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Rezension von Dr. Christian Arnezeder am 19.07.2003

Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 45

Beiträge zur Theorie, Praxis und Geschichte


Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 45 Jahrbuch der Psychoanalyse, Bd. 45

von Claudia Frank, Helmut Hinz, Ludger M. Hermanns (Hg.)
 
frommann-holzboog, 2002
246 Seiten
Preis: 50,00 €
ISBN: 377282045 X
 
Das "Jahrbuch der Psychoanalyse" ist eine periodisch erscheinende Zeitschrift zur Psychoanalyse mit hohem Qualitätsstandard und eigener Charakteristik. Nicht nur klinische Beiträge finden regelmäßig Eingang, sondern auch Beiträge zur Geschichte und Theorie der Psychoanalyse sowie zur Kunst und Kultur. Somit ein sehr umfassendes Spektrum von Arbeiten aus den Reihen der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, das nun auch auf die Deutsche Psychoanalytischen Gesellschaft ausgeweitet werden soll. Ein neuer Herausgeberkreis stellt sich in diesem Band vor, will Bewährtes beibehalten und zusätzlich ausländische Arbeiten übersetzen oder die Kinderanalyse mehr einbeziehen. Regelmäßiges zweimaliges Erscheinen im Jahr wird versprochen.

Im vorliegenden Band finden sich traditionsgemäß die Karl-ABRAHAM-Vorlesung von James M. HERZOG zur ödipalen Rivalität und zu Triangulationsproblemen von Sohn, Mutter und Vater sowie die Wolfgang-LOCH-Gedächtnisvorlesung von Lore SCHACHT zur Fähigkeit des Überraschtseins, die sie mit immer lohnenswerten Rückbezügen zu eigenen Erfahrungen mit D. W. WINNICOTT einleitet und mit einer ausführlichen Falldarstellung eines fünfjährigen Jungen belegt.

Lisbeth KLÖSS-ROTHMANN stellt die adhäsive Identifizierung als zusätzlichen Identifizierungsmechanismus dar für Patienten in der psychoanalytischen Praxis, welche ohne augenfällige Symptomatik dennoch eine Psychoanalyse beginnen, weil sie Identifikationsmöglichkeiten suchen, und sich als etwas schwierige Patienten gestalten. Sie argumentiert mit einer traditionellen psychoanalytischen Denkfigur, dass es Patienten gibt, welche sich mit dem bisherigen Wissenskanon und Therapietechniken der Psychoanalyse schwer erfassen lassen. Hier soll nun ein neues Konstrukt Abhilfe schaffen, die adhäsive Identifizierung. Dass aber Psychoanalyseverläufe sehr vielfältig und unterschiedlich sein können und nicht allein auf Patientenmerkmale rückführbar sind, sondern auch vom Psychoanalytiker, von der gemeinsamen Beziehung, von Motivation und Verständnis, von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängen und zu Behandlungswünschen beitragen, finden bedauerlicherweise zu wenig Eingang in die Überlegungen. Schwierigkeiten verursacht offensichtlich nur der Patient, und nur an ihm sind demnach Veränderungsmöglichkeiten denkbar.

Erika HARTMANN steuert mit einer Arbeit über Käthe KOLLWITZ und ihr künstlerisches Schaffen zur Thematik "Mutter mit totem Kind" einen faszinierenden Einblick in die Entstehungsgeschichte der Werke von Käthe KOLLWITZ bei, zu deren Erklärung sie die Lebensgeschichte der Künstlerin heranzieht und Beispiele ihrer Werke zum Thema darstellt. Ein einfühlsames und bewegendes Ergebnis psychoanalytischen Denkens und Verstehens.

Helmut H. LUFT widmet sich in seinem Beitrag dem Altern und den damit verbundenen Lebenssituationen im Schauspiel "Der Sturm" von SHAKESPEARE, während Gerhard FICHTNER der Herkunft des Sprichwortes nachgeht "Omne animal post coitum triste", das FREUD in seinem Werk herangezogen hat und in Bezug zur antiken Säftelehre gesetzt wird.

Michael SCHRÖTER gibt in einer umfassenden Darstellung Einblicke in die Arbeit der Eitingon-Kommission, die Ende der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine einheitliche Ausbildungsrichtlinie für angehende Psychoanalytiker zusammengestellt und international diskutiert hat. Besonders erwähnenswert sind nicht nur die vielfältigen und kontroversen Stellungnahmen in historischer Sichtweise, was auch Rückblicke auf die damals führenden Persönlichkeiten der Psychoanalyse zulässt, sondern auch die Wiedergabe der Ausbildungsrichtlinien, die eine eigene Urteilsbildung erlauben und die heute noch anhaltenden Bemühungen und Überlegungen nachweist, wie ein Aspirant auch ein guter Analytiker wird, was letztendlich gute Analyse zu sein habe.

Das Buch ist zu empfehlen für alle, die an der Psychoanalyse nicht nur wegen ihrer klinischen Ausformung Interesse finden, sondern sich auch kulturgeschichtliche Betrachtungen aus psychoanalytischer Perspektive aneignen wollen. Umfassende Kenntnisse zur Psychoanalyse und vielfältiges Interesse sind jedoch Voraussetzung.

Die Anfrage wie auch die Lieferung des besprochenen Rezensionsexemplares haben sich wegen Lieferproblemen als umständlich und originell wie das Buch selber erwiesen, letztendlich aber als doch glücklich.

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