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Rezension von Dieter Gnambs am 02.02.2003

Geschwisterbande

Liebe, Haß und Solidarität


Geschwisterbande Geschwisterbande

von Katharina Ley
 
Walter Verlag, 2001
205 Seiten
Preis: 18,50 €
ISBN: 3530401234
 
Schon seltsam: Geschwister-Beziehungen gelten als die längsten Beziehungen überhaupt, egal ob liebevoll oder hasserfüllt, heiß oder lau, nachbarlich nahe oder über Ländergrenzen hinweg - sie überdauern gewöhnlich die Kontakte zu Eltern, Lebenspartnern oder Freunden. Ein intensiv gepflügtes Forschungsfeld, sollte man meinen, für all die Tücken und Lücken, Stärken und Schwächen zwischenmenschlicher Langzeitkontakte. Irrtum. Tatsächlich füllt die Literatur zur Geschwister-Forschung bis heute nur ein äußerst schmales Segment in der reichen Bibliothek der Familienpsychologie, -psychotherapie und -soziologie.

Die ersten Ansätze gehen zurück auf die frühe Psychoanalyse, die das Thema, wenn überhaupt, irgendwie lustlos anging: Geschwisterfragen tauchten bestenfalls als Wurmfortsatz zu Eltern-Kind-Problemen auf (Anna FREUD, Melanie KLEIN), oder sie verkümmerten unter "ferner liefen" in psychoanalytischen Erziehungswälzern. Zum eigenständigen Forschungsgegenstand brachten sie es nicht. Diese konsequente Ignoranz wurde erst in den 1980ern etwas aufgeweicht, im Grunde jedoch dauert sie immer noch an.

Vertikalbeziehungen - zu Eltern, zu Lehrern, zu Vorgesetzten, ja selbst zum lieben Gott - erwecken ungebrochene Forscherlust und akademischen Tatendrang. Geht es in die Horizontale (Geschwister- oder Freundschaftsbeziehungen), schlappt die wissenschaftliche Neugier rasant ab, um, wie Pawlows Hund, ausschnittartig auf inzestuöse und sexuelle Reizthemen zu reagieren. Der Gesamtaspekt geschwisterlicher Fragestellungen hingegen führt auch bei ehrgeizigen Familienforschern zu abrupten Ermüdungserscheinungen.

Wohltuende Ausnahmen gibt es natürlich: 1982 legten Stephen BANK und Michael KAHN, US-Psychologen an Universitäten in Connecticut, eine empirische Faktensammlung vor, die (leider beträchtlich gekürzt) 1989 ins Deutsche übersetzt wurde: Geschwister-Bindung. Sie stellt die bislang wohl kompakteste Untersuchung zum Geschwister-Thema dar und gilt auch 20 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung als Standardwerk.

Im deutschsprachigen Raum etablierten sich in den 1990er Jahren Hartmut KASTEN mit einer 2teiligen Geschwisterbeziehung (1993) sowie Horst PETRI (Geschwister-Liebe und Rivalität, 1994) und Hans SOHNI (Geschwisterlichkeit, 1999) als Spezialisten, die themenspezifische Anerkennung einfahren konnten. Und nun schlägt erstmals eine Frau zu, man merkt das auch gleich: Aufbau, Themensetzung und Erzählweise unterscheiden sich deutlich von denen ihrer kantiger strukturierenden, analytisch sezierenden männlichen Kollegen.

Katharina LEY ist Schweizerin. In Bern betreibt die gelernte Soziologin eine psychoanalytische Privatpraxis, in der sie sich unter anderem mit Liebe und Hingabe dem Spannungsfeld geschwisterlicher Beziehungen widmet.

