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Rezension von Dieter Gnambs am 12.07.2003

Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit

Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses


Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit Konstruktivismus - Kommunikation - Soziale Arbeit

von Björn Kraus
 
Carl-Auer-Systeme Verlag, 2002
234 Seiten
Preis: 21,00 €
ISBN: 3896703129
 
Kennen Sie den? Treffen sich zwei Psychotherapeuten, beginnt der eine Fach zu simpeln: "Wissen Sie, ich fange meine Behandlungen inzwischen grundsätzlich mit der Frage an, ob der Patient Schach spielt." Der Kollege guckt und schweigt. Fährt der Erste fort: "Spielt er Schach, dann verbiete ich es ihm. Spielt er nicht, verordne ich es ihm." "Ja, aber warum denn das?" entfährt es dem Zweiten entgeistert. Darauf der Erste: "Keine Ahnung. Aber bis jetzt hat es immer geholfen."

Kleiner Scherz unter Kollegen? Oder doch etwas mehr?

Naja, wissenschaftlicher Therapieansatz steckt natürlich keiner dahinter. Aber ein kleines Stück Therapeutenbosheit wohl schon.

Der Witz wird auf Therapeutenkongressen gerne jenen Kollegen um die Ohren geschlagen, die als bekennende Konstruktivisten orthodoxen Psycho-Kapazundern den Nerv zu ziehen pflegen. Das unweigerlich säuerliche Grinsen der Karikierten soll signalisieren: "Witz angekommen. Von Konstruktivismus wohl keine Ahnung, Dumpfbacke!"

Jahrzehntelang schien der Psycho-Kosmos relativ klar, rund und geordnet.

Verhaltensstörungen hatten - so die Version 1 - ihre Ursachen in einer irgendwie schrägen Vergangenheit: frühe Traumatisierungen, destruktive Lernmodelle, chronische Belastungsszenarien. Diese galt es aus den Schluchten des Unbewussten wieder ins Bewusstsein zu heben, um neue Pfade des sozialen Verhaltens entdecken zu können. Der Therapeut als Boy-Scout für den Klienten sozusagen, eine oft mühevolle und jahrelange Fron der Selbsterfahrung.

Version 2 sorgte bereits ausreichend für Unruhe, schob sie doch die gegenwärtige Beziehungsgestaltung des Klienten ins Zentrum therapeutischer Aufmerksamkeit. Der aktuelle Lebenskontext fand plötzlich wissenschaftliches Interesse. Einfluss nehmende und beeinflussbare Bezugspersonen suchten auf einmal gemeinsam mit dem Klienten im Therapiezimmer Platz - Systeme anstelle von Einzelpersonen, lautete die neue Devise.

Seit einigen Jahren bahnt sich eine 3. Version ihren Weg in die Köpfe neuer Therapeutengenerationen: constructivism is coming! Und wieder einmal soll alles ganz anders werden.

Dabei besitzt das ungewohnt und neuartig anmutende Denken der radikalen Konstruktivisten uralte Traditionen, deren Wurzeln bis in die Philosophie der Vor-Sokratiker zurückreichen. Die zentrale These ist keineswegs neu und lautet in komprimierter Schlichtheit: Erkenntnis vermag niemals objektiv zu sein! Wir sind nicht in der Lage, die `wirkliche´ Wirklichkeit, die `wahre´ Wahrheit zu erfassen. Wirklichkeit ist ein subjektives Konstrukt, erzeugt durch die individuelle Wahrnehmungsweise des Betrachters. Sie ist und bleibt relativ oder, wie Heinz von FOERSTER, einer der Pioniere konstruktivistischen Denkens, es ausdrückte: "Die Wirklichkeit wird von uns nicht gefunden, sondern erfunden" (in: "Sicht und Einsicht - Versuche einer operativen Erkenntnistheorie", 1985).

Wie ist dies zu verstehen? Ein kleines Beispiel:
Die Zeilen, die Sie gerade lesen, erkennen Sie auf einem Blatt Papier, dem Bildschirm Ihres Monitors, in einem Buch - allesamt feste, kompakte, statische Gegenstände (selbst, wenn Sie diese zu zerreißen, zertrümmern, zerfleddern versuchen). Fragen Sie, wen Sie wollen. Jeder wird es Ihnen bestätigen. Ist das also die objektive Wirklichkeit? Eindeutig, unwiderlegbar, glasklar?

