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Rezension von Dieter Gnambs am 01.05.2003

Psychose und Sucht


Psychose und Sucht Psychose und Sucht

von Stavros Mentzos, Alois Münch (Hg.)
 
Vandenhoeck & Ruprecht, 2002
112 Seiten
Preis: 14,90 €
ISBN: 3525451091
 
Der amerikanische Psychiater und Alkoholismusspezialist Donald GOODWIN versah das erste Kapitel seines Buches "Alkohol & Autor" ("Alcohol and the Writer", 1988) mit einem lakonischen Titel: "Edgar Allan POE - Der Ehrenvorsitzende des Vereins". Worauf der Autor in wissenschaftlichem Understatement anspielt, wird nach wenigen Seiten klar. Er unterstellt, dass Alkoholismus bei amerikanischen Schriftstellern epidemische Auswüchse aufweise und eher die Regel als die Ausnahme im Vereinsleben der Literatenzunft darstelle. Eine Behauptung, die, wenn überhaupt, höchstens graduell in Zweifel gezogen werden darf.

Von Dorothy PARKER (1893-1967), der bestsellernden grande dame der US-Literatur-Society, wird eine Anekdote kolportiert, die das Problem in der dieser Autorin eigenen zynisch-sarkastischen Art auf den Punkt bringt: Zusammen mit einer Freundin besuchte sie einst ein Leichenhaus in New York, um einem berühmten Schriftstellerkollegen, der früh verstorben war, die letzte Ehre zu erweisen. Als die beiden Damen Abschied nehmend in den Sarg blickten, seufzte die Freundin: "Sieht er nicht wunderschön aus?" "Kein Wunder", versetzte Dorothy, "er hat ja auch seit drei Tagen nichts mehr getrunken" - das bissige Bonmot einer Expertin, die selbst das gefüllte Whiskyglas als wichtigstes Arbeitsgerät ihrer Branche liebevoll in Ehren hielt.

Kunst, Kreativität und Sucht - Interdependenzen, deren Wechselspiel schon seit einem guten Jahrhundert die Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Analysen auf sich zieht. Vor allem Alkohol, als Selbstwert stabilisierendes, Grenzen auflösendes Stimulans, vermag, gekonnt dosiert, kreativ veranlagte Geister zu turbulenten Höhenflügen zu beflügeln. Nichts Neues in der Welt der sektglasschwenkenden Kunstgewerbler.

Doch ein kleiner Perspektivenwechsel genügt, um eine gänzlich andere Trias bizarrer Symptombilder ins Zentrum wissenschaftlicher Neugierde zu rücken: Psychose, Kreativität und Sucht bilden die weitgehend vernachlässigten Eckpunkte eines Beitrags zur Psychosentheorie, den Stavros MENTZOS als 8. Band einer fachlich exquisiten Schriftenreihe ("Forum der psychoanalytischen Psychosentherapie") im Göttinger V & R Verlag vorlegt. Er selbst zeichnet verantwortlich als Herausgeber und Autor eines Drittels der Beiträge.

MENTZOS, Jahrgang 1930, hat sich den unumstrittenen Ruf eines Doyens der deutschsprachigen Psychosenforschung, nein, nicht erworben, sondern konsequent erarbeitet. Bis 1995 leitete er die "Abteilung für Psychosentherapie und Psychosomatik" am Klinikum der Universität Frankfurt a.M. Seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Psychosenthema füllen Bücherborde und die Köpfe unzähliger Therapeuten.

Das neue Werk, schmalbrüstig wie alle anderen der Reihe, ist gute hundert Seiten stark, enthält sechs Artikel von fünf Autoren und konzentriert sich auf ein einziges, allerdings schweißtreibendes Therapiethema: süchtiges Verhalten (insbesondere Alkoholismus) als Abwehr eines drohenden psychotischen Zusammenbruchs.

Ein unmittelbares Zusammenwirken von Sucht und Psychose galt bislang nicht als selbstverständlich. Auch das gängige Diagnose-Manual, die ICD-10 ("Internationale Klassifikation psychischer Störungen" der WHO), die alle nur denk- und fantasierbaren krankheitswertigen Zustandsbilder säuberlich schematisiert, in Abschnitte, Kapitel und Unterkapitel fragmentiert und mit Leitlettern und Kennziffern schmückt, hebt kaum kausale Gemeinsamkeiten hervor, sondern betont Abgrenzungen und Unterschiede. Psychodynamisches Denken scheint in der Welt der Psycho-Professionen noch keineswegs stabil verankert.