In der Welt der Geschwister, so eine der Kern-Thesen der Autorin, gibt es keine Gleichgültigkeit (sehr wohl aber die mannigfaltigsten Fassaden davon). Hinter scheinbarer Indifferenz und Desinteresse, hinter vordergründiger Kälte und Kontaktarmut stecken sehr oft Enttäuschungen, Kränkungen und Verletzungen. Neid und Konflikte werden vielfach geleugnet und mit hohem psychischen Energieaufwand im Vor- und Unterbewussten gebunkert. LEY betont, wie die meisten Autoren vor ihr, den Einfluss der Eltern auf die Beziehungsgestaltung der Kinder zueinander. Väter und Mütter fördern, ja zementieren geschwisterliche Rivalitäten bewusst oder unbewusst - insbesondere dann, wenn sie sich in ihrer Elternrolle bedroht fühlen oder im Umgang mit dem Nachwuchs eigene, längst verschüttet geglaubte traumatische Kindheitserfahrungen wieder virulent werden. Sie verweist jedoch ebenso deutlich auf die andere Seite der Medaille: das Verarbeiten eigener Elterntraumata in der Stützung und Stärkung geschwisterlicher Solidarität und wechselseitiger Verantwortung.

Ich glaube, der Psychoanalytiker Stavros MENTZOS gibt einen Hinweis in ähnliche Richtung, wenn er betont, im Kosmos von Schwestern und Brüdern dominiere ganz klar der ebenbürtige Kampf um Autonomie und Verselbständigung aus den Klammern elterlicher Abhängigkeit. Symmetrisch-ödipale Kraftanstrengungen im rivalisierenden Ringen um die Gunst des gegengeschlechtlichen und die Demontage des gleichgeschlechtlichen Elternteils würden demgegenüber im Hintergrund bleiben.

Mir scheint dieser Gedanke irgendwie versöhnlich und längst überfällig, zumal im älteren schmalen Oeuvre zur Geschwisterthematik die Konkurrenz- und Kampfkomponenten eine überproportionale Aufmerksamkeit erfahren.

Die Geschwisterreihen-Forschung etwa, von ihren Anhängern bis heute hartnäckig verteidigt, obgleich in ihrer Einseitigkeit heftig umstritten, fokussiert den Unterschiedlichkeitsaspekt in Geschwisterbeziehungen und definiert den Ältesten in der Reihenfolge auch in seiner Machtausübung als Primus inter pares. Daraus resultierende Schlussfolgerungen (Katharina LEY beschreibt sie recht anschaulich) führen allerdings zu hierarchisierenden Stereotypien in der Hypothesenbildung. Egalisierungsaspekte in Geschwisterkontakten fallen nämlich dabei generös unter den Tisch.

Natürlich erleben Erstgeborene die Schwangerschaft der Mutter mit dem furiosen Finale der Neugeburt eines Geschwisters vielfach als emotionellen Raubüberfall; der zu enormen Anpassungsleistungen an das veränderte Mehrpersonen-Setting zwingt. Strapaziöse Anstrengungen, sehr frühe Lernzwänge, kein Zweifel. Im späteren Erwachsenenleben finden sich diese olympiafrühreifen Kinderkraftpakete denn auch gehäuft in beruflich und gesellschaftlich herausragenden Positionen wieder, gelernt ist gelernt. Die geschwisterlichen Youngsters hingegen pflegen im Rennen um Reputation und Erfolg wie Wettläufer mit Beinprothesen über die Ziellinien zu stolpern, es sei denn, ihnen gelingt das Ausscheren aus dem Marathonschlachtfeld des Lebens, indem sie als kreative Heldengestalten in beeindruckenden Bewährungsproben gegen den Mainstream auch ihren Platz an der Sonne zu erobern vermögen.

So weit, so gut - sofern die Statistiken der Reihen-Forscher stimmen. Die daraus salopp abgeleiteten Rechts- und Machtpositionsverteilungen in Geschwister-Beziehungen gilt es allerdings in ihrer Gott- und Naturgegebenheit zu hinterfragen.

