Rezension von Dieter Gnambs am 03.10.2002
Das Verschwinden der Väter
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Das Verschwinden der Väter von Luigi Zoja |
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Walter Verlag,
2002 294 Seiten Preis: 28,80 € ISBN: 3530401382 |
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Mailand ist berühmt für seinen Dom, sein Opernhaus, sein pulsierendes Geschäftsleben und seine Psychotherapeuten. Seit Jahrzehnten gilt die lombardische Metropole als Mekka der reinen systemischen Psychotherapie, die zahlreiche Therapiekundige und -halbkundige aus Italien, Europa, den USA anzieht, vom Wunsch beseelt, bei Mara SELVINI PALAZZOLI, Luigi BOSCOLO oder Gianfranco CECCHIN das Mailänder Modell der Systemkunst vor Ort zu studieren. Einige Wochen SELVINI-Life-Lektionen vorweisen zu können, gibt schon was her in den Kreisen eingeschworener systemischer Familientherapeuten. Seit einigen Jahren rührt ein neuer Psychokünstler kräftig um, heimst Literatur- (Premio Palmi, 2001) und Wissenschaftspreise (Gradiva Award, 2002) ein und wirft im Stakkato Bücher auf den Markt, die sich ausgezeichnet verkaufen: Luigi ZOJA, Jahrgang 1943, ist zwar ein biologisch bereits ordentlich ausgereifter Herr, gilt aber als kreativer und geistig jungdynamischer Spund in der Szene der etablierten italienischen Psychotherapie. Als führender Vertreter der Analytischen Psychologie fühlt er sich der Gemeinde der C.G. JUNG-Nachfahren zugehörig, arbeitet also in der Tradition der klassischen tiefenpsychologischen Psychotherapie. Im Gegensatz zur ursprünglichen, individuumzentrierten Psychoanalyse FREUDs vertrat JUNG schon früh einen umfassenderen Ansatz, der ihn (ab 1913) seinem Meister unwiderruflich entfremden sollte, da er alle Lebensäußerungen und Bedürfnisse des Menschen in seine Arbeit mit einzubeziehen suchte - frühkindliche Traumata und sexuelle Konflikte ebenso wie Sinnsuche und Sehnsucht nach Spiritualität (Transpersonalität). Seither wird die JUNGsche Psychotherapie aus der Perspektive rationalistischer Analytiker bei aller Wertschätzung und Gewogenheit den Geruch tendenzieller Abgehobenheit und Verquastheit nicht recht los. Dieser Vorwurf dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann einmal auch ZOJAs jüngstes Buch, Das Verschwinden der Väter treffen. Anwürfe dieser Art halte ich allerdings für unangebracht, polarisierend und enorm selbstgefällig (obwohl ich wesentliche Schlussfolgerungen des Autors nicht zu teilen vermag). Vorweg: Das Vater-Werk Luigi ZOJAs ist einfach spannend. Ein sozialpsychologisches, wissenschaftlich fundiertes Buch von der ersten bis zur letzten Seite mit Genuss lesen zu können, hat Seltenheitswert. Keine Ahnung, ob dieses Verdienst der exquisiten Übersetzung Rita SÜSS´ (ihr Name sei hier ausdrücklich erwähnt) zu schulden ist. Der Verdacht scheint berechtigt: ZOJA ist einfach ein exzellenter Stilist! Warum sonst wurde gerade dieses Buch mit einem der renommiertesten Literaturpreise Italiens dekoriert? Die Abhandlung stellt einen Mix mannigfaltiger Wissenschaftsdisziplinen dar: Psychologie, Anthropologie, Mythologie und Geschichte spannen einen breiten Bogen, der den Archetypus "Vater" aus grauer Vorzeit bis in die Postmoderne zu hieven sucht. Den Beginn setzen die (spekulativen) Vatergestalten der Prähistorie, um über den Vater-Mythos der klassischen Antike (wohl eines der stärksten Kapitel des Buches) und die markigen Patriarchen-Figuren der frühen Neuzeit in einem steten Niedergang letztendlich bei den blassen Vater-Hologrammen des 21. Jahrhunderts zu landen. Luigi ZOJAs Stimme scheint einen bedauernden Ton anzunehmen bei der Beschreibung der postmodernen vaterleeren Gesellschaft, fast könnte man annehmen, er vermisse die sengenden und brennenden Väter-Horden der Frühzeit und blicke nostalgisch zurück auf die gnadenlose patriarchale Omnipotenz vergangener Jahrhunderte. Doch gemach, kaum denkt man, den Autor in rückwärtsgewandten Sehnsüchten ertappt zu haben, schlägt er die Volte zum Aha-Erlebnis in der Gegenwart. Nicht das Verschwinden der monströsen Vatergestalten beklagt er, sondern das verbliebene Vakuum. Den mit autoritären Vätern verbundenen Werthaltungen vermag der Autor im Innenleben des Familiensystems auch positive Aspekte abzugewinnen, die heute verloren scheinen. Fast bedient sich ZOJA vulgärmarxistischer Interpretationstechniken, wenn er festhält, in einer Jahrtausende alten patriarchalen, rein rationalistisch orientierten christlich-abendländischen Kultur hätten männlich-väterliche Attribute von Stärke, Härte, Strenge und Abgrenzung neben ihrem gewalttätigen Aspekt auch sinn-, orientierungs- und schutzstiftenden Zwecken zu dienen. Oder platt ausgedrückt: In einer Gesellschaft mehr oder weniger subtiler Mörder und Räuber bedürfe es eben mörderischer und räuberischer Überlebensstrategien. Mit dem kontinuierlichen Niedergang der Repräsentationsfiguren dieser gewalttätigen Überlebensstrategien, der Väter, verschwinde jedoch nicht automatisch die strukturelle Gewalt unserer Gesellschaft, zumal sich Werthaltungen und moralische Normen (der gesellschaftliche Überbau) wesentlich langsamer und zeitverzögert zu ändern vermögen als die zu Grunde liegenden Strukturen. Zurück bleibe daher nicht die Abwesenheit von Gewalt, sondern Leere und Orientierungslosigkeit im gesellschaftlichen Kontext, die mit Ersatzrepräsentanten gefüllt werden müssten. Eine Konsequenz, die vor allem Jugendliche in die Arme streng strukturierter Gruppen und Ersatz-Väter treibe. Ein Dilemma, scheint es, aus dem auch der Autor keinen Ausweg anbietet. Und genau hier orte ich persönlich die Schwäche des Buches, es hinterlässt neben einer Unmenge neuer Erkenntnisse und Anregungen, neben einer ganzheitlicheren Sicht von väterlichen Funktionen in Gesellschaft und Familie, auch beträchtliche Ratlosigkeit und melancholisches Schulterzucken. Unverdrossen warte ich daher auf einen zweiten Band. Um bis zu dessen Erscheinen im Irgendwann nicht ganz zu verzagen, greife ich als Parallel-Lektüre zu einem alten Vaterverklopp-Klassiker, der mir das Verschwinden der Väter in einem freundlicheren Licht erscheinen lässt, zu Morton SCHATZMANNs Abrechnung mit einem Vater-Terroristen des bieder-bürgerlichen 19. Jahrhunderts: Daniel Gottlieb Moritz SCHREBER und dessen Langzeitwirkung einer damals begeistert applaudierten Erziehungsmethode, die seinen Sohn geradewegs ins Irrenhaus führte: Die Angst vor dem Vater - Eine Analyse am Fall SCHREBER. |
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