Psychosenreaktionen als Folgewirkung exzessiven chronischen oder überdosierten Suchtmittelmissbrauchs sind (zum Beispiel im Alkohol-Delir) hinlänglich bekannt, ebenso als begleitende Entzugserscheinungen, die nach kürzeren oder intensiveren Episoden wieder abzuklingen pflegen. MENTZOS hingegen ist ein Nischenforscher, wendet sein Augenmerk mit Vorliebe auf Leerstellen des Theoriebaus, um sie mit bislang unbekannten Schlussfolgerungen zu füllen.

Psychotiker, so eine seiner Prämissen, tendieren a priori zu suchtähnlichen Reaktionen. Von Verfolgungsbildern und -stimmen gepeinigte Paranoiker beispielsweise suchen immer wieder, hartnäckig und intensiv, ja selbstquälerisch, nach Anlässen, Hinweisen und "Beweisen" ihrer wahnhaften Überzeugungen. "Wahnsüchtig" nennt sie MENTZOS. Auch Maniker zeigen im Ruheintervall nicht selten "süchtiges" Verlangen nach dem fehlenden Manie-Rausch.

Da Symptome psychodynamisch als Bestandteile von Abwehr- und Kompensationsmechanismen zur nachträglichen Verarbeitung früherer Traumata und Defizite zu verstehen sind, "sucht" der Patient nach Erleichterungen - trotz aller damit verbundenen sekundären Nachteile. Sein Gewinn liegt in der Bekämpfung von Angst, Scham und Schuld und im Schutz vor drohender Desintegration (Zusammenbruch der Ich-Strukturen). Symptome stellen daher eine Art Problemersatz dar, keine Lösung. Deshalb die Neigung zur Dosiserhöhung (mit immer intensiverem, peinigenderem Suchen nach Entspannung versprechenden Ersatzreaktionen). Wer einmal manisch-depressive Klienten in ihrer von rasendem Angst- und Leidensdruck geprägten Talfahrt in die Dunkelheit der Depression begleitet hat, weiß, wovon MENTZOS spricht.

Die spannungslösende Wirkung von Ethanol ist bekannt, noch dazu stellt Alkohol ein jederzeit verfügbares Therapeutikum mit teilweise hohem Imagewert dar. Kein Wunder, dass sich insbesondere in Prä-Stadien psychotischer Katastrophen der Griff zur Flasche, zur Droge zum angstlindernden Schutzmittel vor drohenden Dekompensationen wandelt. MENTZOS und sein kongenialer Mitautor Wolf-Detlef ROST (Psychoanalytiker in Gießen) betonen deshalb auch die Gefahr einseitiger therapeutischer Fixierung auf die in unserer Gesellschaft negativ, da als "schuldhaft" interpretierte Drogensucht. Vorschnelle Entgiftungsversuche vermögen genau das zum Ausbruch zu bringen, was der Trinker mit seiner Abhängigkeit verzweifelt zu verhindern sucht: den psychotischen Zusammenbruch.

Die Funktion der Sucht als "Alternativlösung" zur Psychose demonstriert ROST an einem eindrucksvollen Fallbeispiel:
"Eine etwa vierzigjährige Frau wurde kurz nach Beendigung einer erfolgreichen Alkoholentziehungskur mit einer akuten paranoiden Psychose in der Psychiatrie aufgenommen. Die Symptomatik war von einem Liebes-, aber auch einem allgemeinerem Beziehungswahn beherrscht. In der Anamnese konnte festgestellt werden: Die Patientin war als Sachbearbeiterin in einer Rundfunkstation tätig, wo sie sehr für ihre Zuverlässigkeit und ihre sonstigen Fähigkeiten geschätzt wurde. Sie fiel in den langen Jahren durch keinerlei abweichenden Verhaltensweisen auf. Erst in der letzten Zeit entstand der Verdacht auf das Vorliegen eines Alkoholmissbrauchs, und nachdem auch bei der internistischen Untersuchung eine Lebervergrößerung und Beeinträchtigung der Leberfunktionen festgestellt wurden, empfahl man der Patientin eine Entziehungskur. Erst jetzt gab die Patientin zu, dass sie seit Jahren ausnahmslos jedes Wochenende in eine schwere Trunkenheit untertauchte. Sie zog sich in ihre Wohnung, in ihr Bett zurück und trank. Sie besaß jedoch für lange Zeit die Fähigkeit und Disziplin, rechtzeitig aufzuhören, sodass sie jeweils montags ausgenüchtert an der Arbeitsstelle erscheinen konnte. Sie verhielt sich also wie eine relativ geordnete `Quartalssäuferin´, wobei dieser Rückzug am Wochenende für sie die deutlichen Charakteristika einer die ganze Woche erwarteten und herbeigesehnten Regression trug."

