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Rezension von Dieter Gnambs am 11.09.2002

Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen

Botanik, Ethnopharmakologie und Anwendungen


Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen

von Christian Rätsch
 
AT Verlag, 1998
941 Seiten
Preis: 101,24 €
ISBN: 3855025703
 
Wenn ein Buch nicht mehr unter seinem Titel, sondern unter dem Namen des Autors kursiert, hat es Kult-Status erreicht. Der Rätsch, ein schwergewichtiges Konvolut von nahezu 1000 Seiten, stellt ein derartiges Unikum dar, zumindest im deutschsprachigen Raum. Akademische Wissenschaft und spirituelle Lebens- und Heilsentwürfe begegnen sich hier, um gleichermaßen bedient zu werden.

Christian RÄTSCH, Jahrgang 1957, Altamerikanist, Ethnopharmakologe und wissenschaftliche Singulärerscheinung, legte 1998 das Ergebnis seiner mehr als 20jährigen Forschungen an psychoaktiven Pflanzen (und Pilzen) in enzyklopädischer Form vor. Seither beobachtet er mit stiller Behaglichkeit die kontinuierlich steigenden Verkaufszahlen: innerhalb von 4 Jahren erschienen 6 Auflagen, die 7. wird gerade vorbereitet. An die 17.000 verkaufte Exemplare wanderten in dieser Zeit über die Büchertheken - für eine wissenschaftliche Enzyklopädie eindeutig ein Goodsellererfolg, wenn nicht bereits bestsellerverdächtig.

Das Stichwort psychoaktive Pflanzen interessiert keineswegs Botaniker allein. Drogenexperten werden hellhörig, selbstverständlich auch Psychologen und Therapeuten, Kulturanthropologen sowieso und, klar, die Szene der potentiell psychedelisch Bewegten, die in der westlichen Subkultur der 60er und 70er Jahre ihren eigenen abgeschotteten Kosmos bewohnte, mittlerweile aber zu einem wahrnehmbaren (wenn auch nicht ohne weiteres akzeptierten) gesellschaftlichen und ökonomischen Faktor avancierte.

Gleich vorweg: Christian RÄTSCH geht das umstrittene Thema seriös an, er brachte ein wissenschaftliches Kompendium zustande, das unterschiedlichsten Ansprüchen Genüge zu leisten vermag. Überschaubar und gut systematisiert beschreibt er seine psychoaktive Flora nach Botanik, Aussehen, Anbaumethoden, Zubereitung und Dosierung, Geschichte, rituellen und medizinischen Verwendungen, Inhaltsstoffen, Wirkungen, Marktformen und allfälligen rechtlichen Vorschriften. Spezielle Literaturangaben und Fotografien ergänzen die alphabetisch geordneten Pflanzen-Monografien. Für Psychologen und Psychotherapeuten von besonderem Interesse dürfte die penible Recherche der Wirkungsweisen und der Gefahren der pflanzlichen Inhaltsstoffe sein. Eine Anleitungsfibel zum möglichst flotten Zudröhnen für seelisch Unterbedarfte und emotionell Weggekippte, so die reflexhafte Abwertungsreaktion so mancher entsetzter Wissenschaftler, vermag ich nicht zu erkennen. Nur wenige Drogenfreaks oder pubertär labile Youngsters werden botanische und pharmakologische Studien bemühen ehe sie zu Stimulantien, Narkotika oder Halluzinogenen greifen, um sich aus ihrem irdischen Jammertal in andere Wirklichkeiten zu beamen.

RÄTSCH ist Empiriker. Jahrelang lebte er mit Lakandonenindianern in den Regenwäldern Mexikos, seine Schlussfolgerungen untermauert er mit Erfahrungen aus zahllosen Eigenversuchen und Experimenten. Seinem ideologischen Überbau mit schamanistischen Gegenwelten und "europäischen Schicksalsneurosen" (á la Gottfried BENN) mag folgen, wer derlei Krücken benötigt und schätzt. Notwendig ist es nicht. Zwar dürften auch so manche Psycho-Professionisten den spirituellen Schlussfolgerungen des Autors ihren Applaus nicht verwehren, RÄTSCH selber bleibt indessen um Distanz bemüht. In Interviews gibt er seinem unverhohlenen Amüsement über jene Therapeutenkollegen Ausdruck, die als selbsternannte, mit US-Zertifikaten versehene Wochenendschamanen Trommelekstasen und Dämonenaustreibungen zelebrieren und damit ein beträchtliches Klientensegment vorzüglich bedienen. Verbundener fühlt er sich offenbar den transpersonalen Psychotherapeuten, die spirituelle Fragestellungen systematisch in ihre Arbeit einbauen sowie den Vertretern von Stanislav GROFS psychedelischer Therapie, in der auch LSD-induzierte Techniken Zugang zu bewusstseinsverändernden Erfahrungen "transzendentaler Art" (Tod, Wiedergeburt, Archetypen) ermöglichen sollen. Insgesamt bewahrt er jedoch buddhistischen Gleichmut und Gelassenheit gegenüber allen ungebetenen Verbrüderungsversuchen und scheut auch nicht die (wenigstens rentable) Mühe, Managern seminaristisch exotische Spiritualitäts- und Mystik-Kicks zu deren Erbauung zu vermitteln. Such is business.

Das Wehklagen über den hohen Preis finde ich nicht ganz verständlich. Ein Werk dieses Ausmaßes und dieser Qualität darf ruhig etwas kosten, der Autor auch einen materiellen Lohn für jahrzehntelange Mühen beanspruchen. Dem unternehmerischen Wagemut des Schweizer AT-Verlags, der auf wissenschaftliche Psychedelik-Literatur und alternative Kochbücher spezialisiert ist, gebührt Anerkennung, seine Profit-Maximierung sei ihm vergönnt.


Weitere Literatur von Christian RÄTSCH:

"Räucherstoffe - Der Atem des Drachens - Ethnobotanik und Rituale"
(AT-Verlag; 232 Seiten)
In 72 reich illustrierten Pflanzenporträts beschreibt der Autor die Geschichte und rituellen Praktiken der Räucherstoffe (Harze, Rinden, Hölzer, Blätter und Samen) und liefert so einen Beitrag zur Kulturanthropologie.

"Urbock - Bier jenseits von Hopfen und Malz: Von den Zaubertränken der Götter zu den psychedelischen Bieren der Zukunft"
(AT-Verlag; 226 Seiten)
Beschrieben wird die Geschichte des Bieres unter einem neuen Aspekt - als Medizin, Aphrodisiakum und Psychedelikum. Reich illustriert.

"Pflanzen der Liebe - Aphrodisiaka in Mythos, Geschichte und Gegenwart"
(AT-Verlag; 208 Seiten)
In 113 farbillustrierten Monografien beschreibt RÄTSCH die bekanntesten und wirksamsten aphrodisischen pflanzlichen Gewächse in ihrem historischen und kulturellen Rahmen.

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