Rezension von Dieter Gnambs am 10.03.2003
Beruflich in Argentinien
Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte
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Beruflich in Argentinien von Sabine Foellbach, Alexander Thomas, Katharina Rottenaicher |
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Vandenhoeck & Ruprecht,
2002 149 Seiten Preis: 25,00 € ISBN: 3525490534 |
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Das Argentinienbild des Durchschnittsösterreichers darf als schlicht bezeichnet werden - sofern überhaupt eines existiert. Links die Kluften der Anden, rechts ein Ozean, möglicherweise der Atlantik, und dazwischen viel Gras auf flachen Pampas. Obenauf galoppieren penetrant fröhliche Gauchos, in azurblauer Luft wiederkäuen vierbeinige Steaks (die besten der Welt). Auf den Straßen der Städte tanzen exquisit gekleidete Menschen mit starren Blicken Tango und nach dem Tangotanz wird Fußball gespielt, auch sehr exquisit. Ja, und nicht zu vergessen: inmitten dieser hispanischen Folklore verkauft ein ausgemusterter österreichischer Alt-Bundeskanzler Autos und verdient sich krumm dabei. Eine ausgewogene ethnologische Perspektive, in der Tat. Und das Komische dabei: ein bisschen was stimmt von fast allen diesen Stereotypen (die Gauchofröhlichkeit und den Tangotanz mal beiseite gelassen - Kühe-Treiben bedeutet krachende Knochenarbeit und das Wiegen im Tangotakt befindet sich in der Beliebtheitsskala der Argentinier längst im freien Fall). So wenig verankert ein klares Bild dieses immerhin 8.größten Landes der Welt in den Köpfen der Mitteleuropäer auch sein mag, die Geschäftsbeziehungen Argentiniens zu Europa haben stets tadellos funktioniert. Schon 1914 galt Deutschland als zweitwichtigster Außenhandelspartner und auch zwei Weltkriege haben nicht vermocht, daran etwas zu ändern. Heute stellt die deutsche Industrie Argentiniens größten Lieferanten aus der alten Welt dar. Der rege Geschäftsverkehr mit deutschsprachigen Ländern hat Tradition und kulturelle Ankerungen. Zwei Einwanderungswellen aus Deutschland und seinen Nachbarstaaten öffneten die italo-iberisch dominierte Nation mitteleuropäischen Kultureinflüssen: Anfang des 20. Jahrhunderts strömten Hunderttausende Entwurzelte von Spree und Isar, aus der Schweiz und Österreich zur Gründung neuer Existenzen nach Übersee. Adolf Hitler setzte Jahrzehnte später eins drauf: In den 30ern geriet das Land um den Rio de la Plata zum rettenden Zufluchtsort verzweifelter Intellektueller, Künstler und Wirtschaftsmenschen, denen im letzten Augenblick die Flucht vor großdeutschem Rassen- und Untermenschenwahn gelungen war. Der Zusammenbruch des mit 1000 Jahren etwas großartig konzipierten Teutonen-Irrsinns spülte nochmals Tausende Deutsche ins Land, diesmal braune Berserker auf der Flucht vor alliierten und jüdischen Häschern. Ihnen allen bot Argentinien eine offene Hand. Gelernte Europäer vermögen die legendäre amabilidad Argentina auch heute noch nicht recht zu fassen und pflegen in unbeobachteten Momenten mitleidig den Kopf zu schütteln. Was Profitinteressierte jedoch keineswegs hindert, ihre Kontakte zu potentiellen Geschäftspartnern des Landes zu hegen und zu kultivieren - neuerdings sogar unter Zuhilfenahme wissenschaftlicher Steigbügelhaltung. Alexander THOMAS, Professor der Sozial- und Organisationspsychologie an der Universität Regensburg, gilt unangefochten als Koryphäe eines relativ jungen Zweiges der Universitätswissenschaften - der "Interkulturellen Psychologie und Kommunikation", eines Spezialgebiets der Allgemeinen Psychologie, das kulturspezifische Normen, Werthaltungen und Verhaltensregeln sowie deren Auswirkungen auf die Wahrnehmung, das Denken und Handeln der von ihr betroffenen Menschen zu