Um nun nicht den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, empfiehlt der Autor eine therapeutische Fokusverlagerung auf eine ressourcen- und nicht defizitorientierte Perspektive: er sucht zunächst die kreativen Seiten seiner Patienten mit psychotisch-süchtigem Hintergrund anzusprechen, zu fördern und zu nützen. Eine Methode, die zwar seit langem bekannt und zum Einsatz gebracht wird, merkwürdigerweise aber noch immer als Stiefkind vor allem in ambulanten Therapien gilt. ROST forschte in der Geschichte der Literatur und der Darstellenden Kunst - und wurde prompt fündig. Zahllos die Beispiele, die mit hoher Wahrscheinlichkeit latent psychotische Künstlerpersönlichkeiten vermuten lassen, deren Selbstheilungsversuche in periodisch wechselnden Drogen- und Kreativitätsexzessen ihren Ausdruck fanden.

ROST scheint gerne zu lesen, daher legt er in seinem Beitrag auch ungeniert Klassiker der Literaturgeschichte auf die Untersuchungscouch. E.T.A. HOFFMANN, der multigeniale Zeichner, Komponist, vor allem aber Autor von gleichermaßen befreienden wie beklemmenden Erzählungen aus der Zwischenwelt von Logik, Traum und Phantastik, dokumentierte seine Trinkmarathons im Kreise zechender Künstlerkumpane in seinen Tagebuchaufzeichnungen. Trotzdem (oder deswegen) blieb er Zeit seines Lebens arbeits- und schaffensfähig, vor einer völligen Dekompensation bewahrt.

Seinem US-amerikanischen Zeitgenossen Edgar Allan POE erging es nicht so gut. Zwar schuf auch er unvergängliche Werke der Weltliteratur, in wesentlich düsterer Couleur als sein deutsch-romantischer Seelenbruder - und dies trotz Dauerexzesse in Fluten von Absinth und Laudanum (den flüssigen Modegiften des 19. Jahrhunderts). Sein Zusammenbruch indessen war nicht zu stoppen. Besinnungslos wurde der erst 40jährige auf der Straße gefunden, er starb wenig später im Krankenhaus - delirierend, tobend, von Geistern und Phantasieobjekten an den Wänden halluzinierend.

Hinzuzufügen in die literarische Psychose-Galerie des 20. Jahrhunderts wäre zweifellos Georg TRAKL, Poet, Pharmazeut und Schwerblutkokainist, der mit seinen klingenden Sprachstrukturen eine expressionistische Lyrik höchster Qualität hinterließ, die in ihrem teilweisen Sprachzerfall stark an die Auflösung von Ich-Strukturen erinnert.

Der Weimarer Bestseller-Romancier Hans FALLADA verdämmerte einen beträchtlichen Teil seines Lebens im Opiat-Delir, um in seinen Latenzintervallen wie im Schaffensrausch in rasender Gehetztheit seine Werke zu produzieren. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in wechselnden Heilanstalten, wurde des Mordes an seiner Ex-Frau angeklagt und brachte es zwischendurch noch zuwege, seine letzten Romane aufs Papier zu werfen, deren Titel wohl kaum auf Beliebigkeiten beruhen: "Der Trinker" (1944; verfasst innerhalb 14 Tage) und "Jeder stirbt für sich allein" (1946; verfasst innerhalb 24 Tage).

Theater und Film, Darstellende Kunst, Musik und last not least die Knochenmühle der Pop-Kultur - sie alle verfügen über einen reichen Fundus süchtig-psychotischer Anamnestik. Ein ergiebiges Feld wissenschaftlichen Forschens, würde sich nur jemand ernsthaft darum annehmen. Stavros MENTZOS und seine Co-Autoren zeigen zumindest Wege auf.

Der bescheidene kleine Band birgt noch andere Fundstellen wissenschaftlichen Forscherdrangs. Alois MÜNCH, freischaffender Psychoanalytiker in Frankfurt a.M., liefert einen Beitrag zum "Nutzen und Schaden des Tabakkonsums bei Patienten mit einer Psychose", in dem die vielgeschätzte Zigarette als Ersatzobjekt für angstauslösende Begierden beschrieben wird. Heidi SCHARFF und Viktor ZIELEN, analytische Therapeuten beide, steuern anschaulich dargestellte Fallschilderungen bei.

Die Reihe wird etwa im Halbjahresrhythmus fortgesetzt. Der 9. Band ist bereits angekündigt und befasst sich mit der Wunderwelt der "Affektiven Psychosen".

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