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Rezension von Dieter Gnambs am 25.06.2003

Lazaruserfahrungen

Leben nach Rückkehr aus Bereichen des Todes


Lazaruserfahrungen Lazaruserfahrungen

von Norbert Stefenelli
 
Böhlau, 2003
240 Seiten
Preis: 29,90 €
ISBN: 3205770498
 
Vier Kilometer östlich von Jerusalem, am Abhang des Ölbergs in eine bergig-steinige Vorwüstenlandschaft gebettet, liegt Eizariya (arabisch: al-Asarije). Das kleine, hübsch in die Landschaft drapierte 2.200-Seelen-Nest gilt zwar als christlich-moslemische Pilgerstätte, von den saisonalen frommen Touristeninvasionen, die alljährlich zur Oster- und zur Weihnachtszeit die benachbarte jüdisch-palästinensische Metropole Jerusalem in das am schärfsten bewachte,
waffenstarrende Freilandmuseum der Welt zu verwandeln pflegen, bleibt es allerdings großteils verschont. Nur religiöse Hardliner raffen sich auf, die einzige architektonische Devotionalie des Ortes in schweineteuren Sammeltaxis anzupeilen.

Die Lazaruskirche, unmittelbar neben einer Moschee, stellt die einzige Sehenswürdigkeit dar, ist aber genau genommen ein historischer Trick. Erbaut wurde sie nämlich erst in den frühen 1950er Jahren, allerdings über Resten viel älteren Gemäuers, das zurück bis ins 4. Jahrhundert datierbar sein dürfte. Und hier liegt, will man dem 4. Evangelium (Joh., Kapitel 11) glauben, auch die vorletzte Ruhestätte jenes Mannes, der vor knapp 2000 Jahren für heillose Aufregung und Furore sorgte.

"Das dem Apostel JOHANNES zugeschriebene Evangelium berichtet über einen LAZARUS von Bethanien", - der biblische Name von Eizariya - "der erkrankt war. Seine Schwestern MARIA und MARTHA lassen JESUS, dem sie sich sehr verbunden fühlen, eine Nachricht vom Zustand ihres Bruders zukommen." JESUS lässt sich jedoch gehörig Zeit und wiegelt zunächst ab: Des LAZARUS Krankheit sei gar nicht tödlich, diagnostiziert er aus der Ferne, sie diene vielmehr der Verherrlichung Gottes und gleiche einem Schlaf. Erst nachdem der eingetretene Tod außer Zweifel steht, macht er sich auf den Weg.

"Nachdem LAZARUS schon vier Tage im Grabe lag, trifft JESUS (in Bethanien) ein". Die Schwestern des Verstorbenen scheinen JESUS wegen seines Zauderns Vorhaltungen zu machen, aber es passiert noch immer nichts. Die beiden Frauen disputieren vielmehr mit ihm über Glauben, Auferstehung und Religion. Erst als MARTHA auf den bereits streng riechenden Leichnam des Bruders aufmerksam macht, "lässt JESUS den Stein wegnehmen, der das Höhlengrab verschlossen hat, betet und ruft LAZARUS mit lauter Stimme auf, herauszukommen. Dieser erscheint, an Händen und Füßen gebunden, das Gesicht mit einem Tuch verhüllt, aufgerichtet am Eingang der Grabeshöhle. JESUS befiehlt nun, den Erweckten von seinen Binden zu lösen und weggehen zu lassen."

Eine höchst seltsame Wunderleistung des Gottessohns, die Gelehrte aller Zeiten und Länder immer wieder zu scharfsinnigsten Pro- und Kontradebatten veranlasst hat und die der Vorarlberger Arzt und Medizinhistoriker Norbert STEFENELLI in seinem Geheimtipp-Buch "Lazaruserfahrungen - Leben und Rückkehr aus Bereichen des Todes" zum Gegenstand ausführlicher kunst- und wissenschaftshistorischer Untersuchungen macht.

STEFENELLI, Jahrgang 1926, forschte neben seiner ärztlichen Tätigkeit Zeit seines Lebens intensiv über Fragen der Arzt-Patienten-Beziehungen und über kulturhistorische Aspekte des Medizinerberufs. Aufsehen erregte bereits 1998 der von ihm herausgegebene Sammelband "Körper ohne Leben - Begegnungen und Umgang mit Toten", in dem Vertreter aus Medizin, Religion, Philosophie, Ethnologie, Kunst- und Kulturgeschichte über die emotionalen Belastungen diskutieren, die in Geschichte und Gegenwart der Kontakt mit dem menschlichen Leichnam auszulösen vermag - ein fast eintausendseitiger kulturhistorischer Wälzer von höchstem Niveau.

In seinen "Lazaruserfahrungen" versucht der vielseitig interessierte Autor nunmehr der Frage nachzugehen, wie Menschen ihre Erfahrungen aus den Grenzbereichen von Tod und Sterben im wiedererlangten bewussten Leben zu verarbeiten pflegen. Ein dunkles Thema, mit vielschichtigen Zugängen und dem biblischen Bethanier als legendenumwobener Leitgestalt.

