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Rezension von Dieter Gnambs am 06.03.2003

Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden

Aufsuchende Familientherapie


Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden

von Marie-Luise Conen
 
Carl-Auer-Systeme Verlag, 2002
238 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 3896702998
 
If I knew that a man were coming to my front door to reform me I would run out the back door as fast I could.

Den entsetzten Aufschrei stieß Henry David THOREAU aus, vor annähernd 150 Jahren. Was der störrisch-skurrile Philosoph damals in der Einsamkeit der Wälder Massachusetts rebellisch formulierte, gefiel den Machteliten seiner Zeit überhaupt nicht. Und auch die heutigen Verweser der Futtertröge von Macht und Kapital pflegen den alt-alternativen US-Aufmüpfler, geschmückt mit dem gnadenlos-netten Etikett eines "Spinners", im Kuriositätenkabinett der intellektuellen Krachtüten zu entsorgen.

Mir fiel das wieder ein, als ich kürzlich einen interessanten Sammelband in die Hände bekam. Eine Linzer Mediatorin und Sozialarbeiterin müht sich darin redlich, THOREAUs ironisches Apercu sozialwissenschaftlich auf feste Füße zu stellen. Gleich im Einleitungsreferat stellt die Autorin die Gretchenfrage nach Zwangsbeglückung oder Wie viel Freiwilligkeit braucht Soziale Arbeit? (in: Marianne GUMPINGER (Hsg.), Soziale Arbeit mit unfreiwilligen KlientInnen; edition pro mente, 2001).

Aus dem Ärmel gewettet: auch heute noch, 2003, wird dieses Bandwurmthema endloser Sozialarbeiterdebatten vorwiegend kontroversiell und, je nach ideologischer Nestzugehörigkeit, mit graduell unterschiedlicher Fiebrigkeit und Verbissenheit ausgestritten. In erster Linie geht es dabei um Klienten-Segmente mit merkwürdig pastosen Begriffsdefinitionen: Randgruppenzugehörige, sozial Deklassierte und Depravierte, Multiproblemsysteme. Was immer dahinter mehr verborgen als enthüllt werden mag, die Wortungetüme versuchen Menschen zu erfassen - diffus, schwammig, tendenziell abwertend. Die Schwierigkeiten des Zu- und Umgangs mit diesen Personengruppen bedürfen gleichfalls wissenschaftlicher Codierung: Interventionsresistenz wird geortet, Therapieunfähigkeit allenthalben attestiert.

Was GUMPINGER und ihre Mitautoren von der Öffentlichkeit (leider) nahezu unbemerkt zu klären versuchen, scheint nunmehr ein vernehmbareres Sprachrohr gefunden zu haben.

Marie-Luise CONEN, Leiterin eines systemischen Beratungs- und Therapie-Instituts in Berlin, verfügt in wissenschaftlichen Insiderkreisen über eine exzellente Reputation in der Arbeit mit Angehörigen sozialer Unter- und Unterstschichten.

Ihr vor allem ist ein einzigartiger Modellversuch zu danken, der in der deutschen Bundeshauptstadt (als bislang einzigem deutschen Bundesland, in anderen Bundesländern laufen Vorbereitungsarbeiten) in einer funktionalen Kooperation zwischen der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport und freien Therapie-Professionisten bzw. -Institutionen gipfelte.

CONEN befasst sich seit den späten 1980er Jahren mit dem Problem der Lethargie, Passivität und Resignation von Familien an und unter der Armutsgrenze. Beratungs- und Hilfsangebote im Setting professioneller Sozialbehörden erfahren nur zögernde Akzeptanz. Die Autorin suchte und fand daher neue Zugänge:

Anstatt diese Familien `abzuschreiben´, haben es sich einige Familientherapeuten zur Aufgabe gemacht, Vorgehensweisen zu entwickeln, mit denen sie diese Familien erreichen und helfen können. ... Die Familien in ihrem Zuhause aufzusuchen ist die Methode, um insbesondere mit `schwer zu erreichenden Familien´ zu arbeiten. Vor Ort können die Familientherapeuten die Probleme der Klienten wie auch deren Lösungsbemühungen und die Effektivität der therapeutischen Interventionen beobachten und einschätzen und gegebenenfalls verändern helfen.

Als Pionierin der aufsuchenden Familientherapie in Deutschland arbeitet, forscht und publiziert CONEN seit 1990. Die wissenschaftliche Bestandsaufnahme ihrer mehr als 10jährigen Bemühungen fasste sie nunmehr in einem Band zusammen, der sozialarbeiterische und therapeutische Arbeit mit den Spannungselementen eines Sozialthrillers versieht: Wo keine Hoffnung ist, muss man sie erfinden - Aufsuchende Familientherapie.