Besäßen Sie Augen von der Tiefenschärfe eines Elektronenmikroskops würde Ihre Wirklichkeit anders aussehen: egal, ob Papier, Bildschirm oder Buch - keine Spur von Kompaktheit oder Statik. Massen von winzigkleinen Elektronen in rasenden Bahnen um noch winzigkleinere Nukleonenkerne, atomarer Aufruhr, tobende Geschwindigkeiten, atemberaubende Dynamik allerorten. Auch dies eine Wirklichkeit. Sie unterscheidet sich von der ersten lediglich durch eines: die andersgeartete Wahrnehmung.

Welche der beiden Wirklichkeiten ist "wirklich"? Welche Wahrheit ist "wahr"? Die Konstruktivisten meinen: beide, es hängt nur von der Betrachtungsperspektive des Beobachters ab, davon, was für ihn sinnvoll, brauchbar und nützlich erscheint. Verfügten wir tatsächlich über einen Sinnesapparat mit millionenfach gesteigerter Sehkraft, würden wir in einem Chaos wahrnehmbarer Reize versinken, die Welt um uns wäre wohl kaum mehr zu strukturieren. Seien wir also - wenigstens in diesem einen Punkt - glücklich und zufrieden über den Aufbau und die Funktionsweise unseres Gehirns!

Das menschliche Gehirn verfügt über keinen direkten Kontakt zur Außenwelt. Oder wie der deutsche Wissenschaftsjournalist Markus ALBERS formuliert: "Die Sinnesorgane liefern lediglich gleichförmige elektrische Nervenimpulse, die erst im Gehirn zum Bild einer komplexen" (Außen-)"Realität zusammengesetzt werden. Welche Daten" (d.h. Außenreize) "Zugang finden und in welcher Weise sie ausgewertet werden, entscheidet das (Nerven-)System selbst, nach eigener Logik. Es konstruiert Wirklichkeit."

Die subjektive Konstruktion von Wirklichkeiten besitzt allerdings nicht nur in der Welt der Neurobiologie Gültigkeit. Sie gilt für alle Formen menschlichen Erkennens, mithin auch für Sozialarbeit und Psychotherapie.

Björn KRAUS, Systemtherapeut, Sozialpädagoge und Leiter des "Kinder- und Jugendbüros" des Stadtjugendamts Kaiserslautern (etwa einer österreichischen Jugendanwaltschaft vergleichbar), unterzog sich der Mühe, zum komplexen Thema "Radikaler Konstruktivismus" an der Universität Heidelberg zu dissertieren. Als Doktorvater wählte er sich nicht einen Irgendwen, sondern punktgenau Micha BRUMLIK, einen der profiliertesten Vertreter der deutschen Verhaltens- und Sozialwissenschaften.

Die Dissertation ist nunmehr in Buchform erschienen, allerdings unter einem Titel, der nicht gerade einen Bestsellererfolg befürchten lässt: "Konstruktivismus, Kommunikation, Soziale Arbeit - Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses". Die Lektorin des Verlags scheint KRAUS nicht recht zu mögen, sonst hätte sie ihm eine stromlinienförmigere, Leser animierende, weniger verschreckende, Überschrift angeraten.

Wer sich tapfer genug fühlt, den Band trotzdem in die Hand zu nehmen und darin zu lesen, wird allerdings belohnt. Spontan fällt mir kein Autor mit einem derart breit angelegten Speichervolumen von Konstruktivismus-Informationen ein, wiederholt drohte mich die Faszination zu überwältigen, unter KRAUSes Schädeldecke nachgucken zu müssen, um klar zu kriegen, wie eine dermaßen atemberaubende Fülle von Daten überhaupt in einem Kopf sortiert und abrufbereit gelagert zu werden vermag.

KRAUS setzt an den Anfang seiner Bestandsaufnahme die grundlegenden Thesen der (Groß-)Väter des Konstruktivismus, unter denen sich übrigens auffallend viele Österreicher finden lassen. Deren Lebenshintergründe bleiben leider völlig im Dunkeln, obwohl sie doch sehr wesentlich zur Entstehung von Weltbildern und Wahrnehmungssystemen beizutragen pflegen.

Heinz von FOERSTER (1911-2002), schon zu Lebzeiten im Kultstatus, war Sohn eines weltoffenen Wiener Elternhauses (mit engen Kontakten zu Ludwig WITTGENSTEIN und Hugo von HOFMANNSTHAL). Als Physiker und Kybernetiker der ersten Stunde gestaltete er sein Leben "als konstruktivistisches Gesamtkunstwerk", in welchem er auch bleibenden Ruhm als Künstler und Pionier der Computermusik gewann. "Ich will Verstehen verstehen", lautete das tragende Motto seiner wissenschaftlichen Existenz.

