Action-Links:

Rezension von Dieter Gnambs am 18.12.2002

Der Seelenraum des Ungeborenen

Pränatale Psychologie und Therapie


Der Seelenraum des Ungeborenen Der Seelenraum des Ungeborenen

von Ludwig Janus
 
Walter Verlag, 2000
235 Seiten
Preis: 25,60 €
ISBN: 3530421502
 
Ludwig JANUS, Jahrgang 1939, freiwerkender Psychoanalytiker in Heidelberg und einsamer Spezialist in Fragen der prä- und perinatalen Psychologie im deutschsprachigen Raum, gilt in Insiderkreisen als Prototyp eines in die Jahre gekommenen wissenschaftlichen Wunderknaben.

Seit den 1980er Jahren veröffentlichte der manische Vielschreiber in einer nicht enden wollenden kreativen Kaskade eine Flut von Forschungsberichten in Buch- und Artikelform zu seinem zentralen Arbeits- und, wie es scheint, auch Lebensthema: Auswirkungen vorgeburtlicher und geburtlicher Erfahrungen im Erwachsenenleben. Mittlerweile umfasst sein Opus an die 40 einschlägige Publikationen. Über den unmittelbaren Kreis seiner akademischen Kollegenschaft hinaus hat JANUS trotzdem keine übermäßige Resonanz gefunden. Wohl auch eine Kunst: zu arbeiten wie ein Berserker und kaum zur Kenntnis genommen zu werden.

Am Autor selbst kann diese Wahrnehmungsschwäche nicht liegen. Strikte Seriosität, voluminös anmutendes Detailwissen und eine schnörkellose Präsentationstechnik zählen zu seinen Markenzeichen. Es muss wohl an der Thematik kranken, die eine breitere Rezeption in der Öffentlichkeit so schwerblütig und zäh erscheinen lässt. Dieses Schicksal wird wohl auch einem der neuesten Bücher JANUS´ nicht ganz erspart bleiben, der umfassenden Bestandsaufnahme zum Thema Der Seelenraum des Ungeborenen - Pränatale Psychologie und Psychotherapie.

Gleich im ersten Abschnitt liefert der Autor einen (leider etwas knapp geratenen) Streifzug durch die Geschichte der Vorgeburts-Forschung, die in vollem Umfang in den frühen 1920er Jahren einsetzte. JANUS erwähnt Otto RANK, Gustav Hans GRABER und den gebürtigen Ungarn Nándor FODOR, die der jungen Wissensdisziplin zu erster breiterer Aufmerksamkeit verhalfen. Die Heftigkeit der Abwehrreaktionen aus Kollegenkreisen ließen jedoch schon damals ungustiöse Implikationen erahnen, die vor allem die psychoanalytische Kindergeneration Sigmund FREUDs in helle Aufregung versetzte. JANUS erwähnt zwar die Prototypen des einsetzenden Gelehrtenspektakels, setzt allerdings grundlegende Kenntnisse vor allem der Psychoanalyse-Geschichte im frührepublikanischen Wien voraus.

Otto RANK (1884-1939), einer der originellsten FREUD-Adepten der 1. Generation, entpuppte sich (ungewollt) als Auslöser einer wilden Akademiker-Keilerei. Lange Zeit galt der junge Gelehrte als vielbeneideter intellektueller "Lieblingssohn" FREUDs.

Aus schwerst deklassiertem Milieu stammend, Zeit seiner Jugend unter der Gleichgültigkeit eines alkoholkranken Vaters leidend, legte der junge RANK unter tatkräftiger Förderung Alfred ADLERs und Sigmund FREUDs eine lupenreine Bilderbuchkarriere hin, vom ungelernten Glasbläser zum Dr.phil., Verlagsleiter und Experten in der Tiefenpsychologie der Kunst, des Künstlers und der künstlerischen Kreativität.