Die Idee ist ja nicht neu, die Art, Kreativität und Begeisterung an der Umsetzung allerdings empfinde ich in Zeiten staatlicher Sparpsychosen und neoliberaler Sozialdemontagen geradezu als sensationell. CONEN baut auf Salvador MINUCHINs Konzept der strukturellen Familientherapie in und mit größeren Systemen auf. MINUCHIN, der seine Sozialisation in einem Mega-Clan von einigen hundert Sippenangehörigen (40 Onkel, an die 200 Cousins zählten zu seinen verwandtschaftlichen Beziehungspartnern!) im ländlichen Argentinien erfuhr, entwickelte schon aus psychischen Überlebensgründen eine traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit Grenzen und Strukturen. Diese Fähigkeit übertrug er in seine Arbeit mit US-amerikanischen Ghettobewohnern (Families of the Slums, 1967). CONEN empfindet sich selbst als MINUCHIN-Schülerin, und das mit gutem Recht. Nicht weniger profitierte sie von 2 anderen Säulenheiligen der internationalen Psychotherapie: vom Mailänder Gianfranco CECCHIN als Olympioniken der Reframing-Technik (positives Konnotat traumatischer Familienereignisse) und von der US-Systemikerin Evan IMBER-BLACK, die gleichfalls die Arbeit mit großen Familiensystemen bevorzugt.

CONEN und ihr Team kongenialer Mitautoren gehen von einem systemisch-ökologischen Vernetzungskonzept aus: keine therapeutisch uniforme Käseglocke soll über die Klientenfamilien gestülpt werden, sondern individuell maßgeschneiderte Therapie- und Begleit-Designs sind das Ziel. Dementsprechend werden der Auftragsklärung und der Technik der Zugangsfindung ein besonders hoher Stellenwert eingeräumt. Insgesamt umfasst das Therapiekonzept fünf detailliert beschriebene Arbeitsphasen (von der Vorbereitung bis zur Nach-Arbeit) und exakte Vernetzungsvereinbarungen zwischen Therapeuten und Jugendwohlfahrt. Weder empfinden sich Jugendamtssozialarbeiter als geringgeschätzte Hilfskräfte psychotherapeutischer Porschefahrer, noch agieren sie als chauvinistische Kommandeure therapeutischer Fronarbeiter. Die Kompetenzen liegen klar auf dem Tisch, die wechselseitige Informationspflicht ist geregelt und nicht Streitpunkt permanenter Datenschutzquerelen.

Das Konzept ist kurztherapeutisch angelegt und wird in Teams von jeweils 2 Co-Therapeuten durchgeführt. Die Autorin räumt dabei so nebenbei einen alten Therapiemythos in die Schublade der Mottenkiste: der Zwang zur Gemischtgeschlechtlichkeit von Co-Therapien scheint sich als Legende zu entlarven, zumal in der aufsuchenden Familientherapie die Therapeuten keine Modellfunktionen für Eltern und Kinder zu übernehmen beabsichtigen. Dies schon allein deshalb, weil gut die Hälfte aller Eltern (vorwiegend Mütter) alleinerziehend auftreten. Gemischtgeschlechtliche Co-Therapie kommt nur mehr in klassischen paartherapeutischen Arbeiten mit Elternpaaren zum Tragen.

Klingt ja alles irrsinnig gut, denke ich, und lese rotohrig weiter, bis mir im letzten Drittel des Buches die manische Euphorie abrupt desertiert und die unkontrollierten Triebdurchbrüche meiner lustvollen Begeisterung langsam verebben. Unüberwindlich türmt sich vor mir die schadenfrohe Frage: Und wer soll das Ganze bezahlen?

Auf 2 knappen Seiten legt CONEN eine kühle Kalkulation vor:
Die Kosten belaufen sich bei einer Dauer von sechs Monaten mit zwei Familientherapeuten und insgesamt 26 Familientherapieeinheiten (wobei 1 Einheit inklusive aller Nebenarbeiten 5 1/2 Stunden umfasst) auf EUR 13.700.-, dies entspricht monatlichen Kosten von EUR 2.286.-. Bei Heimkosten von monatlich durchschnittlich EUR 3.000.- bis EUR 4.000.- würden die Kosten für sechs Monate zwischen EUR 18.000.- und EUR 24.000.- für 1 Kind betragen. ... Da in der Regel aufsuchende Familientherapie in Familien mit mehreren Kindern durchgeführt wird und meist nicht nur ein Kind von Fremdplatzierung bedroht ist, stellt die aufsuchende Familientherapie eine kostengünstige Hilfestellung dar.

Klar, leuchtet ein - für Berlin, das seit Jahren am Rande des finanziellen Kollapses taumelt und den Gürtel eng schnallen muss. Aber rechnen können sie noch immer, die Deutschen.

Ich spüre wieder Zuversicht und blicke nach Wien. Dynamisch krempelt die neue, bis ins Mark konservative Bundesregierung die Ärmel hoch und schwingt reformbegeistert den Rechenstift. Und da, ich kann nicht anders, wird mir abgrundtief schwarz vor den Augen.

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