Ernst von GLASERSFELD (Jg. 1917), der eigentliche "Erfinder" des radikalen Konstruktivismus, wurde als Kind eines österreichischen Diplomatenehepaares in München geboren. Fünfsprachig (!) aufgewachsen, studierte er Mathematik und Linguistik. Er gilt als der wohl kreativste Kopf in der an Kreativität nicht gerade armen Konstruktivistenschar: Student in Wien, Skilehrer in Australien, die Philosophie George BERKELEYs büffelnder Bauer in Irland, Journalist und Übersetzer in Italien (wo er in Mailand das erste "Zentrum für Kybernetik" gründet), Mitarbeiter an sprachwissenschaftlichen und anthropologischen Forschungsprojekten der US-"University of Georgia", die ihn zu langjährigen Studien über den Spracherwerb von Schimpansen und schließlich zu seinem genialen Entwurf einer computerkompatiblen Affensprache, "Yerkish", anregen.

Paul WATZLAWICK (Jg. 1921), ein gebürtiger Villacher, studierte in Venedig Philosophie und Philologie, um sich Anfang der 1950er Jahre am "Carl-Gustav-JUNG-Institut" in Zürich zum Psychotherapeuten ausbilden zu lassen. Seit 1960 arbeitet und forscht er an der sozialpsychologischen Denk- und Kaderschmiede des "Mental-Research-Institute" in Palo Alto, Kalifornien. Er gilt als konstruktivistischer Vielschreiber und intellektueller Scherzbold der Runde, der Hochwissenschaftliches präzise, flüssig und humorvoll darzustellen und sogar zu Bestsellerehren zu führen vermag ("Anleitung zum Unglücklichsein", seit 1983 ein Endlosseller mit Spitzenauflagen).

Und natürlich nicht zu vergessen die beiden chilenischen Zwillingsdenker MATURANA/VARELA!

Humberto MATURANA (Jg. 1928) verknüpft die Theorie von sich selbst steuernden menschlichen Systemen - insbesondere unseres Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparats - mit Fragen der Ethik und der Gesellschaft. Als Anhänger des marxistischen Staatspräsidenten Salvador ALLENDE wurde er 1973 Zeitzeuge von dessen von US-Militärs inszenierter Ermordung und der Errichtung der blutigen Marionetten-Diktatur des Generals Augusto PINOCHET. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Freund und Kollegen VARELA - und nicht zuletzt aus familiären Rücksichten -, entschloss sich MATURANA in Chile zu bleiben und fortan zu heucheln, ohne sich zu unterwerfen.

Glänzend die Eigendarstellung seiner persönlichen Begegnung mit PINOCHET anlässlich eines akademischen Gala-Diners. In Form einer spontan inszenierten subversiven Tischrede veranlasste er den Blut-General, ohne ihn dabei zu brüskieren, mit ihm gemeinsam coram publico auf das Wohl eines demokratischen Chiles zu trinken. Prompt verwandelte sich dessen diktatorische Attitüde in eine partnerschaftliche, fast "kollegiale" Interaktion mit dem Wissenschaftler. In dieser Situation war es MATURANA gelungen, die Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschtem umzudeuten (zu "reframen", eine Interventionstechnik der Systemtherapie), indem er die Eigenlogik eines "geschlossenen" diktatorischen Systems benutzte, um in dieses einzudringen und es zu verändern - ein geradezu klassisches Beispiel konstruktivistischen Denkens und Handelns (in: "Vom Sein zum Tun - Die Ursprünge der Biologie des Erkennens", 2002).

Francisco VARELA (1946-2001), Biologe wie MATURANA, floh nach PINOCHETs Putsch bis Paris, wo er drei Jahre nach einer Nierentransplantation (wegen einer schweren Hepatitis C-Erkrankung) allzu früh starb. VARELA ging, als überzeugter Buddhist, noch einen Schritt weiter, indem er eine "Ethik der Ichlosigkeit" entwarf und versuchte, die Erforschung des Geistes und des Bewusstseins mit der östlichen Philosophie BUDDHAs zu verbinden.

Nach der Darstellung der Grundtheoreme der konstruktivistischen Gründergeneration befasst sich Björn KRAUS im zweiten Teil seiner Dissertation mit den Einwänden gegen die vermeintliche "Weltsicht totaler Relativität und Beliebigkeit", die aus den Postulaten der radikalen Konstruktivisten schlusszufolgern seien. Seine Kritik der Kritik des Konstruktivismus wendet sich vor allem gegen das hübsche Paradoxon Norbert GROEBENs, Kulturpsychologe an der Universität Köln, "Wenn der Radikale Konstruktivismus wahr ist, dann ist er falsch". Klingt zwar gut, meint KRAUS, ist aber trotzdem schlecht.

