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Rezension von Dieter Gnambs am 16.01.2003

Berauschte Sehnsucht

Zur ambulanten systemischen Therapie süchtigen Trinkens


Berauschte Sehnsucht Berauschte Sehnsucht

von Rudolf Klein
 
Carl-Auer-Systeme Verlag, 2002
356 Seiten
Preis: 24,90 €
ISBN: 3896702718
 
Es ist leider ... gantz Deutsch land mit dem Sauffen laster geplagt. Wir predigen und schreien und predigen da wider. Es hilfft leider wenig.

Der sich da sorgte um die bacchantischen Konsumgewohnheiten der ihm anvertrauten Schafe Gottes galt selbst als gewaltiger Gaumengenießer. Deftig kleidete Martin LUTHER anno 1541 in Worte, was seiner Meinung nach Barbaren von wahren Christenkindern unterschied: das grewliche laster der Trunckenheit. Und warum alle Menschen sich fur dem Sauffen hüten sollen wusste der Görlitzer Pfarrherr und Luther-Fan Matthäus FRIDERICH messerscharf zu belegen: Wenn nun der Sauffteufel einen Menschen einnimpt, so sind die andern Lasterteuffel auch nit weit (Wider den Sauffteuffel, 1552). Das war eindeutig als gefährliche Drohung der Kirche zu verstehen, bey insgesammt 6000 dieser geschwänzten Typen, die der fromme Mahner auszumachen wusste.

Genutzt haben die gottgefälligen Schauderworte wenig, bis heute erfreuen sich Trinkerei und Rauschekstase ungebrochenen Zuspruchs - auch und ganz besonders im Volk der österreichischen Kultur- und Gemütswesen.

Die letzte mir bekannte globale Sauf-Statistik stammt aus dem Jahr 1998 und verweist das Inselreich der Seligen in einer 53gradigen erdumspannenden Trinkerskala auf den 11. Rang. Ein stolzer Platz also im absoluten Spitzenfeld der schärfsten Zecher-Nationen. Statistisch ausgerechnet schluckt jeder Älpler zwischen Donau und Drau, vom Boden- bis zum Neusiedlersee 9,2 Liter reinen Alkohol pro Jahr - vom Säugling bis zum Greis. Alkoholfreundlicher erweisen sich lediglich unsere leistungsbewussten deutschen Nachbarn (10,6 Liter jährlich) sowie Franzosen, Iren und Portugiesen (10,8 - 11,2 Liter). Eindeutig olympisch dimensioniert, klammheimlich und unübertroffen, bechert jedoch eine kleine, liebenswerte Nation im Herzen Europas vor sich hin: Luxemburgs Kampftrinker trotzen mit ihren exzessiven 13,3 Litern pro Jahr und Kehle auch russischen Brutalstsäufern und walisischen Marathonpokulanten (Handbuch Alkohol - Österreich, Zahlen/Daten/Fakten/Trends, hsg. v. Bundesministerium f. Arbeit, Gesundheit und Soziales, 2001).

Die Spur des Alkoholismus zieht sich quer durch die Jahrhunderte christlich-abendländischer Geschichte und weist ungebrochen in die Zukunft. Wie diese tragische Form der Abhängigkeit eigentlich entsteht, warum Menschen die Entscheidung treffen, sich bis zum eigenen Ruin in einer lebenslangen Abfolge von Kämpfen, Schamgefühlen und Niederlagen an eine chemische Molekularverbindung namens Ethanol zu ketten, auf diese Gretchenfrage der Suchtforschung sind auch die exzellentesten Experten bis heute die Antwort schuldig geblieben.

Und nun ein neues Buch zu einem endlos traurigen Thema? Cui bono, wem nützt es? Dem geschäftstüchtigen Autor als Tantiementank für die eigene Tasche? Den leidvoll Betroffenen als tröstlicher Wegweiser ins ersehnte Paradies der Trockenheit? Den professionellen Helfern als Ariadnefaden aus eigenen Rat- und Hilflosigkeiten?

Wenn ich es recht verstehe, weder noch. Der Autor, Rudolf KLEIN, psychotherapeutischer Mitarbeiter einer Caritas-Beratungsstelle im saarländischen Merzig, widmet sich seit den 1980er Jahren seiner süchtigen Klientel (und deren Angehörigen). Mehr als 2 Jahrzehnte intensivster Arbeit in einem Kosmos von Vorverurteilungen und stereotypen Etikettierungen, einem Wechselbad von Hoffnungen und Hoffnungslosigkeiten, einem Kreislauf von Entwicklungsschritten und bereits vorweg beschworenen Rückfällen schadlos zu überstehen, schon das alleine fordert gebührende Anerkennung.

KLEIN, Jahrgang 1956, strotzt vor stringenter Intelligenz und sprüht voll kreativen Kapriolen bei seinen Interventionen. Entscheidend für seine Veränderungsbemühungen bleiben Welt- und Wirklichkeitsbetrachtung des Klienten, nicht eigene therapeutische Glaubenssätze. Hier fällt mir sofort Milton ERICKSON, der große, traumwandlerisch einfühlsame Menschenmagier im Rollstuhl ein, der diese Haltung mit den Worten umschrieb: Jede Person ist ein einzigartiges Individuum. Psychotherapie sollte daher so verfasst sein, dass sie eher der Einzigartigkeit der Bedürfnisse des Individuums begegnet als dass sie die Person so zurechtstutzt, dass sie in das Prokrustesbett einer hypothetischen Theorie menschlichen Verhaltens passt.