thematisieren sucht. Die grundlegenden Handlungsprinzipien eines Volkes, einer Ethnie oder auch einer Gruppe der Subkultur - unbewusst erlernt und das spezifische Verhaltensrepertoire steuernd - nennt THOMAS "Kulturstandards". Treffen in der Begegnung von Angehörigen verschiedener Nationen unterschiedliche Kulturstandards zusammen, gelten Konflikte als wahrscheinlich. Aus einem Universitätslehrgang zur Interkulturellen Kommunikation entwickelten THOMAS und seine Mitarbeiterinnen differenzierte Trainingsprogramme (Culture Assimilators), in denen die Simulation teils komischer, teils unangenehmer zwischenmenschlicher Crash-Situationen die Unterschiedlichkeit kultureller Prägungen deutlich werden lässt. Vier dieser Trainings sind bislang in Buchform erschienen, das deutsch-argentinische Konfliktvermeidungsprogramm (Beruflich in Argentinien - Trainingsprogramm für Manager, Fach- und Führungskräfte) bauten federführend die beiden Co-Autorinnen Sabine FOELLBACH und Katharina ROTTENAICHER auf, die als Psychologinnen in deutschen Industriekonzernen arbeiten. Der schmale Band ist von Umfang und Ausstattung her leicht zu übersehen. Der inhaltliche Aufbau erinnert an Führerscheintests und verführt ebenso wie die etwas platten Cartoons beim ersten Hineinblättern zum Drüberhinweglesen. Ich nehme mal an, die Autoren versuchten das Odium universitärer Wissenschaftlichkeit strikt zu vermeiden. Immerhin pflegt die angepeilte Zielgruppe (konstant gestresste Manager beim transatlantischen Business-Jetting) auf Lernanforderungen, die nicht unmittelbar zu ihrem angestammten Geschäftsbereich zählen, leicht gepeinigt und mit Abstoßungsreaktionen zu antworten. Sollte dies das Motiv für die Ausstattungsaskese gewesen sein - schade. Aber möglicherweise dient die kleine Publikation auch ganz anderen Zwecken - etwa für neugierig Gewordene als Appetithäppchen zu umfassenderen themenspezifischen Konsumfreuden. Insgesamt 8 argentinienrelevante Kulturstandards bekommt der Leser mundgerecht serviert. Nein, nicht der Leser, genau genommen der Trainee, der sich spielerisch durch acht aufeinander aufbauende Programm-Module durchzuarbeiten hat, bis er, unmerklich aber immer spürbarer, an den Besonderheiten des argentinischen Lebensgefühls anzudocken beginnt. Und genau darin sehe ich die unschätzbare Stärke dieses listig-unscheinbaren Buches. Die beiden wichtigsten Standards, die alle anderen zu überlagern scheinen, seien näher erwähnt. Simpatía ist ein Ausdruck, der mit dem deutschen Wort Liebenswürdigkeit nur unzureichend erfasst werden kann. Er bedeutet mehr, etwa das den Argentiniern ganz selbstverständlich eigene Streben nach Harmonie und Konfliktvermeidung (auch und ganz besonders im Geschäftsleben), eine Haltung, die von konfliktbereiten Deutschen in ihrer Sachorientierung allzu leicht als Inkonsequenz, Unaufrichtigkeit oder Feigheit missverstanden wird. Für Argentinier besitzt Simpatía eine andere Wertigkeit - Respekt und Höflichkeit gegenüber dem Gesprächspartner, die eine frontale Kritik oder Streitkultur geradezu wesensfremd erscheinen lassen. Der Teufel liegt jedoch ebenso im umgekehrten Detail. Die für Fremde geradezu überwältigende Freundlichkeit der Argentinier bedeutet keineswegs Freundschaft. Wer diese Begriffe verwechselt, wird enttäuscht. Ein Beispiel: Frau Arnold lebt seit drei Jahren in Argentinien und schickt ihre Kinder dort zur Schule. Auf den Schulfesten vor den Sommerferien Anfang Dezember führt sie ihrer Meinung nach recht intensive Gespräche mit den anderen Eltern und versteht sich sehr gut mit ihnen. Als sie diese Eltern im März wiedertrifft, wird sie jedoch kaum begrüßt. Sie wird beispielsweise erneut nach ihrem Namen gefragt, als wenn sie neu in der Gruppe wäre. Frau Arnold empfindet es als