STEFENELLI bedient sich religions-, kunst-, literaturhistorischer und psychologischer Quellenlagen, um sie in strikter wissenschaftlicher Neutralität, aber voll Liebe zum Detail, vor den Augen des verwunderten Lesers auszubreiten. Zwar geht er nicht so weit, die mysteriöse Reanimationsgeschichte des LAZARUS grundsätzlich in Frage zu stellen und in eine rein allegorische Symbolstory zur Verdeutlichung der Wiederauferstehung von den Toten kraft göttlichen Willens umzudeuten, auf die Widersprüchlichkeiten der Erzählung weist er jedoch sehr deutlich hin.

Allein die Person des Wiedererweckten sorgte und sorgt in den Köpfen zahlloser Theologen und Religionshistoriker für gehörigen Wirbel, findet der Mensch LAZARUS doch ansonsten in keinem der Evangelien eine direkte Erwähnung. Und auch im 4. Evangelium scheint es ihn vor und nach dem Erweckungsereignis nicht zu geben. Die üblichen Legendenbildungen der späteren Jahrhunderte konstruierten natürlich auch ihm eine Vita, die ihn nach Zypern, Patmos und weiß Gott wohin führte und steinalt werden ließ. Auch Versuche, LAZARUS mit seinem eigenen Autor, JOHANNES den Evangelisten, in einer Person gleichzusetzen, fehlten nicht - ein Kunststück, das vor allem die Anthroposophen (Rudolf STEINER und Johannes HEMLEBEN) hingebungsvoll ausfeilten. Weniger mysteriös wirkt die Erweckungsgeschichte deshalb nicht.

Allerdings wird bereits beim Mann aus Bethanien eine Folgewirkung seiner Todeserfahrung kolportiert, die natürlich eine christlich-religöse Interpretation erfährt: nach seiner Auferweckung, so berichten die Legenden, verlor LAZARUS seine Lebensfreude. Ernst, ja traurig habe er gewirkt, kaum Nahrung zu sich genommen und hinfort ein stilles, wenn nicht düsteres Leben geführt. Seinen finsteren Erwartungen habe er mit Kasteiungen zu begegnen versucht, "ein vom Tode Wiedergekehrter in Erinnerung an das, was er in der Hölle (!) gesehen hatte". Folgerichtig fand er als "der nie mehr lachende LAZARUS" Eingang in die Religionsgeschichte.

Im zweiten, dem umfangreichsten und üppig bebilderten Teil des Buches tritt STEFENELLI zu einer atemberaubenden Reise quer durch die Jahrhunderte darstellender (LAZARUS-)Kunst an. Bild-, Ikonen- und Buchmalereien, spätantike Fresken und Sarkophagplastiken, liturgischer Kleinkram vom Hostienkelch, Öllämpchen und Bischofskamm bis zu Kunstgläsern und Elfenbeinschnitzereien - LAZARUS allenthalben, LAZARUS kreuz und quer, LAZARUS aus Holz, in Gold, bronzen und alabastern.

LAZARUS-asketischen Epochen folgten LAZARUS-opulente Zeiten, in denen kaum ein Meister des Pinsels oder des Schnitzmessers resistent zu bleiben vermochte. MICHELANGELO und TINTORETTO erweckten den Bethanier auf Öl, Michael PACHER schnitt ihn aus Holz, CARAVAGGIO, RUBENS und REMBRANDT schufen ihn breitflächig, die neueren Franzosen betonten das Grauen - Odilon REDON einen LAZARUS voll Angst und Schrecken, die zu Krallen ausgewachsenen Fingernägel panisch an die Grabesplatte geklammert, Georges ROUAULT einen katatonischen Soldaten vor der dunklen Mauer des Mausoleums mit einem beklemmend leuchtenden Christusbild an der Wand. Selbst Alfred KUBIN, der Meister des bizarren Grusels, trug seinen kreativen Anteil als Bleistiftskizze bei, bei ihm steht der Wiedererweckte aufrecht im Grab, gesichtslos, den Leib steif verschnürt, in einer Aura von Ohnmacht und Entsetzen.

Die Fülle des dargebotenen Materials legt den Argwohn nahe, der Autor habe seinen Zweitwohnsitz zur Gänze in Museen, Galerien, Kirchen und Klöstern eingerichtet.

Erst im dritten Teil geht STEFENELLI auf medizinisch-psychologische Theorien der Todesnäheerfahrung ("Otherworld Journey") ein, vor allem anhand von Befragungsergebnissen in Deutschland und in den USA sowie von Berichten und Dichtungen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Rund 4% aller Deutschen behaupten Todesnäheerlebnisse zu kennen, egal ob in Ost- oder Westdeutschland. Allerdings werden diese Erfahrungen in Ost und West sehr differenziert gedeutet, was auf den Einfluss unterschiedlicher sozialer, religiöser und weltanschaulicher Überzeugungen zurückzuführen sein dürfte. Ähnliches ist in den USA zu erkennen, die Interpretationen von Todesnäheerfahrungen in den Nord- und Südstaaten klaffen beträchtlich auseinander.

