Rezension von Timo Gnambs am 08.06.2003
Die verlorene Kunst des Heilens
Anleitung zum Umdenken
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Die verlorene Kunst des Heilens von Bernard Lown |
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Schattauer,
2002 281 Seiten Preis: 29,95 € ISBN: 3794521684 |
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Manche Bücher sind einfach unangenehm; vor allem wenn sie einem bereits jahrelang praktisch tätigen Professionalisten (einem Arzt im vorliegenden Fall) vorhalten, dass sein bisheriger Zugang zu seinem Tätigkeitsfeld der Falsche sei. Genau dies macht Bernard LOWN in vorliegendem Buch gekonnt und überzeugend. Die verlorene Kunst des Heilens ist ein eindringliches Plädoyer für eine Kehrtwendung des bisherigen Verständnisses der ärztlichen Tätigkeit; weg von einer isolierten Betrachtung des biologischen Anteils des behandlungsbedürftigen Symptoms hin zu einer universellen patientenzentrierten, psychosozialen Orientierung ärztlichen Handelns. Der Patient sollte nicht nur als Objekt mit seinen zu heilenden Defekten betrachtet werden (wie es aufgrund der fortschreitenden Professionalisierung und der damit einhergehenden Profitorientierung des allgemeinen Gesundheitssektors leider häufig der Fall ist), sondern als einzigartiges, denkendes und fühlendes Individuum in seinem persönlichen Lebenskontext verstanden werden. Der Schluss, den LOWN daraus ableitet, ist so einfach wie effektiv: Die eigentliche ärztliche Kunst besteht nicht darin, komplexe technische Apparaturen bedienen zu können, sondern in der Fähigkeit zuzuhören, in der Macht des Wortes, im Umgang mit Sterben und Tod etc. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen ärztlichen Behandlung ist demnach die Kunst des Zuhörens - und dies meint nicht nur das Ohr, sondern alle Sinnesorgane. So erfordert eine erfolgreiche Ausübung der medizinischen Profession neben fundierten fachlichen Kenntnissen auch die bewusste Wahrnehmung und Interpretation des Emotionslebens des Patienten - ein Bereich, der von vielen nur allzu gern in die alleinige Verantwortung des Psychiaters abgeschoben wird. Ein naiver Junge, der so spricht, könnte man angesichts solch nobler aber weltfremder Postulate meinen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Urheber dieser Forderungen, der Amerikaner Bernard LOWN, zählt mit seinen über 80 Lenzen zu den renommiertesten Ärzten unserer Zeit. Als Kardiologe von Weltrang gehen auf ihn u.a. die Entwicklung einer Klassifikation für Herzrhythmusstörungen sowie des Defibrilators zurück, die aus der heutigen Praxis nicht mehr wegzudenken sind. Besondere Anerkennung gebührt ihm auch für die Gründung der Gesellschaft Ärzte zur Verhütung von Atomkrieg (IPPNW), für die er 1985 den Friedensnobelpreis entgegennehmen durfte. Es ist also anzunehmen, dass er weiss wovon er spricht - nicht zuletzt, da er jahrelang sein eigenes ärztliches Tun entsprechend diesen Idealen erfolgreich ausgerichtet hat. In Form anschaulicher Beispiele aus seiner jahrelangen beruflichen Praxis belegt LOWN eindrucksvoll die gewaltigen Möglichkeiten der häufig sträflich vernachlässigten ärztlichen Kunst der Anamneseerhebung. Anhand eines Fallbeispiels zeigt er, wie sich z.B. unpassende Bemerkungen für einen rekonvaleszenten Patienten beinahe ebenso vernichtend auswirken können wie körperliche Angriffe. So verschlechterte sich der Zustand eines Patienten rapide, der sich am Tage zuvor noch prächtig zu erholen schien. Darauf angesprochen erzählte dieser: "Der Assistenzarzt erzählte mir, dass ich einen Herzinfarkt erlitten habe, der Stationsarzt spricht von einem frischen Myokardinfarkt, der Oberarzt nennt es eine Koronararterienthrombose, wohingegen der diensthabende Arzt darauf verweist, dass ich eine akute ischämische Episode erlitten hätte. Wie, in Gottes Namen, kann jemand überleben, wenn so vieles mit seinem Herzen nicht in Ordnung ist?". All diese Begriffe umschreiben jedoch ein und dasselbe Krankheitsbild... Alles in allem: ein wichtiges Buch, das zu einem gründlichen Überdenken des gängigen ärztlichen Handelns anregt und demnach nicht nur angehenden, sondern vor allem auch bereits etablierten Medizinern zur eingehenden Lektüre angeraten werden kann - damit endlich wieder der Mensch im Zentrum ärztlichen Interesses steht. |
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