Unbestritten: ältere Kinder verfügen über den größeren Erfahrungsreichtum und umfangreichere Verantwortungskompetenzen. Diese Qualitäten bedürfen auch klarer Bestätigung durch die Eltern, stellen sie doch einen der wesentlichen Bausteine in der Entfaltung eines gesunden Selbstwertgefühls dar. Um daraus jedoch einen unveränderbaren Anspruch auf lebenslange, ja über den Tod hinaus zementierte Rechtsprivilegien festmachen zu können, bedarf es einer Argumentationstechnik wie wir sie aus den ideologisch motivierten Rechtfertigungen eines hinlänglich bekannten Top-Down-Gesellschaftsmodells kennen. Mit Hinweisen auf eine empirisch untermauerte Beziehungsdynamik hat es nur mehr bedingt zu tun.

Bekanntes Beispiel für diese Art Grenzüberschreitung von wissenschaftlicher Erkenntnis zu ideologischem Glaubensbekenntnis scheint mir Jirina PREKOP zu sein. Ihr gelang es, die Festhaltetherapie der US-Amerikanerin Martha WELCH auf dem europäischen Kontinent in eine fundamentalistisch vorgetragene Weisheitslehre mit Missionscharakter zu transformieren: Sorgen Sie unbedingt dafür, dass das erstgeborene Kind seinen ersten Platz in der Geschwistergruppe behält. Dieser Platz gehört ihm wirklich mit vollem Recht, selbst dann, wenn es mehrfach schwerstbehindert oder das untüchtigste von allen Geschwistern ist. Nicht einmal sein Tod darf dem Erstgeborenen seine erste Stelle nehmen. (J. PREKOP, Erstgeborene - Über eine besondere Gerschwisterposition, 2000).

Unverblümter drückt es nur mehr Bert HELLINGER, der Religionsstifter der grassierenden Familienaufstellungs-Bewegung, aus. In seinen kathartischen Wochenend-Aufstellungsevents drängt er schon auch mal Proponenten, die er als grenzüberschreitend enttarnte, in seiner patriarchalen, seelenvoll-autoritären Unerbittlichkeit life und coram publico zu devoten Unterwerfungsritualen vor älteren Geschwistern. Die gläubige Schar der Jünger ist tief bewegt - Heilungsgarantie im 1/2-Stunden-Takt!

Katharina LEYs Geschwister-Bande-Buch steuert derlei Auswüchsen wohltuend entgegen. Weder verspricht die Autorin erkenntnistheoretische Heilserwartungen noch droht sie mit Gottverdammnis oder Höllensturz. Sie vermeidet, apodiktisch formulierte Glaubenssätze anderer Autoren zu widerlegen, sie dreht die Medaille einfach um, um mit gleichbleibender Ruhe und Geduld und einfühlendem Interesse auch die unbeachtete Gegenseite zu bestaunen.

Exemplarisch herausgegriffen: Mit wissenschaftlicher Akribie beschreiben ältere Autoren die schmerzvollen Verlusterlebnisse des Erstgeborenen beim Auftauchen eines jüngeren Geschwisters. Traumata und deren Auswirkungen bis ins Erwachsenenleben werden nachgezeichnet, psychotherapeutische Gegensteuerungsmodelle entworfen. LEY widerspricht dem keineswegs. Sie fügt etwas hinzu. Durch das Ins-Leben-treten jüngerer Brüder und Schwestern eröffnet sich für den Älteren, bei entsprechender Hilfestellung durch die Eltern, auch ein einmaliger Erfahrungszuwachs - die Lernchance des Anerkennens, der Akzeptanz von Neuem, Unbekanntem, Fremdem, ohne Angst entwickeln oder zum eigenen Schutz in regressive Verhaltensweisen flüchten zu müssen. Gerade in heutigen Zeiten ein weitgehend vernachlässigter Aspekt!

Die Erweiterung der Sichtweisen im bislang vorwiegend eindimensionalen Herangehen an Fragestellungen der Geschwister-Beziehungen scheint mir einer der größten Vorzüge der Autorin. Dies und ihr völlig unprätentiöser, fast essayistisch anmutender Stil könnten die Lektüre des Buches zu einem gleichermaßen entspannenden wie anregenden Leseabenteuer werden lassen. Für Themeninteressierte ein Muss!

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