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Rezension von Timo Gnambs am 02.03.2003

Farben

Sehen, Wahrnehmen, Verstehen


Farben Farben

von Claus Chr. Liebmann, Norbert Welsch
 
Spektrum Akademischer Verlag, 2002
420 Seiten
Preis: 49,95 €
ISBN: 3827413834
 
Allgegenwärtig und doch oft kaum beachtet stellen Farben einen unverzichtbaren Aspekt unseres Lebens dar. Nobert WELSCH und sein Koautor Christian LIEBMANN versuchen den Mantel des Mysteriums, der sich um dieses Gebiet windet (bei genauerer Überlegung wissen wir zumeist nur äußerst wenig über Farben), zu lüften und eine umfassende Darstellung von Farben und deren Bedeutung zusammenzustellen. Auf 430 Seiten mit über 350 Abbildungen sezieren sie dieses komplexe Thema gekonnt von verschiedensten Blickwinkeln (historisch, psychologisch, biologisch, chemisch/physikalisch).

Als Einstieg beschäftigt sich das Werk mit der Farbgeschichte und Farbsymbolik. Die Bedeutung von Farbe (und dessen Wandel im Lauf der Jahrhunderte) im Kontext von Kunst und Kultur werden in unzähligen Einzelheiten vorgestellt. Bereits an dieser Stelle offenbart sich aber auch das größte Manko des Buches. Obwohl (oder gerade weil) es überaus detailliert Faktum an Faktum reiht, ist es ungeheuer zäh zu lesen. Wie in einem Lexikon schließt sich eine Aussage an die nächste ohne dabei einen durchgehenden Erzählfluss zu erzeugen und somit einen Spannungsbogen zu generieren. Das gesamte Buch in einem zu lesen ist deshalb nicht zu empfehlen; vielmehr sollte es als Nachschlagewerk betrachtet und benutzt werden.

Ein besonders interessantes Kapitel stellt jenes zur Farbpsychologie und Farbsymbolik dar. Die wichtigsten Farben werden einzeln im Hinblick auf emotionale Wirkung und praktische Anwendung näher beleuchtet. So soll etwa die Farbe Grün besonders mitfühlenden und sozial kompetenten Personen zusagen und im Rahmen der Chromotherapie (eine kontroverse Behandlungsmethode emotionaler und psychischer Probleme mit Hilfe von Farben) zur Bekämpfung von Geiz und Gefühlskälte dienen sowie eine Hinwendung zu Künstlerischem bewirken.
Leider bleiben diese Kurzabhandlungen im Ansatz stecken. Detaillierte psychologische Implikationen von Farben werden nicht erörtert.

Von der Historie und Psychologie wendet sich das Buch schließlich der Biologie zu; genauer dem Aufbau des menschlichen Sehsystems. Grundlegende Farbtheorien (Young & Helmholz, Hering), der Aufbau des menschlichen Auges, Skizzierung der Wahrnehmung von Form und Bewegung sowie Wahrnehmungsanomalien (wie Farbblindheit, Fehlsichtigkeit und Grauer Star) stellen die zentralen Ausführungen dar. Besonderes Augenmerk wird dabei auch auf die Farbsicht im Tierreich gelegt. So verfügen nur die wenigstens Tiere über volle Farbsichtigkeit. Stiere etwa reagieren entgegen weitläufigen Annahmen weniger auf das Rot eines Tuches denn auf dessen Bewegung.

Die beiden letzten großen Themenkomplexe beschäftigen sich vor allem mit naturwissenschaftlichen Belangen. Zunächst steht die Chemie der Farbe im Vordergrund der Betrachtungen; wie Farben erzeugt und in Folge verwendet werden können. Wer hätte etwa gedacht, dass der rote Farbstoff im Szene-Drink Campari aus den Eiern von Schildläusen gewonnen wird?
An die Vorstellung einiger zugrundeliegender physikalischer Gesetzmäßigkeiten werden schließlich noch verschiedene technische Anwendungsgebiete im Zusammenhang mit Farbe (wie Färbe- und Druckverfahren, Farbfotografie und Laser) näher unter die Lupe genommen.


Welches Fazit bleibt nun zu ziehen? Als Nachschlagewerk für theoretische Belange im Zusammenhang mit Farbe ist das Buch auf jeden Fall uneingeschränkt zu empfehlen.
Praktische Aspekte, vor allem psychologische, kommen aber in meinen Augen etwas zu kurz. So stellen die Autoren zwar stellenweise Anknüpfungspunkte zur Psychologie her, doch gleiten sie dabei zumeist in gesellschaftlich-historische Betrachtungen ab und bleiben so im Ansatz stecken. Ein ausführlicheres Eingehen auf die Farbwirkung hätte nicht geschadet. Ebenso wurden zwar kurz (wiederum eher vom geschichtlichen Standpunkt aus) chromotherapeutische und farbdiagnostischen (Lüscher-Test, Frielings-Test) Verfahren angesprochen, letztendlich aber nicht sehr ausführlich beleuchtet.
Diese Schwäche scheint Angesichts des technisch-naturwissenschaftlich geprägten Hintergrunds der Autoren verständlich. WELSCH ist Biologe und Chemiker und LIEBMANN gelernter Geologe. So liegt das Hauptaugenmerk des Buchs naturgemäß auf den chemisch-physikalischen Aspekten von Farbe. Dies gereicht dem Werk aber nicht notwendigerweise zum Nachteil. Für bestimmte Teilaspekte wird man wohl auf alternative Quellen zurückgreifen müssen, aber als allgemeines Nachschlagewerk ist es allemal zu empfehlen.

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