Rezension von Dieter Gnambs am 03.10.2002
Systemische Modelle für die Soziale Arbeit
Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis
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Systemische Modelle für die Soziale Arbeit von Wolf Ritscher |
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Carl-Auer-Systeme Verlag,
2002 381 Seiten Preis: 39,90 € ISBN: 3896702254 |
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Lange Zeit galt die Systemarbeit als Domäne therapeutischer Querdenker und Paradigmenzertrümmerer. Mittlerweile ist sie schon ordentlich in die Jahre gekommen. Ein gutes halbes Jahrhundert ist seit den ersten Anfängen vergangen, die Pioniere der Gründergeneration sind tot (Gregory BATESON, Virginia SATIR) oder als lebende Kunstwerke in den Vitrinen ihrer Einzigartigkeit eingesargt (Salvador MINUCHIN, Humberto MATURANA). Die Pfiffigeren und Eloquenteren unter ihnen besannen sich der Vermarktungschancen ihrer kreativen Intelligenz, produzieren literarische Psycho-Knüller in atemberaubender Rasanz und vergolden sich damit im Schongang die Nasen. Jay HALEY und seine Jesus-Strategie oder die System-Schnurren Paul WATZLAWICKs unterm Christbaum gelten bereits als literarische Delikatessen in der alternativen Hautevolee. Ich finde das gut so. Auch ein Weg, um zirkulärem Denken Popularität zu verschaffen. Kaum ein Detailgebiet der psychosozialen Wissenschaften, das nicht bereits Gegenstand von systemischen Analysen geworden wäre: Neurosen und Psychosen, Essstörungen und Süchte, Erziehungs- und Beziehungsprobleme, Sex and Crime und Hiebe und Liebe und was weiß Gott noch mehr - alles wurde bereits systemisch sauber bearbeitet und in eigenen Monografien mundgerecht aufgekocht. Fast alles, denn ein Acker blieb weitgehend ungepflügt, das höchst pflege- und arbeitsintensive Feld der Sozialarbeit. Zwar kam es auch hier zu Ansätzen systemischer Annäherungen. Schon 1988 legte G. OSWALD seine lesenswerte Untersuchung Systemansatz und Soziale Arbeit vor, ein Jahr später veröffentlichte H. GOLDBRINGER eine wissenschaftliche Grenzüberschreitung mit der Abhandlung Arbeit mit Problemfamilien - Systemische Perspektiven für Familientherapie und Sozialarbeit und 1995 folgte H.-U. PFEIFER-SCHAUPs Jenseits der Familientherapie - Systemische Konzepte in der Sozialen Arbeit. Gründliche und anregende Detailstudien, ohne Zweifel. Jedoch: ein umfassender systemorientierter Zugang zur Sozialarbeit, theorie- und praxisrelevant, stand bislang noch aus. Diese Lücke wurde nunmehr geschlossen, und zwar in einer Form, die nicht nur Sozialarbeitern als Arbeitshilfe dienlich sein wird, sondern auch Psycho-Professionisten anderer Disziplinen. Ich schätze Wolf RITSCHER schon seit langem. Der Professor für Klinische Psychologie und Familientherapie an der Fachhochschule für Sozialwesen in Esslingen verbindet mit lässiger Eleganz profundes Grundlagenwissen mit psychotherapeutischer Praxis und sozialarbeiterischem Knowhow. In seinem gesellschaftspolitischem Engagement erinnert er an den jungen Horst Eberhard RICHTER (ehe sich dieser von seinen penetranten Bewunderern in den ästhetischen Aggregatzustand einer Ikone transformieren lassen musste). RITSCHER gelang mit seinem integrativen Lehrbuch Systemische Modelle für die Soziale Arbeit ein Doppelstreich: Orientierungshilfe für System-Neulinge, gleichermaßen aber auch Erinnerungsstütze für System-Profis. Die an den Anfang des Buches gestellte Zusammenfassung der systemischen Metatheorie enthält wohl alle wesentlichen Grundtheoreme der Systemarbeit, kann insofern für den Aufbau von Grundlagenseminaren gut herangezogen werden. In zwei weiteren ausführlichen Abschnitten fokussiert der Autor in einer übersichtlichen Gesamtschau Theorie, Diagnostik und Interventionsinstrumentarien in der Familientherapie und -beratung. Familiendynamik und Lebenszyklusmodell, Sozialisations- und Enkulturationskriterien, Mehrgenerationenperspektive, innerfamiliäre Delegationsaufträge, Loyalitätskonflikte, Tabu-, Scham- und Schuldverstrickungen - ein praxisbezogenes Kompendium für Familienarbeiter und solche, die es werden wollen. Während ein Großteil der deutschsprachigen Lehrbücher an diesem Punkt innehält, steuert RITSCHER zielgerade neue Ufer an. Die beiden Kapitel Schritte zu einer systemisch begründeten Sozialen Arbeit, vor allem jedoch die Systemischen Handlungsrichtlinien und Methoden für die Soziale Arbeit dürften sozialarbeiterische Neugier in satte Zufriedenheit verwandeln. Von Auftragsklärung und Hilfeplanerstellung, über Casework- und Gruppenarbeitstechniken, bis zur systemorientierten Gemeinwesen- und institutionellen Vernetzungsarbeit, sind alle Bürden erfasst, die den Alltag von Sozialarbeitern so oft als Fron der Geknechteten und Beladenen erscheinen lassen. Ein Überblick über die Methodenvielfalt in der Systemarbeit stellt verbale neben darstellende Techniken, gezielte Setting-Strukturierungen neben systemische Interview-Konzepte. RITSCHER bedient sich eines profunden Teams von Co-Autoren (Klaus DÖHNER-ROTTER, Gabriele REIN u.a.), die einzelne Abschnitte in Eigenregie beisteuern. Herausgekommen ist ein Lehrbuch im besten Sinne. Für Neulinge mag die kompakte Dichte des gebotenen Stoffes streckenweise schweißtreibende Konsequenzen haben, als begleitende Unterstützung in systemischen Aus- und Weiterbildungen scheint das Buch allemal unverzichtbar. Altgediente Systemtherapeuten und wissenschaftsfreundliche Wesen, die sich schon längst vom systemischen Bodensatz abgehoben dünken, werden gut daran tun, sich den neuen RITSCHER als Gedächtnisschmeichler und arbeitstechnisches Notfallprogramm ins Bücherregal zu sortieren. |
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