1923 veröffentlichte er sein bis heute ebenso aufsehenerregendes wie befehdetes Werk Das Trauma der Geburt, in dem er den Geburtsakt als die prägende Erfahrung für die spätere Ausformung des Lebensskripts des erwachsenen Menschen beschrieb. Zwar hatte bereits FREUD den Vorgang der Geburt als Urform des ersten Angsterlebnisses in der menschlichen Entwicklung erwähnt (1909), diesen Gedanken aber nicht weiter verfolgt. RANKs Ausfeilung des Geburtstrauma-Themas zum bestimmenden Inhalt eines neuen psychoanalytischen Theoriegebäudes (mit entsprechenden Neuerungen in der therapeutischen Praxis) brachte die Seelen der rivalisierenden Schüler-Schar des Meisters zum Kochen. In einem hektischen (wissenschaftlich nicht nachvollziehbaren), unter der Gürtellinie anvisierten Kreuzfeuer der Kritik wurde der junge FREUD-Liebling gnadenlos demontiert. Vor allem Ernest JONES (erster FREUD-Biograf und FREUD-Eleve der frühesten Stunde) zog wild vom Leder und schlug dem verdutzen RANK gleich eine psychiatrische Schwerstdiagnose (bipolare affektive Störung) um die Ohren, womit RANK zum manisch-depressiven Parade-Psychotiker mutierte.

Karl ABRAHAM, FREUDs renommierter Statthalter in Berlin, ließ freundlichst aus deutschen Gauen grüßen, setzte noch eins drauf und gab wohlwollend sein fachliches Einverständnis zur Flachlegung des verhassten Rivalen in Wien. RANK schien erledigt, persönlich, gesellschaftlich und akademisch. Er tat das für ihn einzig Richtige und setzte sich über Paris (wo er sich vorübergehend der literarischen Bürgerschreck-Gruppe um Henry MILLER und Anais NIN annäherte) nach New York ab, um - eine letzte Gemeinheit an die zurückgebliebene Wiener Kollegenschaft - bis zu seinem Tod zum üppig verdienenden Shooting Star der US-Analytikerszene zu avancieren.

Der Schweizer Tiefenpsychologe Gustav Hans GRABER ging in der Pränatalitätsforschung den entscheidenden Schritt weiter. 1924 trat er mit seinem Grundlagenwerk Die Ambivalenz des Kindes an die Öffentlichkeit, in dem erstmals das vorgeburtliche Seelenleben ins Zentrum wissenschaftlicher Aufmerksamkeit gerückt wurde. Darin erfuhr das bis dahin weitgehend unangefochtene Postulat der frühen Psychoanalyse, intrauterine Urerfahrungen seien im späteren Ich (mangels entwickeltem Sprach-Ich) nicht erinnerbar, eine entscheidende Relativierung: keineswegs, so der Autor, sei der Fötus alleine seinen Reiz-Reaktions-Ketten ausgeliefert, sondern sehr wohl zu komplexen Gefühlen (und Traumatisierungen) fähig. Vorgeburtliche Erfahrungen seien zwar tatsächlich nicht sprachlich erinnerungsmöglich, sie wirken jedoch weiter als Gefühle und Körperempfindungen, welche die Handlungsmuster (und Träume) des Erwachsenen massiv zu beeinflussen vermögen.

Eventuell bildete die stark mystifizierende Darstellungsweise der Intrauterinphase in den Büchern der Pioniere der Vorgeburtsforschung die unüberwindbare Barriere, die eine breitere Rezeption im öffentlichen Diskurs verhinderte. Nándor FODOR, der nach dem 2. Weltkrieg in die USA auswanderte, bemühte sich zwar erstmals tatkräftig um Klarheit, Transparenz und empirische Beweiskraft, wesentlicher Erfolg war aber auch ihm nicht beschieden.

Erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts begann die prä- und perinatale Psychologie allmählich jenen Platz zu erobern, der ihr zusteht. Experimentelle Untersuchungen führten zu einer rapiden Erweiterung des Kenntnisstandes vom vorgeburtlichen Leben, insbesondere hinsichtlich intrauteriner Sinneswahrnehmungen und des fötalen Traumlebens. Der Franzose Alfred A. TOMATIS etwa veröffentlichte Bahnbrechendes zum Einfluss von Tönen und Klängen sowie der mütterlichen Stimme auf den Fötus (Der Klang des Lebens - Vorgeburtliche Kommunikation), Vertreter der äußerst regen argentinischen pränatalen Psychoanalyse arbeiteten bereits in den frühen 1970ern an intrauterinen Traumerfahrungen (Angel GARMA: Das fötale Seelenleben und das Geburtstrauma aller Träume).

Den aktuellen Wissensstand zum Thema hat Ludwig JANUS in bestechender Form zusammengetragen und gut lesbar aufbereitet. Wer die Grundlagen der Prä- und Perinatalitätsforschung kennen lernen will, wird daher an seinem Buch nicht vorbeikommen.

Problematischer allerdings finde ich die Konsequenzen, die der Autor daraus für die psychotherapeutische Praxis zieht, oder besser gesagt: nicht zieht.

JANUS erwähnt zwar die Vereinnahmung der Vorgeburtsforschung durch einen Praktikertypus, der radikale Atem- und Körperinterventionstechniken als Nonplusultra professionellen Handelns in den Mittelpunkt stellt (was ja noch durchaus verständlich erscheint). Die massiven Grenzüberschreitungen in Territorien unüberprüfbarer Spekulationen und teigig-mystifizierenden Geraunes, bis hin zu psychotherapeutischem Sektierertum und beklemmender Verantwortungslosigkeit, bleiben allerdings ausgeblendet.

Mir scheint es einfach bedenklich, Arthur JANOV mit seinen psychotherapeutischen Eiertänzen als Beispiel gelungener Pränatalitäts-Praxis heranzuziehen, ohne auf dessen missionarische Attitüden und eklatanten Fehlleistungen mit aller Schärfe hinzuweisen. JANOV, dessen Verdienst es war, in den 60ern unkonventionell neue therapeutische Interventionen zum Einsatz gebracht zu haben (Primär-Therapie, marktschreierisch popularisiert als Urschrei-Therapie) berief sich bei seinem Vorgehen auf Sandor FERENCZI und Wilhelm REICH, die sich natürlich nicht mehr zur Wehr setzen konnten. Bedenklich wurden seine inflationär eingesetzten Schrei-Marathons durch die Etikettierung als kurztherapeutisch wirksames Verfahren für praktisch jegliches Symptomverhalten, eine Behauptung, die angesichts des offenkundigen Nichteintretens des gewünschten Effekts immer wieder revidiert werden musste.

Primärtherapeuten der Denver-Schule gingen schließlich dazu über, die Therapieverläufe auf Jahre hinaus zu verlängern, um letztlich den Behandlungserfolg gänzlich umzudefinieren: gefragt ist heute nicht mehr das Verschwinden der Symptome, sondern die Fähigkeit, konstruktiv mit ihnen zu leben. Kein übler Kniff, mittels akrobatischer Rhetorik Schlappen in Triumphe zu verwandeln.

Die Brachial-Interventionen der JANOV-Clique (die nachweislich auch zu einigen Todesfällen bei Patienten wegen Herz-Kreislauf-Versagens führten) werden in noch ärgerem Ausmaß von Leonard ORRs Rebirthing-Gurus goutiert, die für ihre Wochenend-Massen-Therapien gleichfalls die Väter und Großväter der Pränatalitätsforschung als Zeugen berufen. ORR als seriösen Praktiker zu titulieren ohne gleichzeitig dessen intensive Verquickung mit dem schlichtesten amerikanischen Esoterik-Flachland zu betonen, erstaunt mich einfach bei einem hochkarätigen Wissenschaftler von Ludwig JANUS´ Format.

Den Wert seines Buches soll dies nicht schmälern. Die pränatale Psychologie findet sich im Seelenraum des Ungeborenen vorzüglich vertreten.

Die pränatale Psychotherapie? Naja.

Zum Seitenanfang

Weiterführende Links:

Design: g.t&s