Rezension von Dieter Gnambs am 17.06.2003
Wir fühlen uns anders!
Wie betroffene Erwachsene mit ADS/ADHS sich selbst und ihre Partnerschaft erleben
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Wir fühlen uns anders! von Doris Ryffel-Rawak |
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H. Huber, Göttingen,
2003 146 Seiten Preis: 16,95 € ISBN: 3456839596 |
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Kinderliebe trieb und treibt schon seltsame Blüten. Heute wie vor anderthalb Jahrhunderten. Als 1847 der Frankfurter Arzt und Leichenbeschauer Heinrich HOFFMANN (1809-1894) seinen "Struwwel-Peter" veröffentlichte, ahnte kein Mensch etwas von der hartnäckigen Langlebigkeit, die dem kuriosen Bilder- und Reimebüchlein beschieden sein sollte. In neun als "pädagogisch wertvoll" angelegten Schauergedichten vermochten sich bis heute Generationen entzückter Eltern über die Widerborstigkeiten ihrer ungezogenen Kleinen schenkelklopfend zu amüsieren. Die martialischen, in kauzig infantile Verse gestanzten Gottestrafen, die den unfolgsamen Kindern wieder zur Stromlinienform verhelfen sollten, fanden Vati und Mutti einfach süß und die Betroffenen zum Grausen: "Springt der Schneider in die Stub Zu dem Daumen-Lutscher-Bub. Weh! Jetzt geht es klipp und klapp Mit der Scher die Daumen ab, Mit der großen scharfen Scher! Hei! Da schreit der Konrad sehr." Dabei galt HOFFMANN als fortschrittlich-liberaler Vertreter des Bürgertums, saß nach der 48er Revolution im Frankfurter "Vorparlament" und mühte sich als Direktor der Frankfurter "Anstalt für Irre und Epileptische" jahrzehntelang um eine Humanisierung der gotterbärmlichen Psychiatriebedingungen in den deutschen Krankenanstalten. Indessen: daneben scheint der pädagogisch engagierte Medicus noch über weit mehr Meriten verfügt zu haben als über die bloße Fähigkeit, drollige Verse zu schmieden und bunte Kindsköpfe für ebensolche zu malen. Seit den 1990er Jahren erfreut sich HOFFMANN zunehmender Verehrung auch durch seine moderne Fachkollegenschaft. Als medizinhistorischer Pionier bestaunt gilt seine ergötzliche Geschichte vom pathologisch nervenden Zappelphilipp, der seine Eltern zur Verzweiflung und in den Hunger treibt, als lyrische Frühfassung einer knappen "ADS/ADHS"-Katamnese. Die "Aufmerksamkeits-" (ADS) bzw. "Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung" (ADHS) erfreuten sich in den letzten Jahren eines Wahrnehmungsbooms durch Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten, der mitunter selbst bereits als fachspezifische Aufmerksamkeitsstörung bespöttelt wird. Dass gerade jetzt ADS- und ADHS-Symptome so stark ins Zentrum wissenschaftlichen Bemühens geraten, dürfte verschiedenen Interessen dienlich sein - historischen, medizinischen, psychotherapeutischen und nicht zuletzt ökonomischen. Und auch dem Zeitgeist entspricht es passgenau. Die Flut der Fachliteratur zum Thema sprengt jeden vergleichbaren Rahmen. Mein naiver Versuch, wenigstens die Neuerscheinungen der letzten Jahre aufzulisten, scheiterte kläglich - an meiner eigenen ADS-Affinität, wie´s scheint. Bei Nummero 48 ("Tim Zippelzappel und Philipp Wippelwappel", eine E-mail(!)-Geschichte für Kinder mit dem ADHS-Syndrom) gab ich entnervt auf. Aus dem breitgefächerten Angebot, das Betroffene, Angehörige und professionelle Helfer gleichermaßen zu bedienen sucht, ein einzelnes Werk hervorzuheben, fällt schwer. Trotzdem sei auf eine Neuerscheinung der Schweizer Psychiaterin und ADHS-Expertin Doris RYFFEL-RAWAK hingewiesen: "Wir fühlen anders! - Wie betroffene Erwachsene mit ADS/ADHS sich selbst und ihre Partnerschaft erleben". Genau genommen findet sich in dem schmalen Band kaum etwas Neues. Eher besticht er als kompakte Kompilation von Altvertrautem, überschaubar systematisiert, flüssig formuliert und jeglichen mystifizierend raunenden Fachjargons enthoben. Der Vorzug des kleinen Buches liegt in der Themenerweiterung: die Autorin vermeidet die übliche Fixierung auf die Aufmerksamkeitsstörungen des Kindes- und frühen Jugendalters, sie fokussiert die Welt der Erwachsenen. Im wesentlichen differenziert sie drei ADHS-Erscheinungsformen, denen sie - gerade wegen der Verwechslungsgefahr mit anderen psychiatrischen Krankheitsbildern - ausgefeilte, eigenständige Haupt- und Kernsymptome zuweist. In der Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivitäts-Impulsivitäts-Komponenten leidet der Kranke, zum Teil in extremer Form, unter Konzentrationsschwächen, Vergesslichkeiten, leichter Ablenkbarkeit (durch innere und äußere Reize) und Schwierigkeiten in der alltäglichen Arbeitsorganisation. Tätigkeiten mit hohem Strukturierungsaufwand geraten zur Qual, peinigende - immer wieder zum Scheitern verurteilte - Selbstdisziplinierungsbemühungen enden in Enttäuschungen, Selbstvorwürfen und Selbstwertverlust. Ein erklecklicher Anteil der als chronisch ungesellig geltenden Einzelgänger, Arbeitsignoranten und Leistungsverweigerer - als tagträumende Bummelanten und Faulpelze diffamiert - gelten mittlerweile als ADS-geschädigt. "Diese Tatsache kann sich für junge Erwachsene, vor allem wenn sie sich in Ausbildung befinden, fatal auswirken. Die Betroffenen haben Mühe, das Alltagsleben zu meistern, da es ihnen nicht gelingt, die nötige Struktur aufrechtzuerhalten. Ich denke dabei an einen jungen Studenten, der bis zum Auszug aus dem Elternhaus einigermaßen zurecht kam. Er zog in eine Wohngemeinschaft und eckte dort dauernd mit seinen Mitbewohnern an, weil er vergaß, die ihm zugewiesenen Aufgaben zu erledigen. An der Universität fühlte er sich verloren und konnte sich keinen vernünftigen Stundenplan zusammensetzen, was zur Folge hatte, dass er immer seltener die Vorlesungen besuchte und so den Wissensstoff auch nicht bewältigen konnte. Das Selbstwertgefühl dieses jungen Mannes sank auf den Nullpunkt." Eine treffende Symptombeschreibung, die das Elend der Betroffenen gut charakterisiert. Immer häufiger werden Studentenberatungsstellen und psychotherapeutische Praxen von verzweifelten Kommilitonen mit ähnlichen Leidensbildern frequentiert - und sehr oft mit Depressionsfehldiagnosen endlostherapiert. Die Hyperaktivitätsstörung mit Impulsivität ohne Aufmerksamkeitsproblematik hingegen entspricht dem bisher klassischen Bild der kleinkindhaften Nervensäge, die ein innerer Turbo in ständiger Bewegung zu halten scheint. Unfähig ruhig auf dem Hosenboden zu sitzen, strukturiert zu spielen, aufmerksam zuzuhören oder einfach auch nur zu warten, mutieren die lieben Kleinen rasch zum Schreckgespenst ihrer Umwelt. Ständiges Dazwischenreden, impulsive Zornausbrüche und das Stören fremder Interaktionen konfrontieren sie mit permanenten Abwertungs- und Strafreaktionen, um sie schließlich in eine weitgehende Isolation zu treiben. "Die Hyperaktivität des Kindesalters verschwindet häufig im Erwachsenenalter. Ein Teil der Patienten bleibt allerdings motorisch unruhig, fühlt sich wie unter Strom und kann sich nicht entspannen. ... Beine und Füße sind in ständiger Bewegung. (Diese Menschen) sind für ruhige Aktivitäten ungeeignet, sind schnell gelangweilt und brauchen ständig Anregung und Betrieb. Eine sehr häufige Klage ist das Gefühl einer quälenden inneren Unruhe und die Unmöglichkeit, längere Zeit ruhig irgendwo zu verweilen. Je nach sozialem Umfeld kann dieses Verhalten sehr störend sein und dem Betroffenen viel Kritik einbringen." Das Vollbild der Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivitäts-Impulsivitätskomponenten vereinigt beide Symptombilder in sich und lässt die soziale Umwelt vollends im Ungewissen über kalkulierbare Reaktionen des Betroffenen. In Extremfällen kann es sogar zu psychiatrischen Verwechslungsdiagnosen mit bipolaren Störungsanfälligkeiten kommen. Im Kapitel "Konflikte in Partnerschaft und Familie" geht RYFFEL-RAWAK auf die Beziehungsstrukturen und -auswirkungen von ADS/ADHS-gepeinigten Menschen ein. Genau dies scheint mir der interessanteste Abschnitt zu sein, dessenthalben es sich lohnt, gerade dieses Buch aus der sich im Grunde immer wiederholenden, einförmigen ADS/ADHS-Literaturflut zu empfehlen. Die ADHS-spezifische Impulsivität beeinflusst bereits Partnersuche und Partnerschaftsanbahnung: "ADHS-Betroffene verlieben sich schnell und intensiv. ... Die Intensität (des Gefühls) ist jedoch so ausgeprägt, dass (sie) nicht nur Negatives ausblenden," - was ja im Stadium der Akutverliebtheit auch für Nichtbetroffene nichts Ungewöhnliches ist - "sie dichten in ihrer Fantasie dem Partner Eigenschaften an, die wenig bis nichts mehr mit der Realität zu tun haben. (Sie) werden wie von einer riesigen Welle ergriffen, und schwimmen immer oben... Ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein, (stürzen sie sich in eine) Partnerschaft und sind schnell bereit, sich auch auf der sexuellen Ebene einzulassen. Teenagerschwangerschaften sind somit keine Seltenheit ... (es wird) sehr schnell geheiratet, aber auch sehr schnell wieder geschieden." Das Bedürfnis nach Stimulationen, oft mit Liebe verwechselt, führt zu einer Kaskade immer neuer Gunst- und Aufmerksamkeitsbeweise, die vielen nichtbetroffenen Partnern schlichtweg die Luft zu nehmen droht. Ausbleibende Gegenreaktionen interpretiert der Betroffene prompt als Indiz des Liebesverlusts. RYFFEL-RAWAK schöpft aus dem reichen Fundus ihrer ADHS-Patientenerfahrungen und schildert recht anschaulich Kommunikationsfallen, Konfliktmuster und chaotische Desorganisationsprobleme, die ADHS-Partnern zu einer rasanten Achterbahn der Gefühle verhelfen. Eines ist sicher: sie mögen streiten, sie mögen sich peinigen, sie mögen nach Atem ringen - langweilen werden sie sich nie. Der meiner Ansicht nach schwächste Teil des Buches ist der Abschnitt zur ADHS-Behandlung. Zusammengefasst schlägt die Autorin als zeitgeistige Vertreterin der Psychiatrie das therapeutische Modeprogramm für fast alle Verhaltensstörungen vor: Pillen, ein bisschen Belehrung, na ja und wenn´s unbedingt sein muss, dann halt auch eine Dosis Psychotherapie. Da ADHS mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr wesentlich neurobiologische Ursachen hat (eine Dysregulation vorwiegend in den Neurotransmittersystemen von Dopamin/Noradrenalin im Frontal- und Kleinhirnbereich und in den Stammganglien) kommt der medikamentösen Therapie in der Tat eine grundlegende Bedeutung zu. Darin sind sich mittlerweile fast alle mit ADHS-Klienten befassten Fachkräfte (auch grundsätzlich psychopharmakakritische!) einig. Das Problem liegt woanders. Die tatsächliche Wirksamkeit von Stimulanzien (als Wundermittel gilt das eigentlich schon Uraltpräparat Ritalin) in der ADHS-Therapie führte in der wissenschaftlichen Forschung zu einer klaren Fokusverlagerung. Lawrence H. DILLER, US-amerikanischer Kinderarzt, Familientherapeut und ADS/ADHS-Experte, verweist auf einen fatalen Vernachlässigungsaspekt im Forschungsbereich, den der Erfolg von immer wirksameren psychoaktiven Medikamenten mit sich bringt. Gerade weil Psychopharmaka immer raschere Verhaltensänderungserfolge zu garantieren scheinen, geraten Forschungsvorhaben über therapeutische Alternativen immer stärker ins Abseits. Zu einem guten Teil mitbestimmt durch massive ökonomische Interessen (vor allem von pharmaindustriellen Großkonzernen, die in den 1990er Jahren exorbitante Gewinnmaximierungsraten erzielen konnten) entscheiden immer vehementer Wirtschaftsinteressen, "welche Forschung finanziert wird, und sogar, welche Forschung veröffentlicht wird." Und weiter: "Werbung wirkt auch auf Ärzte. Nach drei Jahren unerbittlicher Kampagne der Hersteller von Adderall verschreiben Ärzte nun dieses Stimulans häufiger als jedes andere, einschließlich Ritalin. ... Ich bekomme regelmäßig Angebote zwischen 250 und 1000 Dollar, als `Berater´ für ein neues psychoaktives Medikament aufzutreten, was bedeutet, dass ich dafür bezahlt werde, einfach in einem Raum zu sitzen und einem anderen Arzt zuzuhören, wie dieser die bemerkenswertesten Wirkungen der Pille dieser Firma propagiert" (L. H. DILLER, "ADS & Co - Braucht mein Kind Medikamente?", 2003). Die rasante Zunahme der Stimulanzienverschreibungen in der ADS/ADHS-Therapie führt - ungeachtet ihrer unbestrittenen Wirksamkeit - zu einer verstärkten Förderung pharmakologischer Forschungen. Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze geraten damit weitgehend aus dem Blickfeld der Wissenschaft, etikettiert als intellektueller Müll für die Endlagerungsstätten des Vergessens. Derlei Überlegungen bleiben in Doris RYFFEL-RAWAKs ansonsten lesenswertem Band leider ausgespart. Der Autorin scheint die Ritalin-Effizienz in der ADS/ADHS-Therapie ausreichende berufliche Bestätigung zu bieten. Der Blick über den Tellerrand bleibt tabu. |
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