Im wesentlichen werden drei verschiedene Erlebniskomplexe beschrieben, die gehäuft aufzutreten scheinen.

"Zu den wiederholt berichteten Erfahrungen in Todesnähe gehört das Auftauchen klarer Erinnerungen an zeitlich weit voneinander entfernte Ereignisse aus dem vergangenen eigenen Leben, die innerhalb von Bruchteilen erfassbarer Zeitabschnitte in der Reihenfolge des wirklichen Geschehens ablaufen. ... Ähnliches kommt auch in Augenblicken unmittelbarer Lebensgefahr, wie bei Sturz aus großer Höhe, Unfall, während des Erstickens oder in Erwartung des Todes bei einer Hinrichtung vor." Der Ablauf der gesamten Lebenserinnerungen innerhalb von Sekundenbruchteilen vor dem endgültig drohenden Todeseintritt beruht dagegen auf einem dichterisch wiederholt ausgeschmückten Mythos. Ambros BIERCE etwa schildert ihn am Beispiel eines erhängten Saboteuers in seiner Schauergeschichte "An Occurence at Owl Creek Bridge", Hugo von HOFMANNSTHAL in der Figur des Verschütteten im Lustspiel "Der Schwierige".

Andere Todesgrenzerfahrungen legen eine "Spaltung und Trennung vom eigenen Körper" nahe, gleichsam ein Schweben des eigenen Ichs im leeren Raum. Die Betrachtung des eigenen leblosen Körpers muss allerdings nicht unbedingt mit Todeserlebnissen verbunden sein. Psychosen oder Gehirnläsionen vermögen ähnliche Spaltungserlebnisse hervorzurufen, ebenso schwere Alkoholisierungen, Narkosen oder mentale Meditationsverrenkungen.

Fast inflationär kolportiert werden hingegen die Tunnel- und Lichtsensationen, in denen die Todesnahen entweder in ein angenehm einhüllendes Dunkel eintreten oder "einem blendenden Licht unsichtbarer Herkunft entgegenschweben ... Das Licht wird kräftig strahlend, gleißend, blendend oder glühend, aber manchmal auch weich und beruhigend wahrgenommen." Besonders kontemplativ veranlagte Seelen glauben auch fließende Menschen, zumeist verstorbene Verwandte, erkennen zu können, eine deutliche Hinwendung zum esoterisch Übersinnlichen oder zu religiösen Jenseitsbildern.

In den medizinisch-physiologischen Erklärungsmodellen von Todesnäheerfahrungen hält sich STEFENELLI seltsam bedeckt. Kein Wort über die Arbeiten des US-Arztes Melvin MORSE, der 1993 Untersuchungen über Nahtoderfahrungen von Kindern (in der Regel noch weitgehend vorurteilsfreie Personen) vorlegte und einen neurologischen Erklärungsansatz beschrieb. Ebenso wenig ein Hinweis auf Wilder PENFIELDs Ergebnisse von Hirnforschungen, in denen durch Stimulation bestimmter Schläfenlappenregionen Sinneswahrnehmungen erzeugt werden konnten, die Nahtod-Bildern frappant zu ähneln scheinen. Und auch Constance JONES bleibt unerwähnt, die die mortalen Ekstaseempfindungen mit naturwissenschaftlicher Kühle beschreibt: "Der Tunneleffekt entsteht ... durch eine Enthemmung in der Sehrinde und hängt damit zusammen, wie die Hirnaktivitäten in Bilder übersetzt werden" (in: "Die letzte Reise - Eine Kulturgeschichte des Todes", 1999). Und, noch enttäuschender für Hoffnungsträger beglückender Todesvisionen als Einwegticket in den Garten Eden: "Die Gefühle intensiven Wohlbefindens entstehen, ... wenn der Körper Endorphine freisetzt, jene Opiate, die vom Gehirn in der Reaktion auf Stress erzeugt werden." Die Freisetzung von Endorphinen unmittelbar vor Todeseintritt ist nachgewiesen und ihre Fähigkeit, Gefühle intensiven Wohlbefindens auszulösen ebenso. Etwas profan und ernüchternd, aber jeder, der will, mag anderes glauben.

STEFENELLIs Lazaruserfahrungen bergen eine wahre Flut historischer und kulturtheoretischer Informationen - ein schieres Lesevergnügen. Das Werk ist exquisit und liebevoll ediert und als klassisches Geschenkbuch für Weihnachten oder Geburtstage zu empfehlen - um es nach zeitgerechter Lektüre dann doch lieber in die eigene Bibliothek einzureihen.

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