GROEBEN gehe, so der Autor, von einer unzulässig verkürzten Konstruktivismus-Interpretation aus. Die Verantwortung für die Konstruktion von Wirklichkeiten bleibe zwar unabdingbar bei den beobachtenden Individuen, aber "unabdingbar" bedeute keineswegs "unabhängig" von äußeren Realitäten: "Der Radikale Konstruktivismus geht lediglich davon aus, dass wir nicht wissen können, ob eine Theorie der Realität entspricht oder eben nicht. Das bedeutet aber keineswegs, dass jede Theorie zwingend falsch sein muss, in dem Sinne, dass sie im Widerspruch zur (äußeren) Realität steht..." Und: "Mir fällt es schwer einzusehen, dass es so wichtig zu sein scheint, dass Theorien als wahr gelten sollen. Warum kann es nicht ausreichen, dass sie a) funktionieren und b) verschiedene Erfahrungsinhalte erklären können?"

Im abschließenden dritten Teil untersucht KRAUS die Konsequenzen des Konstruktivismus für das Feld der Sozialpädagogik und damit, implizit weitergedacht, auch für die Psychotherapie. Im Zentrum steht dabei die Überzeugung, ein menschliches System reagiere nie determiniert (automatisch), in vorhersehbarer Weise, auf bestimmte Signale (Reize), sondern es verarbeite jedes Signal, wie immer es ist und wie stark es auch sein mag, eigenschöpferisch (MATURANA/VARELA: "autopoietisch") nach individuellen Nützlichkeitskriterien.

Die Genese der Psychotherapie erfuhr vor allem durch Sigmund FREUD als Leitfigur entscheidende Impulse, die heute immer noch - ein beachtliches Jahrhundert später - das wissenschaftliche Denken beherrschen. Demnach setzte sich die Auffassung durch, für die Heilung psychischer Leiden bedürfe es eines Experten, der über das notwendige Wissen verfüge und mittels trickreicher Kunstgriffe in der Lage sei, Klienten von ihrem Ballast zu befreien.

Im Jahr 1973 passierte allerdings etwas, das diese Überzeugung arg erschütterte. Der US-amerikanische Psychologe David ROSENHAN veröffentlichte die Ergebnisse eines Experiments, für das ihm der französische Philosoph Michel FOUCAULT im Nachhinein einen "Nobelpreis für wissenschaftlichen Humor" verleihen wollte.

Acht völlig gesunde Versuchspersonen erschlichen sich den Status von stationären "Psychiatriepatienten", indem sie im Aufnahmegespräch vorgaben, Stimmen zu hören. Dies war die einzige Täuschung, ansonsten verhielten sie sich völlig normal. Insgesamt zwölf psychiatrische Krankenanstalten suchten sie auf, alle zwölf erklärten sie für aufnahmebedürftig, um sie zwischen 7 und 52 Tage einer psychiatrischen Behandlung zu unterziehen. Alle acht Pseudopatienten wurden anschließend mit der Diagnose "abklingende Schizophrenie" nach Hause geschickt. Umso erstaunlicher, als etwa ein Drittel der regulären Patienten offen argwöhnte, es könne sich um keine "echten" Patienten handeln. Pflege- und Ärztepersonal zeigten sich unbeeindruckt und beharrten auf ihrer Diagnose.

Nicht genug damit. Nach Auffliegen des Täuschungsmanövers versicherten andere Krankenanstalten ihre Überzeugung, bei ihnen sei so etwas schlichtweg unmöglich. ROSENHAN blieb nicht untätig und startete die Gegenprobe. Diesmal kündigte er offiziell an, "innerhalb der nächsten drei Monate" kämen mehrere unbekannte Versuchspersonen, um in diesen Spitälern das gleiche Spiel zu wiederholen. Eine glatte Finte, kein einziger kam. Tatsächlich wurde jedoch etwa ein Fünftel der stationären Patienten plötzlich entlassen - in der Gewissheit, bei ihnen handle es sich um "entlarvte" Trickpsychotiker.

