigung wie Bestürzung auszudrücken scheinen.

Großmütterrollen begannen sich offenbar erst später zu akzentuieren und in ihrer emotionalisierten Darstellung einer Art idealisierten Ersatzmutterschaft Ausdruck zu verleihen. Weiblichen Rollenklischees entsprechend gelangten die alten Damen stets mit Attributen der Frömmigkeit (Rosenkranz, Gebetbuch) und des Arbeitsfleißes (Strickzeug, Spindel) zur Abbildung.

Die moderne Ersatzelternschaft, die Großeltern heute für ihre Enkelkinder so selbstverständlich zu übernehmen bereit sind, dürfte ihre Wurzeln auch in den proletarischen Lebensbedingungen des frühen 20. Jahrhunderts entwickelt haben. In den beengten Wohnverhältnissen des Arbeitermilieus koresidente Großmütter übernahmen in wesentlich stärkerem Ausmaß ganz pragmatische Erziehungsfunktionen für ihre Enkelkinder als dies in bürgerlichen Haushalten der Fall war. Auch hier hatten sie sich jedoch dem immer höher werdenden Erwartungsdruck an ihre eigene Arbeits- und Leistungsbereitschaft zu beugen. Ein Ausscheren aus diesem Normenklischee gelang selten, erschien ungewöhnlich und pflegte mit Unverständnis oder Ausgrenzung geahndet zu werden. Der Versuch Bertolt BRECHTs, in seiner Erzählung "Die unwürdige Greisin" (1939) eine Lanze für ein eigenbestimmtes Leben der Alten zu brechen, blieb auch in der Literatur der Moderne eine singuläre Erscheinung.

Obwohl CHVOJKA im Inhaltsverzeichnis seines Buches eine Untersuchungsbreite bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts verspricht, scheint ihm mit der vorletzten Jahrhundertwende der Atem auszugehen. An die 290 Seiten verwendet er für die informative, detailgetreue Beschreibung der Großelternrollen bis zum Jahr 1900. Die Zeit danach versandet auf knapp 50 Seiten im Ungefähren. Die Blut-und-Boden-Zwänge der Nazis finden gar nur als historische Marginalie in einigen Nebensätzen Erwähnung.

Das Buch stellt ein wissenschaftliches Novum dar, kein Zweifel. Es erforscht weitgehendes Neuland und bietet eine beeindruckende Orientierungshilfe zum bislang vernachlässigten Thema der historischen Mehrgenerationensozialisation. Gleichzeitig verweist es aber auch auf Lücken und weiße Flecken, die dringend einer Bearbeitung harren.

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