ungewöhnlich, dass sie nach wenigen Wochen behandelt wird, als hätten sie die Leute vorher nie gesehen. Sie ist über dieses Verhalten sehr enttäusch und fühlt sich verletzt. Des Rätsels Lösung: Aufgrund ihrer offenen Art sprechen Argentinier schon in der Kennenlernphase über Themen aus dem Privatbereich, die bei Deutschen erst nach längerer Bekanntheit angesprochen werden würden. Frau Arnold nimmt fälschlicherweise einen höheren Grad von Freundschaft an als dies die Argentinier tun. Ihre Erwartungen diesbezüglich werden enttäuscht. Ein zweiter immer wieder zu Missverständnissen führender argentinischer Kulturstandard stellt die extreme Gegenwartsorientierung dar, gekoppelt mit einem polychronen Zeitverständnis. Argentinier orientieren sich an Augenblicksgefühlen und leben vorwiegend im Hier und Jetzt. Zukunftsorientierte Planungen und langfristige Geschäftsvereinbarungen - Selbstverständlichkeiten für Mitteleuropäer - besitzen einen untergeordneten Stellenwert. Während viele Österreicher schon mit ihrem Schulabschluss die Höhe ihrer Pensionen zu berechnen beginnen, gilt in Argentinien das Loblied des Tagesgeschäfts. Auch die Zeit besitzt einen gänzlich unterschiedlichen Stellenwert und es ist selbstverständlich, je nach Wichtigkeit, Interesse und Situationsanforderung verschiedene Aufgaben parallel zu erledigen, auch unter der klaren Inkaufnahme von Terminverzögerungen und wiederholter Abänderungen. Monochrone Mitteleuropäer hingegen pflegen einen Job abzuschließen, ehe sie sich neuen Aufgaben zuwenden. Polychrone Handlungsmuster wirken auf sie als Ausdruck von Unzuverlässigkeit, wenn nicht Chaotentum. Andere Standardunterschiede verstärken die Gefahr von Interaktionsfallen, die zu wiederkehrenden Misshelligkeiten führen können - etwa die starke Orientierung an Hierarchien, die Unverbindlichkeit von Absprachen oder die Betonung von äußeren Statussymbolen. Knapp 150 Seiten genügten, um meine Neugier, mein Interesse und meine unverhohlene Sympathie für eine Nation zu stärken, die ich nie in meinem Leben kennen lernte und vielleicht auch nie kennen lernen werde. Sie genügten ebenso, um dem Bereich der Interkulturellen Psychologie stärkere Aufmerksamkeit zu widmen, deren gesellschaftspolitische Auswirkungen (etwa im Migrationsbereich) durchaus Brisanz entwickeln könnten. Ein Manko bleibt allerdings bestehen: das Buch bedient einzig und allein das Segment der Wirtschaftsinteressen und wenig sonst. Schichtspezifische Besonderheiten im städtischen oder ländlichen Bereich bleiben unberücksichtigt. Insofern könnte sogar eine Gefahr darin liegen, den Teil für das Ganze zu halten und Kulturstandards der argentinischen Middle und Upper Class mit einem "Landescharakter" gleichzusetzen. Die Kulturstandards argentinischer Arbeiter, Bauern und Subkulturen warten auf ihre Kenntnisnahme. In der Reihe "Handlungskompetenz im Ausland" des Vandenhoeck & Ruprecht Verlags sind ferner erschienen: * Beruflich in China (von Eberhard SCHENK, Alexander THOMAS) (148 S., ISBN 3-525-49050-X) * Beruflich in Indonesien (von Marlis MARTIN, Alexander THOMAS) (177 S., ISBN 3-525-49052-6) * Beruflich in Großbritannien (von Stefan SCHMID, Alexander THOMAS) (169 S., ISBN 3-525-49051-8) Für Britannien-Liebhaber von besonderem Interesse, da etliche gängige Briten- und Deutschlandstereotypen relativiert werden - nicht alle Briten sind im gleichen Ausmaß kontrolliert und höflich und nicht überall wird man mit Deutschlandvorurteilen konfrontiert. Und die ausgeprägte Kompromissbereitschaft als Form des Krisenmanagements könnte ja auch anderen Nationen zum Vorteil gereichen. In Planung: * Beruflich in Russland * Beruflich in Tschechien * Beruflich in Kenia und Tansania |
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