"Einmal als `abnormal´ abgestempelt, färbt dieses Merkmal die Wahrnehmung von der betreffenden Person völlig ein... Die Lebensgeschichte wurde so umgedeutet, dass sie mit der gängigen Schizophrenietheorie übereinstimmte. Das Personal schien von der Annahme auszugehen, dass die Menschen, weil sie im Krankenhaus aufgenommen worden waren, geistig gestört sein mussten. Und da sie für sie geistig gestört waren, waren auch ganz normale Tätigkeiten, wie etwa das Anfertigen von Notizen für das Personal, Ausdruck dieser Störung. Nie hatte das Personal erkennbar die Idee, dass irgendwelche Verhaltensweisen, die es beobachtete, etwas mit den Interaktionen im Krankenhaus zu tun haben könnten." Noch schlimmer: Die "Gesunden" glaubten bereits nach kurzer Behandlungszeit an sich selber Depersonalisationsphänomene feststellen zu können (einer bekam sogar das Gefühl, nicht mehr sichtbar zu sein).

Konsequent zu Ende gedacht, weisen das ROSENHAN-Experiment und konstruktivistisches Ketzertum Arm in Arm darauf hin, "dass die Experten für das Psychische, die Psychotherapeuten, nur beobachten können, was sich bei ihren Klienten tut, dass sie einer fundierten Ursache-Wirkung-Analyse aber nicht mächtig sind. Das große Problem ist allerdings, dass sie so tun, als wären sie es." Erkenntlich wird dies am verbissenen Bemühen fast aller Therapierichtungen, immer ausgefeiltere Störungskataloge für die unwahrscheinlichsten menschlichen Eventualitäten zusammen zu puzzlen.

Wer erstmals das international gültige, von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgesegnete Evangelium der Psychodiagnostik, die "ICD 10" ("International Statistical Classification of Deseases and Related Health Problems"), zur Hand nimmt, muss sich angesichts der pedantischen Filetierungssucht menschlicher Verhaltenspathologien und des wilden Bemühens zum analytischen Fliegenbeinzählen unweigerlich die Frage nach dem zwangsneurotischen Symptombild der Autoren stellen.

KRAUS drückt seine Skepsis vornehmer und akademisch verschlungen aus, wenn er versucht, die Auswirkungen konstruktivistischer Überlegungen auf das Feld der Sozialpädagogik zu beschreiben. Da seine Erwägungen ebenso gut in das Territorium der Therapie übertragbar zu sein scheinen, ersetze ich im folgenden Zitat den Begriff "Sozialarbeiter" durch das Wort "Psychotherapeut":

"...schließlich soll dem Klienten zu einem gelingenderen Leben verholfen werden. Wenn jedoch der Psychotherapeut dem Klienten die Vorteile anderer Verhaltensweisen aufzeigt, um ihm Wege zu einem befriedigenderen Leben aufzuzeigen, verbleibt nicht nur die Definitionsmacht, was denn ein befriedigendes Leben sein soll, beim Psychotherapeuten, sondern meist auch die Entscheidung darüber, welches die `richtigen´ Wege zu diesem Leben sind. Unter Berücksichtigung der unabdingbaren Subjektivität von Lebensentwürfen, muss aber der Therapeut stets der damit einhergehenden Subjektivität von `Kosten-Nutzen-Rechnungen´ seiner Klienten Respekt zollen. Doch obwohl dies für jegliche Form der Hilfe gilt, muss sich hieraus keine Handlungsunfähigkeit ergeben - etwa gemäß der Schlussfolgerung: `Da ich die Lebenswelt meines Klienten nie erfassen kann, kann ich auch nicht wissen, was gut oder schlecht für ihn ist, so dass ich nicht darüber entscheiden kann, wem ich wie wozu helfen soll´. Obschon es kein absolutes Wissen geben kann, sind dennoch Wissensmodelle möglich, die der Orientierung dienen können. So ist es auch aus radikalkonstruktivistischer Perspektive möglich einzuschätzen, sowohl welche Rahmenbedingungen als auch welche Verhaltensweisen erfolgversprechend und welche weniger erfolgversprechend sind. Nur gemahnt der Radikale Konstruktivismus stets zum vorsichtigen Gebrauch solcher Modelle und eingedenk deren Vorläufigkeit zu ihrer ständigen Überprüfung."

Björn KRAUS hat kein Lese-, sondern ein Schwerarbeitsbuch geschrieben. Ich warne ausdrücklich davor, den Band in den Urlaubskoffer zu packen und nach Griechenland mitzunehmen, er würde unberührt an hellenischen Stränden einem jungfräulichen Schicksal überlassen bleiben. Des Autors Stil ist knochentrocken wie der Staub der Sahara und vom sperrigen Charme einer österreichischen Regierungserklärung. Wer jedoch Wegweiser zum Einstieg in die Tiefen konstruktivistischer Abgründe sucht, wer die Bereitschaft aufbringt, sich anzuseilen und eine schweißtreibende Tour durch unbekanntes wissenschaftliches Terrain zu wagen, dem werden Mut und Mühe im Überfluss vergolten.


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