Konsequenterweise steht in diesem Buch nicht die Ursachenforschung süchtigen Verhaltens im Vordergrund, die Frage des "warum" juckt einen gestandenen Konstruktivisten bekanntlich wenig auf der Haut, hartnäckig bleibt jedoch die Klärung des "wofür" fokussiert. Kaum von Interesse die defizitären Pathologien in den einzelnen Trinkerbiografien, jedoch unablässig im Auge die Suche nach dem positiven Sinn des Trink-Rituals.

Das Thema der (positiven) Sinnsuche von Symptomen stellt einen Angelpunkt systemischen Denkens und Arbeitens dar. Insbesondere in Krisensituationen, in denen Veränderungen angezeigt sind, vermag Alkoholmissbrauch positive Entlastungsfunktionen zu erfüllen, ein Therapie-Transkript KLEINs illustriert dies recht prägnant: Eine 24jährige Klientin schildert, dass sie seit ihrem 13. Lebensjahr Alkoholika zu sich nehme (Übergangskrise "Pubertät"). Die mittlere Reife habe sie trotz regelmäßigen Trinkens noch geschafft, ihre Berufsausbildungen musste sie immer wieder abbrechen (Übergangskrise "Schule/Beruf"). Die Lebensvisionen ihres Vaters, der zwei Ehefrauen durch Krebstod verloren habe (eine davon die Mutter der Klientin), hätten sich immer wieder zerschlagen. Er habe schließlich die Maxime kultiviert: "Kinder haben Vater und Mutter zu ehren". Er selbst habe seine eigene inzwischen greisenhafte Mutter aufopfernd versorgt und eine ähnliche Versorgung von seiner eigenen Tochter erwartet. Ihre Ausbildungsabbrüche hätten ihr Dilemma vordergründig entschärft. Mit dem Beginn einer Freundschaft zu einem Mann seien ihre Schuldgefühle jedoch so schlimm geworden, dass sie diese nur zum Teil mit Alkohol habe dämpfen können (Übergangskrise "Abhängigkeit/Autonomie"). Die Sucht übernimmt in diesem Fall die Funktion eines Lösungsversuchs eines sozialen Dilemmas.

Im Konzept der Übergangskrisen (Geburt, Pubertät, Heirat, Berufsverlust, Tod u.a.m.) manifestieren sich dreistufige, mit Angst besetzte Schwellensituationen: einer obsolet gewordenen Lebensphase, die aufgegeben werden muss (Trennung), folgt eine Übergangsphase (Diffusität) in eine noch unbekannte Neusituation (Risiko). Während in anderen Kulturen Übergangskrisen klar strukturierte rituelle Rahmenbedingungen erfahren (Initiationsriten) und von stützenden Autoritäten mitgetragen werden (Schamanen, Paten), bleiben die Menschen der Postmoderne vielfach auf sich selbst und ihre individuellen Hilflosigkeiten reduziert. Die Verwendung rauschinduzierter Mittel vermag durchaus Lösungsversuchscharakter für Ängste, Unsicherheiten und Gefahrenrisiken aufzuweisen.

Natürlich besitzt das Modell der Übergangskrisen keinen Heilserwartungscharakter. Allgemeingültige Krankheitsdiagnostik findet im Konstruktivismus keinen Platz. Ebenso wenig über den Kamm geschorene Therapierezepturen mit Ewigkeitsanspruch.

Trinken als unbewusst eingesetztes Distanz-Regulativ in überfordernden Beziehungen mag ebenso sinnstiftend wirken wie als Loyalitätsgeste gegenüber anderen diffamierten (tabuisierten) Familienalkoholikern. KLEIN betont die Individualität der Symptomsprache immer wieder und beharrt - in deutlicher Distanz zu den extremen Vertretern der lösungsorientierten Kurzzeittherapie und deren Allmachtsattitüden (Insoo Kim BERG, Steve de SHAZER) - auf Geduld und im Bedarfsfall auch langfristiger Begleitung seiner suchenden Suchtklienten.

Wie weit der Autor in seinen Fallbeispielen eine geschönte Fassade seiner therapeutischen Arbeit in die Auslage stellt, kann ich nicht beurteilen. Misserfolgsverläufe sind jedenfalls kaum beschrieben, aber, mein Gott, welcher Autor tut das schon. Und vor allem Psychotherapie-Eleven sollten sich keiner Illusion hingeben: Die berauschte Sehnsucht hat keinen Handbuchcharakter. Sozialpsychologische Alkoholismustheorien bleiben ebenso unberücksichtigt wie kulturanthropologische Ansätze oder naturwissenschaftliche (oder gar biologisch-genetische) Erklärungsmodelle der Suchtgenese. Eindeutig: es handelt sich um ein Psychotherapie-Buch. Oder, ganz so eindeutig auch wieder nicht - es ist ein Werk zur ambulanten Suchtpsychotherapie. Naja, selbst das stimmt so nicht hundertprozentig: genau genommen geht es um die ambulante systemisch-konstruktivistische Psychotherapie mit Alkoholabhängigen.

Unter diesen Prämissen ist es allerdings unbedingt zu empfehlen.

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